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Donnerstag, 22.07.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

“KuSpo”: Gaudi aus dem Hause Grab

Kommentar von Siegfried Zagler

Das Kulturreferat ist in Augsburg seit knapp einem Jahr mit dem Sportressort verzahnt. Peter Grab ist mit dieser Idee offen in den Wahlkampf gezogen und hatte damals mit der konservativen Kulturreferentin der Grünen, Eva Leipprand, eine kongeniale Gegenspielerin. Dass sich Peter Grab mit Pro Augsburg gegen die nicht unglücklich agierende Kulturreferentin Leipprand durchsetzen konnte und nun nach und nach “seine” Idee des “erweiterten Kulturbegriffes” in die Stadtgesellschaft einführt, ist aber mehr dem Einbruch der Wengert-SPD geschuldet denn dem erkennbaren Wählerwillen in Bezug auf neue Kulturkonzepte in der Kulturstadt Augsburg. Wie auch? Im Wahlkampf gab es dazu – außer der Aussage, dass man für alles offen sei – kaum Konkretes.

In der Kulturausschusssitzung am vergangenen Montag sind nun zwei konkrete Projekte von Pro Augsburg und dem Kultur-/ Sportreferat ins Rollen gebracht worden. Projekte, die in Augsburg für einen heißblütigen Kulturkampf sorgen könnten und nie und nimmer zur Disposition stünden, wenn Pro Augsburg und Peter Grab nicht in der Regierung säßen.

Die Freilichtbühne soll aus dem Stadttheater ausgelagert werden und als GmbH mit eigenständiger künstlerischer Leitung ohne eigenes Ensemble verlorenes Bedeutungsterrain in allen musikalischen Unterhaltungsgenres zurückgewinnen. Man kann über die “neue Philosophie” für die Freilichtbühne trefflich streiten. Und es ist zu hoffen, dass die neue Stadtregierung der notwendigen Diskussion genügend Zeit einräumt, damit die radikale und profund begründete Strukturreform von der Augsburger Stadtgesellschaft nicht als “Kommerzialisierungsputsch” (miss)verstanden wird. Ohne ergebnisoffene Diskussion könnte dieser Eindruck zu Recht entstehen.

Das zweite Konzept aus dem Hause Grab, das “Augsburger Pilotprojekt Kultur und Sport” ( KuSpo) ist dagegen noch weit von akzeptabler Diskussionsreife entfernt. Was Kulturkoordinatorin Iris Steiner, Projektleiterin Karin Schubert, Sportamtschef Robert Zenner und Kulturreferent Peter Grab bei der Zusammenstellung ihres “Grobkonzeptes” als “Schnittmenge” von Kultur und Sport zusammenführen wollen, ist im nichtöffentlichen Teil der Kulturausschusssitzung von Christa Stephan (SPD) verrissen worden. Im öffentlichen Teil hat die Opposition das Textfragment noch resignativ durchgewunken.

Der theoretische Ansatz, Kultur und Sport als etwas sinnlich Erlebbares zusammenführen, ist kein Konzept, sondern ein luftiger Gedanke, unter dem eine Reihe skurriler Events subsumiert wurden. Sport transzendiert dann zur Kultur, wenn er über das einzelne Wettkampfergebnis hinaus mit den Maßstäben der Kunst bewertbar wird.

Fußball zum Beispiel soll hierzulande nicht nur erfolgreich, sondern auch schön sein. Was aber ist am Fußballspiel schön? Um die Schönheit des Spiels ergebnisunabhängig zu differenzieren, braucht es Sprache, die über die Berichterstattung hinausgeht. Sprache, die sich in den 70ern noch an den Begriffen der Theaterkritik orientierte. Zwischen “Netzer kam aus der Tiefe des Raumes” des FAZ-Feuilltonisten Karl Heinz Bohrer und dem “um das Gekicke gut zu finden, braucht man wohl eine Trainerlizenz” des Sportreporters Marcel Reif liegen dreißig Jahre Metasprache zur Lesart des Fußballsports.

