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Dienstag, 27.09.2022 - Jahrgang 14 - www.daz-augsburg.de

Kulturpark West: Ein ambitioniertes Projekt im Fokus der Kritik

„Kreativer Nukleus oder vernachlässigte Ressource“, so die provokative Fragestellung einer vom Popkulturbeauftragten der Stadt angezettelten Podiumsdiskussion Mitte April im Rahmen des Modularfestivals. Eine rhetorische Frage, denn für Richard Goerlich besteht kein Zweifel daran, dass der Kulturpark West (Kupa), seit seiner Eröffnung vor zwei Jahren, viele Wünsche offen lässt. Ins gleiche Horn bläst der Vorsitzende des Stadtjugendrings Raphael Brandmiller im großen DAZ-Interview.

KuPa West: Mehr Immobilienverwaltung denn Kreativer Nukleus?

KuPa West: Mehr Immobilienverwaltung denn Kreativer Nukleus? (Foto: Fijalkowski)


Für die beiden Geschäftsführer – Peter Bommas und Thomas Lindner – der gemeinnützigen Kulturpark West GmbH, die den Kulturpark federführend steuert, sieht das allerdings anders aus. Laut Homepage der gGmbH umfasst das „Kreativareal“ auf dem Gelände der ehemaligen Reese-Kaserne in unmittelbarer Nähe des städtischen Kulturhauses „Abraxas“ rund 6.000 Quadratmeter vermietete Nutzfläche sowie 2.000 Quadratmeter Freiflächen. Die gGmbH hat das Gelände von der Stadt, genauer von der städtischen Tochter „Augsburger Gesellschaft für Stadtentwicklung und Immobilienbetreuung“ (AGS) bis 2017 gepachtet. Dauer des Pachtvertrages: zehn Jahre. 2007 wurde der Kulturpark West mit viel Vorschusslorbeeren eröffnet. Bis 2012 erhält die gGmbH einen städtischen Betriebskostenzuschuss, der in diesem Jahr mit 50.000 Euro veranschlagt wurde. Seit Januar 2009 sind alle Gebäude vom Keller bis zum Dachgeschoss verpachtet. Die Miete beträgt 5,25 Euro/qm warm. Es gibt eine lange Warteliste für Band-Übungsräume und Ateliers. Etwa 1200 kulturelle Nutzer und Nutzerinnen sind in den 180 Räumen am Werkeln. Davon wurden 105 Räume von Bommas und Lindner an „Musikkultur für Augsburg e.V. („KUKI“) vermietet. KUKI ist seit 25 Jahren ein alteingesessener Verein mit großen Verdiensten und einer außerordentlichen hohen Akzeptanz bei den zirka 200 Bands, an die KUKI die angemieteten Räume mit einem geringen Aufschlag (zirka 25 Cent pro Quadratmeter) weitervermietet. Der städtische Betriebskostenzuschuss an KUKI beträgt 6.000 Euro. Damit und mit dem „Mehrwert“ des Zuschlags konnte sich KUKI aufgrund der hohen Quadratmeterzahl nach 23 Jahren ehrenamtlicher Arbeit einen hauptamtlichen Geschäftführer leisten: Jürgen Gebhardt, der aktuell für zehn Bands aus dem Kupa ein Openair-Festival „Lechwood“ beim „Fürst“ im Schloss Scherneck organisiert. KUKIs Raumpotenzial hat sich durch den Umzug an den Exerzierplatz in der Reese-Kaserne auf einen Schlag vervierfacht. KUKI ist somit mit „seinen“ zirka 1000 Musikern der Motor des Kulturparks. Will man wissen, was im Kulturpark in erster Linie täglich geschieht, muss man wissen, was bei KUKI läuft – und in der Kantine.

„Es besteht kein Zweifel daran, dass die interne Kommunikation verbesserungswürdig ist“

