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Freitag, 24.09.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

Lange Brechtnacht: Arturo Ui auf den Punkt

Christian Friedel schälte den Kern aus Brechts Hitler-Drama



Das war knapp, hart, deutlich. In einer auf nur eine Stunde Spielzeit zusammengestrichenen Fassung zeigte der Schauspieler Christian Friedel Brechts „Aufstieg des Arturo Ui“ radikal auf den Punkt gebracht und schälte dabei auch den Kern heraus: Brecht ging es ja nicht nur um eine Nacherzählung von Hitlers Aufstieg, sondern auch um eine Parabel auf Faschismus und Raubtier-Kapitalismus schlechthin.

Von Frank Heindl



Vom Blumenkohl zur Weltherrschaft: Christian Friedels „Arturo Ui“ ließ offen, ob Ui „nur“ Hitler ist oder ob er für das System des Faschismus schlechthin steht. (Foto: Frank Heindl).

Vom Blumenkohl zur Weltherrschaft: Christian Friedels „Arturo Ui“ ließ offen, ob Ui „nur“ Hitler ist oder ob er für das System des Faschismus schlechthin steht. (Foto: Frank Heindl).


Wenn man letzteres in Betracht zieht, dann ist es eigentlich kein Problem, die ganzen detaillierten historischen Bezüge, die Brecht in faszinierender Detailgenauigkeit und Recherchegründlichkeit in seinen „Ui“ eingebaut hat, einfach zu ignorieren. Dann ist es gar nicht wichtig, dass mit dem schwächlichen Dogsborough Hitlers Wegbereiter Hindenburg gemeint war, dass Herr Dullfeet jenen österreichischen Kanzler meinte, der den „Anschluss“ seines Landes ans „Reich“ befürwortet, Zwang dabei aber eher abgelehnt hatte. Dass Roma für Ernst Röhm steht, ein enger und langjähriger Vertrauter Hitlers, den dieser in der Konsolidierungsphase der NSDAP kurzerhand ermorden ließ, um die eigene politische Linie endgültig durchzusetzen.



Verschnaufpause bei Shakespeare


Dies alles ist funktioniert nicht nur bei Nazis so, sondern auch bei allen anderen Gangsterbanden dieser Welt und, in mannigfaltigen Abwandlungen, selbstverständlich auch überall dort, wo Politik, Macht und wirtschaftliche Interessen ad hoc und mit Gewalt durchgesetzt werden. Und das zeigte Christian Friedel in seiner One-man- plus One-woman-Show sehr genau. Die Frau an seiner Seite ist die ebenso wandel- wie wunderbare Schauspielerin Lisa Wagner. Sie tritt in vielerlei Rollen auf und darf dafür nur jeweils kurz mal die Perücke wechseln, sie brilliert vor allem als Schauspiellehrerin, bei der Ui am Beispiel einiger Textstellen aus Shakespeares „Julius Caesar“ lernt, wie man schreitet, spricht und sitzt, wenn man die Massen in den Griff kriegen will. Grundrezept: Die „große Geste“ und ein griffiger Refrain: „Brutus ist ein ehrenwerter Mann“ – beides bei Shakespeare zu finden und von Brecht effektvoll auf den Ui angewandt, der auf diese Weise vom polternden Rüpel zum rüpelnden Staatsmann wird und, am Vorbild Hitler orientiert, genau aus dieser feinen Nuancierung seinen Gewinn schlägt.



F
riedel hat neben Lisa Wagner auch noch seine Band “Woods of Birnam“ mitgebracht – der Bandname ist ebenfalls ein Shakespeare-Zitat. Sie unterstützt Friedel beispielsweise dabei, das Stück mit einem grellen Schrei zu eröffnen und dann immer wieder Druck zu machen, wenn die Situationen eskalieren – und das ist oft, denn Friedel hat den Ui als permanente Eskalation inszeniert. Die Schauspielunterrichts-Szene ist denn auch nur eine kleine burleske Verschnaufpause zwischen Intrigen und Morden, zwischen Hallen-(bzw. Reichtags-)brand und Freundesverrat. Kaum eine Stunde ist vergangen, als Ui, von Sieg zu Sieg geeilt, schon seinen Anspruch auf alle relevanten Städte Nordamerikas hinausbrüllt, seinen Anspruch auf die Weltherrschaft mithin – und auch das tut er nicht nur als Ui, sondern auch als Hitler, nicht nur als Chef des Karfiol-(=Blumenkohl)-Trusts, sondern auch als ideeller Gesamtkapitalist. Zwischendurch kam er uns mit seiner blödsinnigen Schreierei auch ein bisschen wie Donald Trump vor. Aber das gehört hier wohl eher nicht hin.  Viel Applaus für das Musiker-Schauspieler-Team und einen tollen Brechtabend.