DAZ - Unabhängige Internetzeitung für Politik und Kultur
Dienstag, 03.08.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

“lab.30” trotz(t) Biennale-Konzept

Das „Biennale-Konzept“ des Kulturreferenten hat den städtischen Etat für das Elektronik-Festival „lab.30“ deutlich reduziert, der im vergangenen Jahr rasch ins Leben gerufene Freundeskreis konnte bei weitem nicht so viele Spenden akquirieren, wie optimistisch angenommen – und trotzdem steht dem „lab“ in diesem Jahr mehr Geld zur Verfügung als je zuvor: Auf 30.000 Euro ist der Etat angewachsen, dank gestiegener Drittmittel und Unterstützung aus dem Kultusministerium.

Von Frank Heindl

Musizierende Nähmaschinen (Foto: Annie Zielinski) …

30.000 Euro für eine ambitionierte Ausstellung elektronischer und Medienkunst aus dem In- und Ausland sind natürlich nicht viel. Trotzdem freut sich Peter Grab, das „lab“ stehe nun – nicht trotz, sondern dank seines Biennale-Konzeptes – „auf soliden Füßen.“ Und der städtische Kulturetat wird geschont: Gab Grab fürs lab früher jährlich 20.000 Euro pro Jahr aus, sind es jetzt nur noch 30.000 Euro für zwei Jahre. Das Konzept stellte es den Veranstaltern zwar von Anfang an frei, weiterhin jährlich vors Publikum zu treten – dann allerdings entweder mit weniger Geld oder mit anderweitig aufgetriebenen Mitteln. Nach Christian Stocks „Jazzsommer“ verweigert sich mit „lab.30“ nunmehr ein weiteres städtisches Festival dem Zwei-Jahres-Rhythmus – und hat die entstandenen Finanzierungslücken in Eigeninitiative gestopft. Zunächst zumindest – denn die Rechnung geht natürlich nur auf, solange die Sponsoren bei der Stange bleiben. Im Fall von „lab.30“ sind das der städtische Dauersponsor Stadtsparkasse und dessen Stiftung Aufwind – die öffentlich-rechtlichen Banker haben sich mittlerweile für die städtische Kultur in weiten Bereichen unverzichtbar gemacht und bauen dabei auf Imagegewinn.

Wie auch immer – das „lab.30“-Programm für 2013 steht, am 24. Oktober geht’s los. Beim veranstaltenden Kulturamt freut sich Elke Seidel, dass man sich um Künstler kaum mehr sorgen muss: Zwar schreibt die städtische Behörde jährlich 500 Institutionen an und wirbt um Einsendungen. Doch mittlerweile genießt das „lab“ den Ruf einer kompetenten Veranstaltung, Szenekenner empfehlen es weiter als Einstieg in die nicht eben einfache Welt der Medienkünstler. Es gehe „familiär“ zu, sagt Seidel, viele der Künstler kennen sich aus Augsburg. Und der Freundeskreis verstärkt diese Atmosphäre: Die Unterstützer um Gerald Fiebig, einer der diesjährigen Kunstpreisträger der Stadt, suchen aufgeschlossene Zeitgenossen, die den teils von weither (zum Beispiel aus Kanada) anreisenden Künstlern private Quartiere verschaffen – Avantgardekunst mit Familienanschluss sozusagen, wenn auch mit dem Hintergedanken, dem Festival auf diese Weise Hotelkosten zu ersparen. Vor einem Jahr allerdings hatte Fiebig auf Spenden in Höhe von 10.000 Euro gehofft – es sind nur 3.000 geworden, die nun aber immerhin zehn Prozent des Festivaletats ausmachen.

Installationen, Konzerte, Clubnächte, Workshops, Stadterkundung

… ein Krachkistenorchester (Foto: Annie Zielinski) …

… ein Krachkistenorchester (Foto: Annie Zielinski) …


15 Exponate zeigt „lab.30“, dazu neun Konzerte, Clubnächte und – zum ersten Mal – Workshops und Lehrerfortbildung. Zum letzten Punkt zuerst: Weil „das Interaktive“ schon immer so gut angekommen sei beim Festival, wollen die Macher nun ihr Publikum noch weiter einbinden. „Der „Gedanke des Selbermachens“, so Barbara Friedrichs, die mit Elke Seidel zusammen das Festival kuratiert, soll nun mit Schulklassen geprobt werden, die Workshops finden teilweise schon vor Festivalbeginn statt. Gleichzeitig leitet der Elektronik-Künstler Karl-Heinz Jeron Workshops für Lehrer, in denen diese lernen sollen, mit ihren Schülern in die Welt der elektronisch-medialen Kunst einzutauchen. Jeron ist ausgewiesener Fachmann – er hatte im vergangenen Jahr auf dem „lab“ die wunderbar-komische Roboteroper „Hermes“ gezeigt (DAZ berichtete). Gesucht werden allerdings noch „Paten“: Auch diese dürfen sich kostenlos ausbilden lassen und sollen dafür ca. zweimal jährlich in den Klassen helfen, wenn mit den Schülern kreativ geschraubt, gelötet und gestaltet wird, wenn zum Beispiel aus alten Handybauteilen oder Kameralinsen neue Anwendungen entstehen. Finanziell ist diese Programmausweitung für das Festival keine Anstrengung – die Workshops werden vom Kultusministerium gefördert und schaffen gleichzeitig Publikumsnachwuchs.

