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Donnerstag, 02.12.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

Langer Fluss in die Nacht: Turandot auf der Freilichtbühne

Mit einem opulenten Theaterereignis eröffnete am Samstagabend das Stadttheater die Freilichtbühnensaison 2010. Giacomo Puccinis letztes und unvollendetes Meisterwerk wurde in der Inszenierung von Thaddeus Strassberger am Roten Tor sehr differenziert in Szene gesetzt.

Die Gestaltung der Kulisse der nächtlichen Wallanlagen am Roten Tor ist neben der besonnen Vitalität des Orchesters die eigentliche Attraktion der Inszenierung (Foto: Schaefer)

Im versunkenen China der Kaiser, Warlords und Tataren, also im prähistorischen China Puccinis ist Prinz Calaf (Ricardo Tamura) Prinzessin Turandot (Sally du Randt) verfallen und unterwirft sich todesmutig deren ultimativem Heiratsreglement. Der Prinz gewinnt das tödliche Spiel: Calaf löst die drei Rätsel, die Turandot jedem liebestrunkenen Freier stellt, und hat sich damit das Recht auf Heirat erworben. Hochzeit oder Henker, so die Losung. Doch Prinz Calaf will mehr als eine Zwangsheirat: Liebe oder Tod. Der Prinz gibt Turandot die Option der Wahl mit einem „Gegenrätsel“ zurück. Wenn sie seinen Namen herausfände, würde er sein Leben in ihre Hand geben. Die „schlechte Verliererin“ Turandot terrorisiert daraufhin die nächtliche Stadt auf der Suche nach des Prinzen Namen. Keiner solle in dieser Nacht Schlaf finden: „Nessun dorma – keiner schlafe“, die wohl berühmteste Tenorarie der Operngeschichte, die Luciano Pavarotti zum WM-Finale von 1990 im Olympiastadion zu Rom anstimmte, wurde von Ricardo Tamura, der kurzfristig für den erkrankten Ji-Woon Kim einsprang, routiniert und angemessen gemeistert. Das gilt durchgängig für die gesamte Inszenierung und alle Stimmen. Ein wenig herausragend vielleicht: Sophia Christine Brommer, die die junge Sklavin Liu gab und mit ihrem geschmeidig schwebenden Sopran der tragischen Figur der unglückliche Liebenden die lyrische Präsenz des Unglücks und der Hoffnung verlieh, die die überzeichnete Dramatik italienischer Opern im Innersten zusammenhält.

Sklavin Liu (Sophia Brommer), Tatarenkönig Timur (Stephen Owen), Prinz Calaf (Ricardo Tamura)

Sklavin Liu (Sophia Brommer), Tatarenkönig Timur (Stephen Owen), Prinz Calaf (Ricardo Tamura) Foto: Schaefer


Strassbergers Inszenierung am Roten Tor gleitet wie ein breiter ruhiger Fluss beinahe vergeistigt in die Nacht hinein. Das Martialische des Märchens bleibt bei Strassberger im Hintergrund. Er wollte sich von Klischees des „klassischen“ Chinabildes entfernen und versetzte den Beginn in die Fantasy-Welt einer Ausgrabungsstätte – angesiedelt irgendwo zwischen der tibetischen und mongolischen Kultur im 20sten Jahrhundert. Calaf ist dort als Archäologe mit Ausgrabungen der Terracotta-Armee aus dem Mausoleum Qin Shihuangdis beschäftigt. Ein Quasi-Schliemann, der nicht nur in der Erde gräbt, sondern sich immer stärker in den ureigenen Obsessionen verliert.

Schliemanns „falsches Troja“ als Ausgangsmetapher

Die Legende der grausamen chinesischen Prinzessin Turandot zieht den manisch Suchenden in die Unterwelt der Geschichte zurück. Auslöser dieser Zeitreise ins Märchen ist die Entdeckung des Schreins der mumifizierten Prinzessin Turandot. Schliemanns „falsches Troja“ ist somit die Ausgangsmetapher für den von Strassberger entwickelten Plot. Eine spannende Idee, die sich dem des Italienischen nicht mächtigen beziehungsweise dem nicht vorbereiteten Publikum aus der Inszenierung heraus allerdings nicht auf Anhieb erschließt.

