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Dienstag, 04.12.2018 - Jahrgang 10 - www.daz-augsburg.de

Kunstsammlungen: Bilanz und Ausblick

Die städtischen Kunstsammlungen und Museen verzeichnen in ihrer Jahresbilanz 2017 einen weiteren Anstieg der Besucherzahlen, die sie vor allem auf die breite Diversität des Angebots und kompetente Kulturvermittlung zurückführen. Im Jahr 2018 steht als Begleitung der UNESCO-Bewerbung eine große Ausstellung zum Thema Wasserbau an, die einen großen Zulauf erhoffen lässt. Ein umfassender Kulturentwicklungsplan soll die weitere Zielrichtung der städtischen Museumslandschaft festlegen

Von Halrun Reinholz

Dr. Christof Trepesch

Dr. Christof Trepesch (c) DAZ


Dr. Christof Trepesch, Leiter der Kunstsammlungen, hat Erfreuliches zu melden: 312.471 Besucher fanden in diesem Jahr den Weg in eines der Museen und in die rund 25 kleineren und größeren Ausstellungen, die hier im Jahr 2017 gezeigt wurden. Das bedeutet eine leichte Steigerung gegenüber dem Vorjahr, obwohl es in keinem der Häuser eine zugkräftige große Ausstellung gab. Da die Kunstsammlungen keinen Ankaufsetat für Kunstwerke haben, müssen sie findig sein und mit den vorhandenen Pfunden wuchern. Da gibt die Vergangenheit der reichen Reichsstadt einiges her, zumal im Maximilianmuseum, wo vor allem die Zeugnisse der Stadtgeschichte ihren Platz gefunden haben.

Und auch die Stadtarchäologie fördert jährlich 10 Europaletten an potenziellen Exponaten aus dem Augsburger Erdreich. Nur: Das Römische Museum ist auf unbestimmte Zeit geschlossen. Die Interimsausstellung im Zeughaus wird zwar gut angenommen, vor allem Schulklassen werden hier kompetent mit der römischen Vergangenheit der Stadt vertraut gemacht, aber ein Ersatz für ein vollwertiges Museum kann das nicht sein. Wann und wo es entstehen soll, steht noch in den Sternen, auch wenn es bereits einen vom Stadtrat abgesegneten Plan dazu gibt.

Kulturreferent Thomas Weitzel wies in seiner Stellungnahme zur Jahresbilanz darauf hin, dass das Römische Museum nur Teil der Museumslandschaft ist, die sinnvollerweise nun komplett einem Evaluierungsprozess unterzogen werden soll, der in einen „Kulturentwicklungsplan“ mündet. Sinnvoll auch deshalb, weil ab Ende 2019 die Exponate der Staatsgalerie moderne Kunst aus dem Glaspalast abgezogen werden und auch hier ein neues Konzept erforderlich ist. Hinzu kommen die beiden Häuser, die derzeit von der Regio Augsburg verwaltet werden: das Brechthaus und das Mozarthaus. Die beiden sind für die Zielgruppe Touristen, aber auch für die Augsburger Bevölkerung attraktiv zu machen. Dies geschieht derzeit vermehrt durch Veranstaltungen, die Publikum in die Häuser locken, es muss jedoch auch ein Konzept für die Präsentation der jeweiligen Sammlung gefunden werden. Beim Mozarthaus besteht die akute Notwendigkeit durch einen erforderlichen Umbau. Dafür muss das Haus zum Jahresende geschlossen werden. Die Wiedereröffnung 2019 fällt ins Jubiläumsjahr zum 300. Geburtstag von Leopold Mozart. Aus diesem Anlass bietet sich die Gelegenheit, die Ausstellung nach modernen interaktiven Kriterien auf die Persönlichkeit des Musikpädagogen Leopold Mozart zu  fokussieren. Bis zum 125. Geburtstag von Bertolt Brecht im Jahr 2023 sollte auch für das Brechthaus eine zündende Idee gefunden werden, die die Attraktivität des Museums erhöht.