Auf dem Festival selbst kann man einmal mehr die merkwürdigsten und schönsten Kombinationen aus Technik und Ästhetik, aus Phantasie und Elektronik bewundern. Der Schweizer Zimoun beschäftigt 150 kleine Motoren damit, mit langen Metallfühlern gegen eine Wand zu trommeln. Die Klangskulptur erzeugt gleichmäßiges Prassel und schattenhafte Bewegung und soll Assoziationen zum geordnet-chaotischen Leben der Moderne wecken. In „Ichi-Kousatsu“, einer japanische inspirierten Installation aus Weimar, erzeugten die Besucher allein durch ihre Anwesenheit Bewegung und Veränderung im Schattenbild eines kahlen Astes, das an die Wand geworfen wird – der Ast erhält dann neue Zweigstrukturen. Diese Arbeit dürfte zu den „eher sinnlich“ (Seidel) zu erfassenden Exponaten gehören. Einen im Ansatz lustigen und gleichzeitig nachdenklich machenden Umkehrschluss erzeugt „MR-808 Interactive“. Elf kleine Roboter sind hier damit beschäftigt, den Sound eines elektronischen Drumcomputers nachzuempfinden – auf Instrumenten wie Trommeln und Becken entstehen so analoge Nachahmungen digitaler Sounds. Die interaktive Komponente besteht darin, dass die Zuschauer zum Beispiel mithilfe von Smart Phones die Roboter programmieren können.

Singende Singer-Nähmaschinen

Mehr muss nicht unbedingt vorher verraten werden – „lab.30“ wird wohl wieder einmal viel Nachdenkenswertes, und viel Spaßiges bieten, und der Jury wird es womöglich am Ende nicht leicht fallen, den diesjährigen Preisträger zu küren. Am Samstagabend (26.10.) um 23.45 Uhr wird der Gewinner des mit 1.000 Euro dotierten „Lab Award“ bekanntgegeben, hochkarätige Experten der Medienkunst bilden die Jury.

… und Workshops zum Roboterbasteln – das ist (unter anderem) das lab.30-Festival.

… und Workshops zum Roboterbasteln – das ist (unter anderem) das lab.30-Festival.


Umrahmt wird das Festival von mehreren Konzerten. Man kann zum Beispiel das Nähmaschinenorchester des Kanadiers Martin Messier erleben. Genäht wird dabei nicht, dafür dürfen die Singer-Maschinen singen und klingen, rattern und knattern – ritsch-ratsch-klick. Als „facettenreichen Noise“ bezeichnet da Programmheft den Sound des „Krachkisten Orchesters“ aus Hamburg, das auf elf selbst gebauten „analog-elektronischen“ Instrumenten „verwirrt und beeindruckt.“ Die britische Künstlerin Vicki Bennett collagiert aus bekannten und unbekannten Film- und Tondokumenten aus dem Archiv der BBC neue Sinnzusammenhänge – sie ihre Performance auch schon in der Tate Modern und dem Centre Pompidou gezeigt. Am Samstag und Sonntag zeigt das „lab“ außerdem als „Festival im Festival“ Kurzfilme, die 2013 bei der „Ars Electronica“ in Linz prämiert wurden – es handelt sich hierbei um „computergenerierte Animationsfilme der Film-, Werbe- und Unterhaltungsindustrie“, bei der es auf künstlerische Originalität ebenso ankommt wie auf exzellente technische Leistung.

Und schließlich ist auch noch „Mehr Musik“ beim „lab“ vertreten. In der Tradition der in Augsburg schon bekannten „Hörspaziergänge“ übertragen Weimarer Künstler den Sound eines unbekannten Augsburger Ortes auf Radios und Kopfhörer der Teilnehmer. Wo steht das Mikrofon?, lautet die Frage, die Veranstaltung heißt folglich: „Eine Stadt sucht ein Mikrofon“. Dieses „akustische Geo-Caching“ findet einmal im Wittelsbacher Park statt (Samstag, 26.10., 13.00 Uhr), und ein weiteres Mal beim Oberhausener Gaskwerk (Sonntag, 27.10., 14.30 Uhr). Auch diese Stadterkundung ist eine Aktion – wie das ganze Festival – in der Wahrnehmungsgewohnheiten in Frage gestellt werden, in der Gewohntes neu gesehen (und gehört) werden kann, in der Technik und Ästhetik neue Allianzen eingehen und zu verblüffenden Ergebnissen führen sollen – zunächst in den Veranstaltungsräumen des „abraxas“ in der Sommestraße, anschließend in den Köpfen der Besucher und Teilnehmer. Und zwar bis weit nach Mitternacht, denn im Anschluss an die Ausstellung gibt es wie immer die bekannten Clubnächte in der „Glimmer Bar“ im Nordflügel.

Das lab.30-Festival dauert vom 24. – 27. Oktober und findet im Kulturhaus abraxas in der Sommestraße statt (www.abraxas.augsburg.de). Im Programmheft finden sich u.a. die genauen Zeiten und Beschreibungen der einzelnen Veranstaltungen.