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Freitag, 28.01.2022 - Jahrgang 14 - www.daz-augsburg.de

Kultur kaputtsparen oder kaputtinvestieren?

Ein Gastkommentar von Bernd Wißner

Die Containerpanne sollte zum Nachdenken anregen. Der Container war von Anfang an eine Chimäre, entstanden aus dem Wunschdenken an ein damals nicht realisierbares Schauspielhaus an gleicher Stelle. Finanziell ist der Container ein Vabanquespiel. Gelder gehen für ein inzwischen peinliches Provisorium verloren und würden dringend für die Haussanierung benötigt. Es ist ein Spiel mit dem Feuer. Wir sollten Luft holen und neu nachdenken, im Sinne der Nachhaltigkeit, denn inzwischen hat sich viel ereignet.

Bernd Wißner ist Augsburger Verleger und Theaterfan.

Bernd Wißner ist Augsburger Verleger und Theaterfan.


Die Finanzkrise, die verschlechterte Finanzlage der Kommunen, die Kostenschätzung der Augsburger Theatersanierung, der demografische und kulturelle Wandel und die gewaltige Akzeptanz neuen Medien werfen viele Fragen auf. Zusammenfassend könnte man sagen: Gibt es in 10 oder 20 Jahren noch genug Bürger, die an einer derart kostspieligen und raumerweiternden Sanierung Interesse haben? Werden unsere Jugendlichen und die Migranten eines Tages schätzen, was wir ihnen hinterlassen, an Theaterräumen und an Schulden? Früher war es schick, möglichst viel Geld in öffentliche Gebäude zu pumpen, dann waren die Subventionen hoch und die Erbauer hatten einen eigenen Tempel. Aber der Container taugt nicht einmal mehr zum Mausoleum. Die Zeiten sind vorbei. Man kann Kultur kaputtsparen, man kann sie aber auch kaputtinvestieren. Die Elbphilharmonie wird ein ewiges Mahnmal dafür sein.

Eventuell ist klein und fein besser

Was will der Bürger? Es gilt ein Dreispartenhaus zu erhalten. Wie und ob das gegen die medialen Kulturbetriebe wie Kino, TV, Computer etc. und gegen den Populationswandel machbar ist, steht in den Sternen. Eine Investition in Größe, Superspielstättenvielfalt, gigantischer Technik und Platzzahlen könnte sich als fatal herausstellen. Eventuell ist klein und fein besser. Selbst Metropolentheater lenken ihre Besucher inzwischen in Probenräume, Foyers, Malersäle und Kantinen. Und auch im Großen Haus kann Theater gespielt werden. Es gibt viele so große Schauspielhäuser. Und für jeden Abend Oper reicht das Publikumspotential nicht aus. Ohne das Schauspiel würde das Große Haus oft leer stehen.

Und warum immer so teuer? Wir müssen die Finanzlagen der Kommunen ernst nehmen! Für lächerliche 100.000 € wurde der tolle Hofmannkeller mit eigenem Personal fast aus dem Nichts geschaffen. Die Opernballräume wurden mit eigenen Mitarbeitern aufgebaut. Warum soll eine Interimsspielstätte oder gar ein kleines Schauspielhaus nicht auch so entstehen können? Wir haben es doch mit professionellen Kreativen zu tun! Und es muss keine Dreifachhebdrehbühne werden. Gegen Animationsfilme, Furz und Feuerwerk hilft nur eines: gute Künstler. Der Versuch, an die Technik der neuen Medien heranzukommen, kann dahingegen nur lächerlich enden.

Was die Künstler aber sicher brauchen und auch verdienen, ist ein menschenwürdiges Umfeld bei den Spielstätten. Bei einer Suche nach geeigneten Möglichkeiten darf es keine Tabus geben. Die Stadthallen der Vorstädte dürften ebenso geeignet sein wie die Kongresshalle. Zwei der interessantesten und künstlerisch wertvollsten Opernproduktionen der vergangenen Jahre waren Norma und Aida, beide szenisch. Und natürlich sollte weiterhin auch noch einmal über die Nutzung von denkmalgeschützten Gebäuden nachgedacht werden. Wenn beispielsweise das Waltermuseum frei wird, ergeben sich schon wieder neue Möglichkeiten, die geprüft werden sollten.

Große Theater sind out

Und auch die Komödie sollte man noch einmal kreativ auf den Prüfstand stellen. Gignoux-Haus und Anbau müssen sowieso saniert werden, warum nicht gleich mit dem Hintergrund einer sinnvollen Nutzung? Sicher hat die Komödie schwere Mängel, aber auch hier könnten wirklich Kreative viele Lösungen finden. Gegebenenfalls kann der ganze Theaterraum ja auch neu gebaut und dabei den heutigen Notwendigkeiten angepasst werden. Diese viereckige Kiste wird ja wohl nicht unter Denkmalschutz stehen. Das kann ruhig weniger Plätze ergeben. Klein wird fein werden! Große Theater sind out. Für das Lechviertel wäre das Theater ein Segen.

Egal für welche Lösung wir uns entscheiden: Erhalten wir uns lieber ein Theater, das wir uns leisten können, bevor wir unsere Kultur kaputtinvestieren. Wir sollten anhalten und nachdenken, was uns in 10 bis 20 Jahren erwartet und wo wir mit Augsburg hinwollen. Danach müssen wir unsere Kultur- und andere Aktivitäten ausrichten und dafür müssen wir dann investieren. Im Moment stopfen wir die Löcher auf einem Weg, von dem wir weder wissen, wo er hinführt, noch ob wir da überhaupt hinwollen.