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Freitag, 17.09.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

Kresslesmühle: Wieder­belebungs­versuch mit Weihrauch

Die Kresslesmühle war in den siebziger und achtziger Jahren ein Bürgerhaus mit politischer Zielsetzung. Diese „Tradition“ soll nun wieder aufgegriffen werden. Dass die Geschichte des Bürgerhauses Kresslesmühle eine Geschichte des Scheiterns ist, gehört zu den offenen Geheimnissen der Stadt, weshalb der Wieder­belebungs­versuch eines ehemaligen Bürgerhaus-Konzeptes überrascht.

Von Siegfried Zagler



Die Augsburger Kresslesmühle gehört als Immoblie zum historischen Inventar der Stadt wie die Stadtmauer oder der Fünffingerlesturm. Ihre erste Erwähnung  datiert aus dem Jahre 1276. Damals hieß sie „Klessingesmul“. Stadtmühlen wurden nicht nur zum Mahlen von Mehl gebraucht, sondern auch als Papier-, Pulver-, Steinschneide-, Spiegelpolier- oder Gewürzmühlen. Die Augsburger  „Gresslesmühle“, arbeitete bis in die Moderne als Getreidemühle. Als es keinen Müller mehr gab, der das mühselige Mahlgeschäft fortführen wollte, erwarb die Stadt das Gebäude und sanierte es. Das war 1975.  Zwei Jahre später entstand durch politischen Druck einer gewissen „Bürgeraktion Lechviertel e.V.“ das „Bürgerhaus Kresslesmühle“. Die Augsburger Altstadt war damals ein vitaler Ort mit einer einzigartigen kulturellen Signatur. Damals wurde die Altstadt von zahlreichen türkischen Familien, aber auch von Griechen, Italienern und Studenten „besiedelt“. Sie praktizierten ohne „Integrationsbeauftragten“ in der Unterstadt die urbane Solidarität der Bürger mit geringem Einkommen. Die Altstadt war im Jargon der ersten soziologischen Beschreibungsversuche ein „multikultureller Ort“. Die Bausubstanz der Altstadt war damals auf dem Niveau der Vorkriegszeit. Nur wenige Wohnungen hatten eine Zentralheizung, überall bröckelte der Putz, die Mieten waren niedrig. In dieser morbiden wie lebendigen Struktur gab es in atemberaubender Enge eine Vielfalt sozialer Lebensformen, die sich auch in den Cafes und den Kneipen widerspiegelte. Türkische Muslime, Studenten, Wohngemeinschaften, Künstler und unfassbar viele Kinder wohnten und lebten nebeneinander und versprühten in den Gassen und den Plätzen der Altstadt die Aura der Solidarität und Toleranz. Diese Atmosphäre prägte das Quartier, ohne dass sich nennenswerte kulturell entwickelte Schnittmengen ergaben. Die Altstadt war damals, im Gegensatz zu heute, ein interessanter Ort, deren Bewohner sich keinen Tag gegrämt hätten, wäre die Kresslesmühle angesichts ihrer wirkungslosen Selbstreferenz von einem Tag auf den anderen implodiert.

Ein bürgerliches Abbild der Graswurzelrevolution…

Die Kresslesmühle war als Bürgerhaus sowie Kultur- und Begegnungszentrum eine Art linksalternatives soziokulturelles Zentrum, ohne dass dies dem damaligen Stadtrat zu Beginn richtig bewusst war. Schritt für Schritt entwickelte sich die Mühle in der Schnittstelle von Jakobervorstadt und Altstadt trotz ihres linken Klimbims zu einer anerkannten Einrichtung, weil sie versuchte, großstädtische Projekte, die in Berlin und Frankfurt stadtteilprägend und erfolgreich eingeführt waren, in die Provinz zu übersetzen. Die Mühle nährte sich in ihrer politischen Rechtfertigungsmatrix von der kulturellen Vielschichtigkeit der Altstadt, die mithilfe der Mühle verstanden und moderiert werden sollte. Das Modell „Kinderläden“ nannte sich in der Mühle „betreutes Spielen“ oder „Hausaufgabenhilfe“. Damals gab es in der Stadt eine „linksalternative“ Kneipenkultur, linke Lebensmittelläden, linke Teestuben, linke Klamotten- und Schuhläden, linke Schreibwarenläden und selbstverständlich linke Druckereien sowie eine linke Monatszeitschrift. Links-Sein war sexy. Es gab einen Mühle-Veranstaltungskalender, der in jeder Wohngemeinschaft hing. Die Veranstaltungen der Mühle waren nicht nur ein Teil der „Graswurzelrevolution“, die den „Marsch durch die Institutionen“ kulturell unterfüttern sollten, sondern das komplette Abbild davon.