Kupa West: 6000 Quadratmeter vermietete Nutzfläche auf dem Prüfstand

Kupa West: 6000 Quadratmeter vermietete Nutzfläche auf dem Prüfstand


Zum Kulturpark West gehören außerdem das Reesetheater und die Kradhalle, zwei großräumige Veranstaltungshallen sowie der Musik-Live-Club „Kantine“. Die Kantine ist mit Abstand der am meisten frequentierte Ort des Kupa. Zirka 5.000 Besucher im Monat verzeichnet der von Jürgen Lupart und Sebastian Kerner betriebene Club, der sich in der Stadt und darüber hinaus einen hohen Bekanntheitsgrad „erarbeitet“ hat. Eine weitere „Vergnügungsstätte“ mit Livemusik des Kulturparks ist die an der Kradhalle angeschlossene Bikerkneipe „Bombig“, laut Lupart eine Art Vereinsheim der „Hells Servants“, einem Motorradclub, dem einer der gGmbH-Geschäftsführer Thomas Lindner federführend angehört. Offizieller Betreiber des „Bombig“ ist der „Förderverein Bikerkultur Augsburg & Umgebung“. Das Programm der beiden Liveclubs wird nicht abgestimmt. Das Verhältnis zwischen den Kantinebetreibern und den Geschäftsführern der gGmbH ist aber nicht deshalb „vergiftet“ (Lupart). Die „kommunikativen Probleme“ hängen mit Geldangelegenheiten und Mietvertragsklauseln zusammen. Lupart und Kerner sehen sich bezüglich der geleisteten Sanierungsarbeiten der gGmbH benachteiligt. Und sie weigerten sich beharrlich, den von der gGmbH angebotenen Mietvertrag zu unterschreiben, weil sie sich nicht vorschreiben lassen wollten, wie sie ihr Programm zu gestalten haben, denn das war ihrer Auffassung nach nicht im Grundsatzpapier zum Kulturpark verankert. Nach einer Phase „mit Drohungen und Beleidigungen“ und Schriftverkehr über ihre Anwälte haben die Kantinebetreiber mit ihren Programm-Vorstellungen den Betrieb am Exerzierplatz aufgenommen. Anwohnerbeschwerden aus der Sommestraße (zuviel Lärm, zuviel Dreck, Sachbeschädigung) führten nach langem Hin-und Her und trotz städtischem Konfliktmanagement im August 2009 zu einer schwer nachvollziehbaren Abmahnung. Sollten die Kantinebetreiber die Probleme nicht lösen, stünde am Ende als „ultima ratio“ die Auflösung des Pachtvertrages an. Die Konflikte zwischen Kantine und den Geschäftsführern der gGmbH sind in der Szene bekannt. „Insgesamt besteht kein Zweifel daran“, so Jürgen Gebhardt lakonisch, „dass die interne Kommunikation verbesserungswürdig ist“.

Kupa West: Gestalter Flur der "Künstlerkolonie"

KuPa West: Gestalteter Flur der "Künstlerkolonie" (Foto: Fijalkowski)


Die Gruppierung, die dem Grundsatzpapier des Kulturparks am ehesten entspricht, ist die kleine „Künstlerkolonie“. Sie versuchen mit gezielten Aktionen („Tag des offenen Ateliers“) dem Kulturpark von innen heraus ein nach außen wirkendes Kreativimage zu verpassen. Aktive Mieter entwickelten sich allerdings eher aus dem Kulturpark heraus, wie zum Beispiel Georg Heber, dem dort zu wenig los war. Heber hat zuerst das „Muhackl oder Blutwurst“ losgetreten und stemmt gerade mit Ivo Mannheim, Daja Zachow und Manfred Hörr ein weiteres Projekt -„Jean Stein“- das die verödete Gastronomieszene der Augsburger Innenstadt bereichert.

„Der Kulturpark West versteht sich sowohl als Motor für die Stadtteilentwicklung des „Westparks“ Kriegshaber wie als Katalysator für Szeneaktivitäten“



Kradhalle und die Bikerkneipe "Bombig" (Foto: Fijalkowski)

Kradhalle und die Bikerkneipe "Bombig" (Foto: Fijalkowski)


Das ändert allerdings nichts an den Potenzialen und Perspektiven, die Konzeptschreiber Peter Bommas weiterhin in das Projekt hineinträumt: „Der Kulturpark entwickelt sich mit Rasanz zu einem Zentrum für kulturelle Bildung, Jugendkultur und generationsübergreifende Kreativszenen. Workshops für Schulklassen, Lehrerfortbildung und Theaterkurse gehören ebenso zum Angebot wie Coachings zu Studiotechnik, Bandmanagements oder Veranstaltungstechnik. Der Kulturpark West versteht sich damit sowohl als Motor für die Stadtteilentwicklung des „Westparks“ Kriegshaber wie als Katalysator für Szeneaktivitäten, die in die Gesamtstadt wirken.“ So Bommas auf der Homepage des Kulturparks. Davon ist bisher nichts zu spüren. Die von dem ehemaligen Dramaturgen des Stadttheaters Hilko Eilts angeleierte „Best of the West Reihe“ – Kulturparkkünstler sollten sich im Hoffmannkeller des Stadttheaters präsentieren – schlief nach nicht mehr als drei Vorstellungen ein. Bei den Bewohnern im Stadtteil Kriegshaber erntet man meist nur Achselzucken, wenn man nach dem Weg zum Kulturpark fragt. Von den nächstgelegen ÖPNV-Haltestellen gibt es keine Beschilderung Richtung Kulturpark und auf dem Gelände selbst fehlt jede Navigation. Es gibt nach zwei Jahren Betrieb immer noch zu wenig Abfalleimer, kaum Beleuchtung in dem weitläufigen Gelände und kein Cafe oder einen anderen kommunikativen Ort, an dem man sich tagsüber treffen könnte. Im Innern des „Kreativen Nukleus“ versprühen die meisten Gänge der Musikerkolonie den tristen Charme amerikanischer Gefängnistrakte.