Unter freiem Himmel generiert jede Oper eigentümliche Gesetzmäßigkeiten, und dazu gehört das Spiel mit der natürlichen Umgebung. Die Gestaltung der Kulisse der nächtlichen Wallanlagen am Roten Tor ist neben der besonnen Vitalität des Orchesters die eigentliche Attraktion der Inszenierung. Strassberger und Madeleine Boyd (Bühnenbild und Kostüme) haben das historische Mauerwerk der Freilichtbühne dergestalt realistisch in die Inszenierung integriert, dass im Lauf des Abends – nicht zuletzt aufgrund der dezenten Lichtdramaturgie – die Wahrnehmung des Betrachters immer weniger zwischen Bühne und „wirklicher Welt“ differenziert. Und da die Gattung Oper nun mal in den längsten Phasen ihrer Geschichte ein volkstümliches Theater war, passt auch die unverspielte Wucht der nahtlos integrierten Mauerwerke bestens zur Regieidee der ins Märchen versinkenden Gräberstadt.

Der betörende Zauber der großen italienischen Oper speist sich aus der verzerrten Erzählform und aus der Lust an der Übertreibung. Gerade deshalb muss man Dirk Kaftans kontrolliertes Dirigat bewundernd zur Kenntnis nehmen. Das Orchester brodelt, zischt und schwelgt der Partitur entsprechend – und folgt dabei dennoch mit stoischer Zurückhaltung im Zusammenspiel mit den Sängern der unaufgeregten Regie von Thaddeus Strassberger.

„Es sieht nicht gut aus“

Ghana vs. USA: Der König der Tataren schaut in der Pause Fußball im Irish Pub

Ghana vs. USA: Der entthronte König der Tataren vor dem zweiten Akt im Irish Pub (Foto: Fijalkowski).


Prinz Calafs Vater Timur, der entthronte König der Tataren – von Stephen Owen mit vibrierender Basswucht versehen – konnte es nicht lassen, in der Pause nach dem ersten Akt im nah gelegenen Irish Pub das Achtelfinale zwischen Ghana und dem US-Team zu verfolgen. „Es sieht nicht gut aus“, so der Amerikaner Owen kurz vor der Halbzeitpause, „Ghana führt eins zu null und wirkt agiler als wir“. Der König der Tataren sollte mit seiner Prognose Recht behalten. Er sei zwar Amerikaner, aber seit er in Europa lebe, habe er bei einer WM oder EM kein einziges Spiel verpasst. Kurz vor Beginn des zweiten Aktes eilte Owen zusammen mit dem Rezensenten im Sauseschritt zur Spielstätte zurück. Integration ist eine Konsequenz der Bildungsbereitschaft, könnte man folgern. Am Ende gab es zustimmenden, aber keineswegs frenetischen Applaus.

Auf der Premierenfeier



Die Saisoneröffnung der Freilichtbühne als gesellschaftliches Ereignis: Der halbe Kulturausschuss war vertreten. Gesehen wurden Kulturreferent Peter Grab (Pro Augsburg), Andreas Jäckel (CSU), Karl-Heinz Schneider (SPD), Dr. Dimitrios Tsantilas (CSU), Verena von Mutius (Grüne), Liselotte Grose (SPD), Christa Stephan (SPD), Eva Leipprand (Grüne), Umweltreferent Rainer Schaal (CSU) sowie Thorsten Große (CSU).



Eva Leipprand: „Rundum gelungen“ – hier mit GMD Dirk Kaftan.

Karl-Heinz Schneider (links): „Bühnenbild hervorragend integriert.“

Peter Grab mit Lebensgefährtin Sabine Gentner: „großartiges Bühnenbild.“



(Fotos: Fijalkowski)