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Donnerstag, 29.07.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

Kunst als Durchlauferhitzer

Yasmina Rezas „Kunst“ im Sensemble-Theater

Von Frank Heindl

Ein ratloser, ein begeisterter und ein kritische Blick: Yvan (Florian Fisch), Serge (Jörg Schur) und Marc (Heiko Dietz) vor einem „weißen Bild mit weißen Streifen“ (Foto: Volker Stock).

Ein ratloser, ein begeisterter und ein kritische Blick: Yvan (Florian Fisch), Serge (Jörg Schur) und Marc (Heiko Dietz) vor einem „weißen Bild mit weißen Streifen“ (Foto: Volker Stock).


Serge hat ein Bilde gekauft: weiß mit weißen Streifen. Wie viel das gekostet hat? Naja, hunderttausend Mark eben, Serge kann sich das leisten. Marc findet dieses Bild einfach „scheiße“. Und Yvan bricht beim Betrachten in Gelächter aus. Ist das nun verunsichertes, ausweichendes, peinliches Gelächter? Oder ehrliche Verblüffung und Freude, emotionale Erschütterung durch Kunst gar? Wir werden’s auch am Ende nicht wissen.

Der Plot ist einfach, der Freitagabend beim Sommer-Open-Air des Sensemble-Theaters im Jakoberwall-Turm ist lau, angenehm und regenfrei, aber durchaus nicht seicht. Worum geht’s eigentlich in Yasmina Rezas Erfolgsstück von 1994? Die Kunst ist in „Kunst“ zwar auch Kunst, vor allem aber ein Durchlauferhitzer für die Freundschaft von Serge, Marc und Yvan. Was der Eine liebt, findet der Zweite völlig bescheuert, und der Dritte hat mit seiner bevorstehenden Heirat eigentlich genug wichtigere Sorgen – für die die anderen beiden aber gerade wegen ihres Kunststreits im Moment überhaupt keine Zeit haben. Aus dieser Ausgangslage allein ließe sich schon eine Menge Spaß gewinnen, aber Reza steuert noch jede Menge sprachlichen Witz bei. Tautologien haben es ihr besonders angetan („ein Mensch seiner Zeit ist ein Mensch, der in seiner Zeit lebt“), Wortspielereien („Ich sehe nicht, was daran lustig sein soll! Humor? Du machst mir Spaß!“) und Aphorismen („Heirat, Kinder, Tod sind der logische Ablauf der Dinge“), gehören ebenfalls zum souverän gebrauchten Repertoire der französischen Autorin.



Komödiantisches Talent auf scharfer Kante


Gianna Formicones Inszenierung verdankt ihr Gelingen aber auch ihren Schauspielern: Heiko Dietz als Marc, Jörg Schur als Serge und Florian Fisch als Yvan gebieten über hinreißendes komödiantisches Talent auf der messerscharfen Kante zwischen Albernheit und Hintersinn. Es macht schon Spaß, allein ihrem variationsreichen Gelächter zuzuhören: Vor allem Dietz vermag es, mit winzigen Nuancen zwischen ehrlicher Freude, arroganter Herablassung und verunsichertem Drüber-hinweg-Lachen zu wechseln und in diesen unterschiedlichen Betonungen die ganze Misere einer ins Wanken geratenen Freundschaft aufscheinen zu lassen. Denn aus dem Kunststreit des Trios erwächst ganz allmählich ein heftiger und verletzender Schlagabtausch über all jene weniger wichtigen Nebensächlichkeiten, die in einer funktionierenden Beziehung großherzig übersehen werden und erst zur Aussprache kommen, wenn die Krise evident ist. Nun plötzlich konnte es Serge noch nie ausstehen, wie Marcs Ehefrau störenden Zigarettenrauch wegwedelt, nun plötzlich merkt Yvan, dass er sich in diesem  Kreis nicht richtig anerkannt gefühlt hat.

Auch die Versöhnung ist eine Farce

Dass die Krise evident ist, spiegelt Yasmina Reza unnachahmlich in der Art und Weise, wie das Trio jenes weiße Gemälde betrachtet, in dem man ebenso gut alles wie nichts erkennen kann. Den Grundfehler jeder Kunstbetrachtung – und nicht selten gerade der akademischen – begeht Serge mit der Verwechslung von Geschmack und Objektivität: Für ihn sei das Bild nicht weiß, konstatiert er, und „wenn ich sage, für mich, dann meine ich objektiv.“ Dabei ließe  sich doch gerade aus der Anerkennung der Subjektivität so viel spannender Interpretationsraum gewinnen – weil ein Beuys’sche Fettfleck eben für den einen Kunst ist und für den andere eine zu beseitigende Verschmutzung. Und weil der eine schlichtes Weiß sieht, wo der andere eine Plattform für seine Phantasie findet – was Marc unbeabsichtigt bestätigt, indem er einen Skifahrer auf den Hunderttausend-Mark-Schinken kritzelt.

Die Regisseurin hat das Stück in muntere Musik gepackt, die keinen Zweifel daran aufkommen lässt, dass man einer Farce zusieht, und damit die Doppelbödigkeit der Inszenierung stützt. Denn unmerklich tappt der Zuschauer nach und nach in die von der Autorin aufgestellte Falle. Die vordergründige Harmlosigkeit kippt um in eine ernst zu nehmende und handfeste Beziehungsanalyse, in der auch Fäuste sprechen müssen und die Tränen fließen dürfen. Und wenn am Ende dann doch alles repariert wird, ist auch die Versöhnung eine Farce. Denn der Neuanfang beruht auf der berechnenden Lüge Serges, er habe für einen Moment die Bedeutung der Freundschaft über die seines weißen Kunstwerks gestellt.

Weitere „Kunst“-Termine auf der Sommerbühne des Sensemble-Theaters: 8., 9., 15., 16., 22., 23. Juli, 28. – 30. Juli, 4. – 6. August.