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Samstag, 04.12.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

Lange Brechtnacht: Lost in USA; das Hollywooder Liederbuch

Zur Langen Brechtnacht 2017 gestalteten Franz Xaver Schlecht, Bariton (Berlin) und Bernhard Haselmann, Klavier (Augsburg) im Kulturhaus Kresslesmühle einen Liederabend mit der Musik von Hanns Eisler und Texten von Bertolt Brecht aus dem Hollywooder Liederbuch. Njamy Sitson (Augsburg/Kamerun) ergänzte mit percussiven Einwürfen und Texten, Regie führte Rike Reiniger.

Von Andrea Huber

Franz Xaver Schlecht, Bernhard Haselmann, Njamy Sitson v.l. (c) A. Huber (DAZ)

Franz Xaver Schlecht, Bernhard Haselmann, Njamy Sitson v.l. (c) DAZ


Mit dem Hollywooder Liederbuch, einer Kunstliedsammlung mit Texten größtenteils von Brecht, die Hanns Eisler 1942/43 unter dem Eindruck des Lebens im Exil in der Nähe von Hollywood komponierte, wollte Eisler unter anderem seine Sehnsucht nach der für ihn verloren gegangenen kulturellen deutschen Identität und das Unverständnis für das Geschehen in Europa zum Ausdruck bringen. Die Hollywooder Lieder für Gesang und Klavier weichen in ihrer ursprünglichen Form und Besetzung nicht vom klassischen Kunstlied ab und weisen musikalisch eine breite stilistische Vielfalt auf. Von klassisch-romantisch bis freitonal geben sich die Klänge, teilweise auch an Unterhaltungsmusik wie Schlager oder Blues orientiert – manchmal sogar beides ineinander verwoben.

Franz Xaver Schlecht intonierte mit seiner Baritonstimme sicher, in klarem Textvortrag und die Stimmung der Lieder eingefangen, so gut das in der für einen Liederabend eher kompakten Akustik der Kresslesmühle möglich ist. Bernd Haselmann am Klavier begleitete einfühlsam und improvisierte bei manchen Stücken in Kooperation mit Njamy Sitson, zuweilen jazzorientert. Njamy Sitson (Augsburg/Kamerun) ergänzte mit improvisatorischen Einwürfen, teilweise auch liedbegleitend und gab auf verschiedenen Percussion-Instrumenten und singend nicht nur einen Einblick in sein multiinstrumentales Können, sondern reflektierte unter der Regie von Rike Reiniger durch Textvorträge zwischen den Liederblöcken die existentielle Ausnahmesituation Geflüchteter, übertragen von den 1940ern ins Jahr 2017.

Eigentlich ist der intime Theaterraum der Kresslesmühle mit den von zwei Seiten die Bühne umschließenden Publikumsreihen sehr persönlich – näher am Künstler sein geht kaum. Gerade deshalb wäre etwas mehr Interaktion und Kontakt zwischen Künstlern und Publikum wünschenswert gewesen. Man vermisste bezugnehmende Worte zu den einzelnen Liedern, und die im Programmheft angekündigte „szenisch verdichtete Form“ beschränkte sich im Wesentlichen auf die abwechselnde Besetzung in den einzelnen Stücken und den unterteilenden Textvortrag von Njamy Sitson.

Daher wirkte die Zusammenstellung der Lieder am Samstag etwas willkürlich, was aber wohl bereits der collagenartigen Aneinanderreihung der Lieder im Hollywooder Liederbuch – es gibt keinen inhaltlichen Bezug der Lieder untereinander – geschuldet ist. Dennoch, durch die geschickte Liedauswahl für den Augsburger Auftritt wurden großflächig verschiedenste Musikstile abgedeckt – von der Romantik über freie Tonalität bis hin zum Jazz und das Publikum war um eine neue Erfahrung im Kunstliedbereich reicher.