Die FAZ und die Süddeutsche haben in dieser Zeit das Schreiben über Sport zu einer eigenen Kunstform entwickelt. Reif und die Fußball-Feuilltonisten sind begehrte Podiumsgäste, wenn es darum geht, etwas Kluges über Kultur und Sport zu sagen. Doch womöglich ist das den Machern von KuSpo zu abstrakt. Sie setzen auf Publikumszuspruch und bemühen sich um Oli Kahn oder Hansi Hinterseer.

Sport transzendiert zur Kultur, wenn das ästhetische Muster des Wettkampfes in der Bewertung kulturell bedeutsam wird. Sport ist in seiner gesamten Bedeutsamkeit immer mit kulturell bedingten Anschauungsweisen verflochten. Das mag ein wenig abgehoben klingen, und vielleicht muss man Joyce Carol Oates’ Essay “Über Boxen” kennen, um zu verstehen, dass man Sport als kulturelle Metapher auf das reale Leben zu verstehen hat:

“Ich habe keine Schwierigkeit, Boxen als Sport zu rechtfertigen, weil ich es nie als Sport gesehen habe. Boxen hat grundsätzlich nichts Spielerisches, nichts Helles, nichts Gefälliges an sich. In seinen intensivsten Momenten ist es ein so ungebrochenes und so machtvolles Bild des Lebens – seiner Schönheit, seiner Verletzlichkeit und Verzweiflung, seines unberechenbaren und oft selbst zerstörerischen Muts -, dass es das Leben selbst ist und kaum ein bloßer Sport …”

Sport ist mehr als Ergebnis, mehr als die Entscheidung über Sieg oder Niederlage. Diese einfach Formel hätte genügt, um KuSpo einen theoretischen Überbau zu geben. Die Macher von KuSpo wollen aber nicht differenzieren, sondern zusammenführen. Das Zusammengeführte solle dann eine neue Sichtweise, eine neue sinnliche Erfahrung ermöglichen.

Das sogenannte “Lebendschach” ist eine bekannte Variante dieser Idee. In Augsburg könnte man das folgendermaßen zelebrieren: Auf dem Rathausplatz wird ein flächendeckendes “Schachbrett” verlegt. Die Schwerfiguren sind BallettschülerInnen aus den örtlichen Tanzschulen und Stadträte (Bauern). Die Spieler (Bernd Kränzle und Stefan Kiefer) lassen “ihre Figuren” durch Zuruf auf die richtigen Felder tanzen, fachliche Unterstützung erfahren die Kontrahenten von den besten Spielern Augsburger Schachvereine. Der Augsburger Sportjournalist Waldemar Hartmann kommentiert das Spektakel. Jeder Zug wird von den Tänzern kunstvoll mit musikalischer Begleitung des Philharmonischen Orchesters getanzt.

Zugegeben: Diese Idee ist alles andere als neu. Im italienischen Monselice lockt ein ähnliches Spektakel jährlich Tausende von Zuschauern. Das einzige Manko dabei ist, dass dieses gesellschaftliche Event wenig mit dem Schachsport, wenig mit klassischer Musik und fast gar nichts mit Ballett zu tun hat. In Monselice ist es – wie das Turamichele in Augsburg – eine traditionsreiche, volkstümliche Gaudi, die niemand ernsthaft mit Sport, Ballett oder Musik in Verbindung bringt.

Das Gleiche lässt sich über KuSpo sagen. Die im Kulturausschuss vorgestellte Eventreihe hat weder etwas mit Sport noch mit Kultur zu tun. Falls diese 100.000 Euro teure Auflistung billiger Zirkusnummern aus falsch verstandener Koalitionstreue geräuschlos von der bürgerlichen Stadtratsmehrheit bewilligt werden sollte, sollte man zumindest dafür sorgen, dass der peinliche Klamauk ohne großes Aufsehen abgewickelt wird.

Falls sich die täglich zunehmende DAZ-Leserschaft – ob der harschen Worte – selbst ein Urteil bilden möchte, bitte:

» KuSpo Programmideen 2009 (pdf 41 kB)