Der Kulturpark wurde – das spielt in der politischen Bewertung eine Rolle – in der Legislaturperiode des Regenbogens mit der Kulturbürgermeisterin Eva Leipprand geplant und entwickelt. Einen sehr konstruktiven Part spielte dabei der heutige Baureferent Gerd Merkle, der damals für die Konversionsflächen zuständig war. Für die Augsburger Grünen ist der Kulturpark auf einem guten Weg. Die Premiere von „Tom Dumm“ habe das gezeigt. Viele andere Entwicklungen stünden noch bevor und es sei wichtig, „dass die Politik dabei nur den Rahmen stellt und die Künstler dabei die Initiative ergreifen“.

Der kulturpolitische Sprecher der SPD Frank Mardaus räumt immerhin ein, dass das Konzept, „wie es manchmal nach außen wirkt, nämlich innovativ und jung, nicht ganz der Wirklichkeit entspricht“. Ein Konzept, so Mardaus, müsse sich an der langfristigen Realität messen lassen – und da sei ungeordnetes Schaffen besser als eine auf Erfolg getrimmte Kreativwirtschaft. Jeder Kreative, ob jung oder alt, ob aus der Subkulturszene oder dem Schuldienst, solle die Möglichkeit haben, sich professionell oder in seiner Freizeit zu verwirklichen, so Mardaus.

„Immobilienverwaltung für subventionierte Arbeits- und Übungsräume“

KUKI-Gang: Die meisten Flure der Musiker verprühen den tristen Charme amerikanischer Gefängnistrakte und mittelalterlicher Besserungsanstalten

KUKI-Gang: Die Gänge der Musikerkolonie versprühen den tristen Charme amerikanischer Gefängnistrakte (Foto: Fijalkowski)


Konkreter und auch wesentlich kritischer bewertet Johannes Althammer, Sprecher des Pro Augsburg Arbeitskreises „Kultur und Urbanes Leben“, den Kulturpark und die gGmbH: „Liest man die Internetseiten des Kulturparks West, so könnte man glauben, ein faszinierendes Kulturprojekt vor sich zu haben, das nur so vor Kreativität und Tatendrang strotzt. Schaut man aber einmal in die Reese-Kaserne, so sieht man eher eine Immobilienverwaltung, die an vielerlei Künstler subventionierte Arbeits- und Übungsräume vermietet. Hinzu gesellen sich ein toller Club und eine witzige Rockerkneipe, und diese beiden Gastronomiebetriebe machen auch ein richtig tolles Kulturprogramm. Die Frage ist allerdings, ob zwei Gastronomiebetriebe mit angeschlossenen Atelierräumen schon ein Kulturpark sind, der von einer gGmbH geführt werden muss.“ -Kulturreferent Peter Grab (Pro Augsburg) sieht wie Richard Goerlich, wenn auch in die andere Richtung denkend, „Defizite bei den Richtlinien der Raumvergabe“. Ein Defizit, so Grab, dessen Aufarbeitung er sich „im Sinne der Augsburger Künstler“ wünsche. Grab zielt dabei auf einen Stadtratsbeschluss vom März 2007, wonach die Vermieter im Kulturpark aus dem No- oder Low-Profitbereich kommen sollten. Gewerbemietverträge seien deshalb immer ausgeschlossen worden, die absolute Priorität hätten „immer Hobbykünstler“, so Grab. Ein Dorn im Auge des Kulturreferenten könnte womöglich die Firma „Stage und Entertainment-Service“ (ses) sein, die samt Sekretärin im Kulturpark residiert und – wie auch die gGmbh Kulturpark West – laut Homepage das Reese-Theater verwaltet und vermietet. Geschäftsinhaber von „Stage und Entertainment-Service“: Thomas Lindner.

» Interview: „Dafür bedürfte es keines Kulturparks“