Umzug der Stadtarchäologie

Das Neue Stadtarchiv

Das Neue Stadtarchiv


Bei aller Ungewissheit über die zukünftige Präsentation der Ausgrabungsfunde hatten die Mitarbeiter der Stadtarchäologie im Jahr 2017 dennoch Positives zu vermelden: Im März konnte das neue Zentraldepot in der ehemaligen Kammgarnspinnerei im Textilviertel bezogen werden. Dadurch wurden mehrere in der ganzen Stadt verstreute Standorte und Lagerräume an einem Ort zusammengefasst, was die Übersichtlichkeit deutlich erhöht und die Arbeitsbedingungen entscheidend verbessert hat. Die rege Bautätigkeit in der Stadt bedeutet auch eine vermehrte Beanspruchung der städtischen Archäologen, die derzeit an mindestens acht großen Grabungsprojekten beschäftigt sind. Am offensichtlichsten ist die Grabung beim Theater, wo der neue Orchesterprobenraum entstehen soll. Eine Stelle, wo die historische Stadtmauer verlief und wo deshalb einiges an Ausgrabungsmaterial erwartet wurde und noch wird. Bei der Baustelle des Seniorenheims St. Afra im Kleinen Karmelitergässchen machten die Archäologen sogar einen kleinen Sensationsfund in Form von römischem Mauerwerk aus Tuffsteinquadern. Die Mauerreste belegen, dass an dieser Stelle, wie bereits vermutet,  das Forum der zivilen Römerstadt im 1. nachchristlichen Jahrhundert stand. Sensationell ist, dass von den Mauern nicht nur das Fundament erhalten geblieben ist. Normalerweise wurden die Steine der römischen Mauern in Augsburg  für die mittelalterlichen Bauten als Baumaterial verwende. Einige Funde der Stadtarchäologen (nicht nur aus der Römerzeit!) wurden 2017 im Maximilianmuseum im Rahmen der „Wunderkammer“ einem sehr interessierten Publikum ansprechend präsentiert.

Ausstellungsprojekt Wasser

Die anderen Häuser der Kunstsammlungen haben etwas Mühe, ihre Sammlungen ohne Ankaufetat immer wieder attraktiv zu präsentieren. Zwar lagert auch hier viel in Magazinen, aber am attraktivsten sind möglichst große Ausstellungen von allgemeinem Interesse mit überregionaler Ausstrahlung. Dazu bietet sich im Jahr 2018 Gelegenheit durch die Augsburger UNESCO-Bewerbung zu dem komplexen Thema Wasserbau: Im Maximilianmuseum wird vom 15. Juni bis zum 30. September die Ausstellung „Wasser Kunst Augsburg“  gezeigt, die auch ungewöhnliche und sensationelle Exponate verspricht. Mit einem umfassenden Begleitprogramm und Führungslinien soll das Interesse der Besucher an allen Aspekten des Themas Wasser in Augsburg kanalisiert werden. Die Regio Augsburg Tourismus, die schon länger Wasserführungen und die Besichtigung der Wassertürme anbietet und schon weite Teile der Bevölkerung dafür sensibilisiert hat, ist hier Kooperationspartner. Eine „Korrespondenzausstellung“ im Grafischen Kabinett widmet sich der Augsburger Lechflößerei.

Attraktiv durch Tausch und Netzwerke

Bild von Max Kaminski

Bild von Max Kaminski


Doch auch die anderen Häuser bieten ein attraktives Ausstellungsprogramm: Im Schaezlerpalais wird der barocke Maler Manfred Jacob Vogt (März bis Juni) präsentiert, danach (Juli bis September) Druckgrafiken von Hendrik Goltzius aus der anhaltinischen Gemäldegalerie. Zum Jahresende in Zusammenarbeit mit dem Nationalmuseum Luxemburg die Schau „Im Schatten der Medici. Barocke Kunst aus Florenz“, die Exponate aus der Privatsammlung der Haukohl Family zeigt. Das Grafische Kabinett zeigt Wiener Drucke aus der Sammlung Helmut Klewan und eine Schau zu Rugendas in Mexiko. Die Sammlung moderne Kunst im Glaspalast wird von April bis September eine Retrospektive zum 80. Geburtstag von dem in Augsburg lebenden Maler Max Kaminski zeigen. Kleinere Ausstellungen zeigt die Neue Galerie im Höhmannhaus: von Daniel und Geo Fuchs, Kike Arnal, Norbert Schessl und zeitgenössischen Künstlern aus Belgrad.

Wie Christof Trepesch überzeugend betont, ist eine solche Vielfalt an Präsentationen ohne Neukäufe nur möglich durch ein funktionierendes Netzwerk der Kunstinstitutionen. Da im Fundus der Reichsstadt auch viele attraktive Exponate lagern, werden diese als Leihgaben angefragt. Im Gegenzug profitiert Augsburg von hochkarätigen Leihgaben anderer Häuser. Dass die Kunstsammlungen im letzten Jahr dennoch auch 400 Neuzugänge verzeichnen konnten, die zum Teil (im wahrsten Sinne des Wortes) überaus kostbar sind, ist einem weiteren Netzwerk zu verdanken, dem der Freunde und Förderer, den Stiftern und Sponsoren.