…mit dem langen Atem eines Hansi Ruiles

Der Macher im Mühle-Team Oktober 1977: Hansi Ruile (z.v.l. - mit Pullover über den Schultern)

Der Macher im Mühle-Team: Hansi Ruile (mit Pullover über den Schultern). Das Foto entstand im Oktober 1977. Anlass: Die Eröffnung der Mühle.


Die Augsburger „linksalternative Szene“ hatte mit der Mühle einen bürgerlichen Ableger, der innerhalb der Szene, die damals (wie heute) überschaubar war, von Beginn an angefeindet wurde, weil die „Akademiker-Linken“ ohne Anspruch auf radikal gesellschaftlichen Fortschritt nur auf städtische Fördermittel aus seien, ohne dabei ein „auf die „wahren gesellschaftlichen Missstände“ abzielendes Konzept vorweisen zu können. Die Mühle, so die damalige Kritik aus „den eigenen Reihen“, war nichts weiter als ein behäbiger kleinbürgerlicher Verein, der sich zuvorderst mit sich selbst und anderen irrelevanten Dingen beschäftigte. Der Spagat zwischen einer umtriebigen Szene und einer von bürgerlichen Parteien regierten Stadt sollte dennoch gelingen. Hansi Ruile besaß in den Siebzigern und Achtzigern eine überzeugende Vitalität und später den langen Atem, sein Projekt den Trends der Zeit anzupassen.

Die Gentrifizierung der Altstadt entzog der Mühle ihren Daseinsgrund

Als nach der Komplettsanierung der Altstadt Ende der achtziger Jahre das Quartier einen soziologischen Umbruch erfuhr (damals gab es den Begriff der Gentrifikation noch nicht), also die einkommensschwachen Bevölkerungsschichten von Lehrern, Handwerkern, Journalisten, Architekten, Ärzten und Anwälten ersetzt wurden, verlor die Mühle ihren Daseinsgrund. – Die Probleme, die möglicherweise keine waren, die aber die Mühle zu beschreiben und mit Kultur- und Sozialarbeit zu steuern versuchte, waren weder hinreichend beschrieben und noch viel weniger gesteuert, sondern einfach nach Oberhausen „umgezogen“, wo sie sich tatsächlich als Probleme erwiesen. Wenn man es zugespitzt formuliert, hat der Trägerverein der Mühle „Bürgeraktion Lechviertel“ zur Gentrifizierung der Altstadt beigetragen, da die Altstadtsanierung, die der Verein unterstützte, das ehemalige vielkulturelle Quartier zu einer „guten Stube“ sanierte, deren „Abort“ sich nun in einem fernen Stadtteil befand, wie es ein epochemachender Artikel in der ZEIT 1989 beschrieb.

Von der Integrationsarbeit zum Toskana-Gefühl …

Hansi Ruile ersetzte in den neunziger Jahren den ehemaligen Mühle-Anspruch der Siebziger, die Welt besser verstehen und besser machen zu wollen, durch die Hinwendung an ein qualitativ hochwertiges Lebensgefühl. Wie in den siebziger Jahren versuchte die Mühle der Stadt eine andere Welt zu vermitteln. Und zwar in einer Art und Weise, die die Vorstellung evozierte, dass eine Integrationsarbeit der Stadt Augsburg mit dem Verschwinden der Migranten aus der Altstadt nicht mehr notwendig sei. Die Toskana war längst zu einer Fluchtburg der inzwischen arrivierten Graswurzelrevolutionäre geworden. Das toskanische Lebensgefühl wurde thematisch mit der Kultur der Straßenkunst angereichert und fertig war die “neue Mühle”. Das Ganze nannte sich „La Piazza“ und war eine Art Abgesang an die sich verflüchtigende Kultur eines oppositionell-politischen Lebensgefühls, ein Gefühl, das damals von der  untergehenden Kunst des Straßentheaters flankiert wurde. Untergänge sind romantisch und kurzweilig, also Prozesse, deren Glanz nicht lange anhält. Die von Ruile reklamierte „Revitalisierung der City durch Kultur und die kulturelle Aneignung des öffentlichen Raumes durch eine moderne urbane Erlebniskultur“ verlor aber im Lauf der Jahre nicht nur Glanz, sondern auch ihre künstlerische wie gesellschaftliche Bedeutung. Die Mühle schlitterte in ihre erste große Krise. Eine einfache Bilanz setzte den Machern zu: Den hohen Kosten standen zu wenig Einnahmen und zu geringfügige Relevanz gegenüber. Die damalige Kulturreferentin Eva Leipprand hatte nicht den Mut, die Kresslesmühle als städtische Einrichtung zu schließen. Sie fürchtete Proteste. Niemand hätte geschrien, niemand hätte protestiert. Die Mühle hatte sich zum zweiten Mal überlebt, sie existierte bei den ehemaligen „Mühlianern“ schon lange nur noch als Reminiszenz vergangener Attitüden einer vergangenen Jugend. Die Stadt hatte signalisiert, dass sie nicht jede Drehung mitmacht, aber Ruile bekam eine weitere Chance – die er zu nutzen verstand.

