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DAZ - Unabhängige Internetzeitung für Politik und Kultur
Dienstag, 04.12.2018 - Jahrgang 10 - www.daz-augsburg.de

Kulturpolitik: Brechtpflege im Sinkflug

Vergangene Woche erhielt die Schriftstellerin und Dramatikerin Nino Haratischwili den Augsburger Bertolt-Brecht-Preis. Verliehen durch Stefan Kiefer, 3. Bürgermeister und Sozialreferent der Stadt Augsburg. Die Veranstaltung ging im Goldenen Saal im Rathaus der Stadt Augsburg über die Bühne. Die Stadt Augsburg hat sich dabei bis auf die Knochen blamiert.

Kommentar von Siegfried Zagler

Obwohl sich die Jury für eine würdige Preisträgerin entschieden hatte und obwohl Laudator Andreas Platthaus eine würdige Laudatio hielt, war es eine dem Anlass nicht angemessene Veranstaltung. Verantwortlich dafür ist die Stadt Augsburg, die offenbar in altes Fahrwasser gleitet und der Brechtpflege wieder zu wenig Bedeutung beimisst.

Es ist substanziell nicht so schlimm wie in den sechziger Jahren, aber die kulturelle Verwahrlosung der Stadt bewegt sich gedanklich in diese Richtung. In dieser Zeit landeten Möbel aus dem Brecht-Nachlass auf dem Sperrmüll, wurde ein Gebinde zu Brechts Todestag an die falsche Adresse versandt und wurden unqualifiezierte Reden über den elenden Kommunisten Brecht im Stadtrat gehalten. Erst nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion veränderte sich der städtische Blick auf den berühmtesten Sohn der Stadt. Ein Museum wurde eingerichtet, ein Brecht-Preis ins Leben gerufen und ein jährliche stattfindendes Festival initiiert. Brecht wurde sogar von der Grünen Bürgermeisterin und Kulturreferentin Eva Leipprand zum kulturellen Leuchtturm erklärt. Als in Augsburg Rot-Grün abgewählt wurde, änderte sich daran wenig, doch in der zweiten Stadtratsperiode von CSU-Oberbürgermeister Kurt Gribl befindet sich Brechts Erbe wieder im Sinkflug.

Zu verzeichnen sind aktuell in diesem Zusammenhang ein unerträglich schwaches Brechtfestival, eine OB-Verfügung gegen das Rahmenprogramm des Augsburger Friedensfestes, weil dort der ehemalige Kaufhausbrandstifter und Andreas Baader-Freund Thorwald Proll eingeladen wurde und eine beispiellose Herabwürdigung des Brecht-Preis-Preises. Und schließlich legt sich über die Stadt der Mehltau der Vermutung, dass Oberbürgermeister Kurt Gribl mit seinem Aufstieg in die obersten Etagen der CSU-Nomenklatura offenbar analog dazu auf Abstand zu allem geht, was in den kulturellen Gewässern linker Hoheitsgebiete zu liegen scheint.

Auf dem vergangenen Brechtfestival wurde Kurt Gribl kein einziges Mal gesehen. Weder auf der Eröffnung noch in irgendeiner Veranstaltung war das Augsburger Stadtoberhaupt anwesend. Vorläufiger Höhepunkt der städtischen Distanzfahrt war bei der Brecht-Preis-Verleihung am Donnerstag zu verzeichnen. OB Kurt Gribl überließ die Ehrung der Stadt dem 3. Bürgermeister Stefan Kiefer, also einem Mann, dem statt einer Goldenen Kette ein Menetekel von 28 Millionen verschlampten Euro um den Hals hängt. Statt OB-Glanz und einer glänzenden Rede kam mit Stefan Kiefer ein schlechter Redner mit einer gepredigten und banalen Rede in den Goldenen Saal. Dass die Stadt nicht Kulturreferent Thomas Weitzel in die Verantwortung ließ, ist ebenfalls ein bemerkenswerter Fehltritt im Minenfeld der städtischen Kulturpolitik.

Statt eines mächtigen Postulats für das geschrieben Wort stand bei der Brecht-Preis-Verleihung seitens der Stadt ein Torso einer Rede und gehobener Jazz zum Mitschnippen auf dem Programm.

Ist es vorstellbar, dass in Lübeck der Thomas-Mann-Preis verliehen wird und ein Lübecker Sozialreferent dieses Prozedere einführt, ohne die Absenz des ersten Mannes der Stadt zu erklären? Ist es vorstellbar, dass in Düsseldorf der Heinrich-Heine-Preis verliehen wird, ohne dass darauf verwiesen wird, warum der Oberbürgermeister fehlt?

Am Vortag hat Augsburgs Oberbürgermeister Kurt Gribl noch eilig eine Pressekonferenz einberufen, um die kulturelle Aufwertung der Stadt Augsburg zu verkünden. Anlass war das Söder-Versprechen, dass Augsburg ein Staatstheater bekomme. Man befinde sich jetzt auf Augenhöhe mit Nürnberg und München, so Gribl, um einen Tag später den höchsten Kulturpreis der Stadt einer Person zu überlassen, die um ihr politisches Überleben zu kämpfen hat, was mit Händen zu greifen war.

Der Brecht-Preis der Stadt Augsburg ist ein Preis der Bürger dieser Stadt, die ein Recht auf eine Erklärung haben, warum dieser Preis nicht vom höchsten Repräsentanten der Stadt vergeben wurde.



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