So schmückt sich die Staatsgalerie seit kurzem mit einem Bildnis des Ulrich Fugger, dem Neffen von Jakob Fugger, von Hans Maler aus dem Jahr 1525, das von einem privaten Leihgeber zur Verfügung gestellt wurde. Dem Maximilianmuseum spendeten die Barmherzigen Schwestern Kaisermedaillons von Maximilian I. und Karl V. Als besondere Attraktion sind dort (als Leihgabe der Fuggerschen Stiftungen) seit kurzem auch die Originale der Putten aus der Fuggerkapelle in der St. Anna Kirche zu bewundern. Die Sammlung der Augsburger Silberschmiedearbeiten wurde ergänzt mit einer von Christian Drentwett angefertigten Wärmeglocke, die für das Gouverneursservice Charkow im Auftrag von Katahrina der Großen angefertigt wurde. Die Brunnenfiguren im Viermetzhof werden in diesem Jahr noch mit den weiteren drei Wasser-Figuren vom Augustusbrunnen vervollständigt. Auch für das Brechthaus konnte kürzlich ein Neuerwerb verzeichnet werden, nämlich dessen Totenmaske und der Abdruck seiner Hände. Umfangreiche  Restaurierungsarbeiten wie die der Supraporten im Schaezlerpalais sind großzügigen Spenden zu verdanken, in dem Fall durch die Vermittlung der Alt-Augsburg-Gesellschaft.

Sich öffnen und Präsenz zeigen

Schaezlerpalais (c) DAZ

Schaezlerpalais (c) DAZ


Die Nachhaltigkeit der Ausstellungen und Präsentationen wird durch entsprechende Kataloge gewährleistet. Gleichzeitig streben die Kunstsammlungen danach, ihre Verwurzelung in der Stadtgesellschaft zu zeigen und sich dieser zu öffnen. Symbolisch dafür die Öffnung des Viermetzhofes mit den Originalen der Brunnenfiguren zur freien Besichtigung und die Zugänglichkeit des barocken Gartens im Schaezlerpalais, der sich unter anderem auch (wegen der räumlichen Nähe zum Standesamt) als attraktiver Ort für Hochzeitsempfänge und als beliebte Fotokulisse erwiesen hat.

Geöffnet wurde auch der informelle Zugang zum Festsaal für Touristengruppen, Fototeams oder aus Anlass von Konzerten, die oft in Kooperation mit den Lehrkräften und Studenten des Leopold Mozart Zentrums stattfinden. Die Kunstsammlungen beteiligen sich als Veranstaltungsorte an Kulturereignissen wie der „Langen Kunstnacht“ oder den „Augsburger Sommernächten“. Eine wichtige Rolle für die Attraktivität der  Häuser spielen die Führungen, im Jahr 2017 waren es insgesamt 1084 in allen Häusern. Ein kompetentes Team von Kunstvermittlern unter der Betreuung von Manuela Wagner führt Besucher in Turnusführungen, Themenführungen oder auch Workshops durch das Angebot aller Häuser. Besonderes Augenmerk gilt der Kunstvermittlung an Kinder und Schüler. Zielgruppengerechte Angebote lassen Kunst zu einem spielerischen Erlebnis werden, oft speziell für Schulklassen, aber auch als offenes Ferienprogramm oder als Angebot für Kindergeburtstage.

Fahrplan für die Zukunft

Wie geht es weiter mit dem Mozarthaus ...

Wie geht es weiter mit dem Mozarthaus? Foto: Regio Augsburg


Angesichts der Vielfalt der Augsburger Häuser und dem der historischen Vergangenheit geschuldeten reichen Fundus sind die Voraussetzungen für eine attraktive Museumslandschaft eigentlich gegeben. Doch mag gerade darin auch die Krux liegen. Zu lange hat man es versäumt, ein zeitgemäßes Gesamtkonzept für die museale Präsentation der Stadt zu erstellen. Erst die Schließung des Römischen Museums hat Fragen aufgeworfen, wo und wie es mit den Museen weitergehen soll. Dass dies nun in Angriff genommen wird, ist ein Gebot der Stunde für den Museumsstandort Augsburg. Wichtig auch, dass die in der Vergangenheit in anderen Zuständigkeiten stehenden Häuser für Mozart und Brecht auch in dieses städtische Gesamtkonzept eingebracht werden.

Thomas Weitzel wies aber auch darauf hin, dass ein solcher Kulturentwicklungsplan viele Schritte beinhaltet und entsprechend Zeit braucht. Der Bestandsaufnahme muss eine Priorisierung und, wie sich bei der Theatersanierung gezeigt hat, eine breite Bürgerbeteiligung folgen, bevor eine Planung erfolgen kann. Die Zwischenschritte der Kunstsammlungen führen jedoch in die richtige Richtung. Es gilt, die Museen in der Stadtgesellschaft zu verorten und sie für Besucher attraktiv zu machen. Mit entsprechender Flankierung kann auch ein Interim „Römerlager“ Besucher begeistern. Doch das Römische Museum sollte dabei nicht aus den Augen verloren werden.



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