… hin zur Hochburg des Kabaretts

Die „Muile“ wurde geboren. Die Kresslesmühle wurde zu einer one-man show, was die ursprüngliche Philosophie der Mühle ad absurdum führte. Einem Hansi Ruile wollte und konnte niemand mehr folgen. Er entwickelte sich zum ersten Integrationstheoretiker der Stadt, zu einem Vordenker mit apodiktischem Tonfall, zu einer Persönlichkeit, die den Diskurs der Integration dominierte. Mit seiner „Interkulturellen Akademie“ hielt er den Ball der Diversity-Grammatik hoch. Gleichzeitig verwandelte er die Kresslesmühle in eine Hochburg des Kabaretts, die in ihrer intensivsten Phase 300 Kabarett-Veranstaltungen pro Jahr anbot. Die Mühle wurde in der Stadt als hochgelobte Unterhaltungsplattform wahrgenommen. Bei den Grünen und der SPD wurden im Stadtrat die Bedenken immer lauter. Von einem Bürgerhaus mit linksalternativer Programmatik hin zu einem Veranstaltungsbüro für italienische Nächte bis zu einer Agentur für akademische Vorträge und einer Art Amt zur Förderung der Kabarett-Kunst, hatte sich die Mühle den Trends der Zeit unterworfen und sich stets dorthin entwickelt, wo Hansi Ruile hin wollte.



Das neue Konzept knüpft an das alte an …


Der Rest der Geschichte ist bekannt: Ruile ging in Rente. Seine Nachfolgerin scheiterte schneller als vermutet. Der Beirat besetzte die Geschäftsführerstelle nicht neu. Die Kommunalwahl 2014 brachte mit Reiner Erben einen Grünen Referenten in die politische Verantwortung für die Mühle. Reiner Erben ließ sich mehr als acht Monate Zeit, nun liegt ein erster Konzeptvorschlag vor. Der erste Eindruck ist ernüchternd. Wenn man sich so viel Zeit für ein Konzept lässt, darf man mehr erwarten. Das Papier enthält nichts Aufregendes. Man könnte meinen, dass sich die beiden Ruheständler Hansi Ruile und der ehemalige Integrationsbeauftragte Matthias Garte bei einem guten Rotwein die Mühe gemacht haben, zu beschreiben, wie die Mühle in den achtziger Jahren gedacht war. Es handelt sich um einen Wiederbelebungsversuch mit viel Weihrauch. Nach Informationen der DAZ sollen nur noch 40 Kabarett-Veranstaltungen jährlich in der Mühle stattfinden. Die Kneipe soll an den Augsburger Künstler und Gastwirt (Neruda) Fikret Yakaboylu verpachtet werden. Yakaboylu soll den Veranstaltungssaal mitnutzen.  Das ist mutig, der Rest ist „Integrationstalk“, wie wir ihn von Timo Köster, Matthias Garte und eben Hansi Rulie kennen. Das neue „Kulturhaus Kresslesmühle“ soll mehrere Schwerpunktaktivitäten verfolgen. Dabei geht es um einen Zusammenschluss der „Fachstelle Integration“ und Teilen des „Büros für Frieden und Interkultur“ zu einem „Büro für Migration, Vielfalt und Interkultur“, das neue und wesentliche Synergien ermöglichen solle. Das Konzept knüpfe an die langjährigen, engen Kooperationsbeziehungen „der Mühle“ mit der Stadt Augsburg an, wie es in dem Konzeptpapier heißt, das kürzlich der Öffentlichkeit vorgestellt wurde.

Sehen die Konzeptschreiber die Vergangenheit verklärt?

Verabschiedung eines Graswurzelrevolutionärs: Mühle-Erfinder und Weltenerklärer Hansi Ruile mit  Margarita Ramaini-Ruile und OB Kurt Gribl Foto: Siegfried Kerpf

Feierliche Verabschiedung eines Graswurzelrevolutionärs: Mühle-Erfinder und Welt-Erklärer Hansi Ruile mit Margarita Ramaini-Ruile und OB Kurt Gribl im Dezember 2012.  Foto: Siegfried Kerpf


Zum Thema Selbstbeweihräucherung ist festzuhalten, dass die Konzeptersteller wohl einige Sachverhalte aus ihrer Jugendzeit falsch erinnern: „Die Strahlkraft der Mühle entstand durch das Netzwerk und die Aktivitäten vielfältiger Art drinnen und draußen, zuerst im Stadtteil, dann in der Stadtgesellschaft und weit darüber hinaus. „Vielfalt“ wurde in diesem Sinne immer als eine Tatsache und eine positive Vision für die Zukunft gesehen. Eine Zukunft, die es zu gestalten gilt. Nicht mit der „rosaroten Multikulti-Brille“ aber mit einer Sichtweise, die „Diversity“ nicht defizitär, sondern als Ressource sieht. Die interkulturellen „Highlights“ und die diversen Veranstaltungsformate waren so keine in den Raum gestellten „Events“, sondern das Ergebnis und Meilensteine einer kontinuierlichen Netzwerk- und Graswurzelarbeit. Dies ist Nachhaltigkeit im besten Sinne.“

In dem Konzeptpapier wird zwar eine Zusammenarbeit (besser wäre möglicherweise gar ein Zusammenschluss) mit dem Grandhotelprojekt, das längst „viel konkreter Mühle ist“, als es die Mühle jemals war, nicht explizit ausgeschlossen aber auch nicht als anstrebenswert erwähnt. Es wurde zuletzt bei der Begründung für das Mozartbüro seitens der Stadt erklärt, dass Parallelstrukturen nicht im Sinne der Stadt sind. Man kann nun aber Integrationsreferent Reiner Erben aus der Hüfte heraus nicht vorwerfen, dass er mit dem neuen Mühle-Konzept, die ursprüngliche Mühle-Konzeption und die Alltagsarbeit des Grandhotels in Sprache gegossen habe und somit eine Parallelstruktur aufzubauen plant. Schließlich gibt es in dem Papier einen Gedanken, der geringfügig Anlass zur Hoffnung gibt: „Dieses ausdrücklich als „Entwurf“ gekennzeichnete Papier soll zur öffentlichen Diskussion gestellt, geprüft und bewertet werden und kann so noch an Schärfe und Aussagekraft gewinnen.“

Damit wäre dem Papier zwar sehr geholfen, wenn aber Bürgerschaft und Fachleute zum Feilen aufgefordert werden, geben die Konzeptmacher die Richtung vor, was nicht unbedingt Grünen Leitlinien zur Bürgerbeteiligung entspricht. Was sagt die Grüne Fraktion dazu, was die Partei? Wie positioniert sich die SPD, die CSU zur neuen Mühle? In einer Pressemitteilung aus dem Jahre 2012 forderte Reiner Erben von Kulturreferent Peter Grab etwas, das er als zuständiger Referent seit Mai selbst noch nicht eingelöst hat: „Die inhaltliche Arbeit der Kresslesmühle und von anderen städtischen oder von der Stadt bezuschussten Einrichtungen wie dem Projektbüro für Frieden und Interkultur muss neu definiert werden. Die jetzt anstehende personelle Zäsur müssen die Stadt und die beteiligten Organisationen nutzen, um eine klare und nachvollziehbare Aufgabenbeschreibung und Konzeption zu erstellen. Es geht hier immerhin um 200.000 Euro Zuschuss. Der Kulturreferent ist in der Pflicht, eine inhaltliche Debatte anzustoßen und zu einem Ergebnis zu bringen.“

Von einer inhaltlichen Debatte zur Kresslesmühle sowie einer Neukonzeption des Projektbüros für Frieden und Interkultur war bisher nichts zu hören – und wenn man von dem soeben vorgestellten Konzeptpapier absieht, nichts zu lesen.

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Nachtrag: Die ehemalige Kulturreferentin Eva Leipprand meldete sich bei der DAZ, um zu verdeutlichen, dass der Passus, sie habe nicht den Mut gehabt, die Mühle zu schließen, den Sachverhalt nicht treffe. „Mein Ziel war es, die Kresslesmühle, auf festere Füße zu stellen und inhaltlich klarer positioniert zu sehen, um sie zukunftsfest zu machen.“ Die Idee, das Friedensbüro und die Kresslesmühle zusammenzufügen, sei bereits 2005 beschlossene Sache gewesen. „Leider hat die Kresslesmühle GmbH dann einen Rückzieher gemacht“, so Eva Leipprand, deren Richtigstellung zutreffend ist, was einem städtischen Newsletter vom 25.11.2005 zu entnehmen ist.