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Donnerstag, 23.09.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

Kresslesmühle: So sexy wie die Strumpfhosen der Großmutter

Die Kresslesmühle war in den siebziger und achtziger Jahren ein Bürgerhaus mit politischer Zielsetzung. Diese Tradition soll nun wieder aufgegriffen werden. Dass die Geschichte des Bürgerhauses Kresslesmühle nicht nur eine Erfolgsgeschichte, sondern auch eine Geschichte des Scheiterns war, gehört zu den versteckten Geheimnissen der Stadt, weshalb ein Wiederbelebungsversuch mit viel Skepsis zu betrachten ist.

Kommentar von Siegfried Zagler

Die Augsburger Kresslesmühle gehört als Immoblie zum historischen Inventar der Stadt wie die Stadtmauer oder der Fünffingerlesturm. Ihre erste Erwähnung  datiert aus dem Jahre 1276. Damals hieß sie „Klessingesmul“. Stadtmühlen wurden nicht nur zum Mahlen von Mehl gebraucht, sondern auch als Papier-, Pulver-, Steinschneide-, Spiegelpolier- oder Gewürzmühlen. Die Augsburger  „Gresslesmühle“, arbeitete bis in die Moderne als Getreidemühle. Als es keinen Müller mehr gab, der das mühselige Mahlgeschäft fortführen wollte, erwarb die Stadt das Gebäude und sanierte es. Das war 1975.  Zwei Jahre später entstand durch politischen Druck der „Bürgeraktion Lechviertel e.V.“ das „Bürgerhaus Kresslesmühle“. Die Augsburger Altstadt war damals ein vitaler Ort mit einer einzigartigen kulturellen Signatur. Damals wurde die Altstadt von zahlreichen türkischen Familien, aber auch von Griechen, Italienern und Studenten „besiedelt“. Sie praktizierten ohne Integrationsbeauftragten in der Unterstadt die urbane Solidarität der Bürger mit geringem Einkommen. Die Altstadt war im Jargon der ersten soziologischen Beschreibungsversuche ein „multikultureller Ort“. Die Bausubstanz der Altstadt war damals auf dem Niveau der Vorkriegszeit. Nur wenige Wohnungen hatten eine Zentralheizung, überall bröckelte der Putz, die Mieten waren niedrig. In dieser morbiden wie lebendigen Struktur gab es in atemberaubender Enge eine Vielfalt sozialer Lebensformen, die sich auch in den Cafes und den Kneipen widerspiegelte. Türkische Muslime, Studenten, Wohngemeinschaften, Künstler und unfassbar viele Kinder wohnten und lebten nebeneinander und versprühten in den Gassen und den Plätzen der Altstadt eine Aura der Solidarität und Toleranz. Diese Atmosphäre prägte das Quartier, ohne dass sich nennenswerte kulturell entwickelte Schnittmengen ergaben. Die Altstadt war damals, im Gegensatz zu heute, ein interessanter Ort, deren Bewohner sich keinen Tag gegrämt hätten, wäre die Kresslesmühle angesichts ihrer wirkungslosen Selbstreferenz von einem Tag auf den anderen implodiert.

Ein bürgerliches Abbild der Graswurzelrevolution

Die Kresslesmühle war als Bürgerhaus sowie Kultur- und Begegnungszentrum von Beginn an ein linksalternatives soziokulturelles Zentrum, ohne dass dies dem damaligen Stadtrat richtig bewusst war. Schritt für Schritt entwickelte sich die Mühle in der Schnittstelle von Jakobervorstadt und Altstadt dennoch zu einer anerkannten Einrichtung, weil sie versuchte, großstädtische Projekte, die in Berlin und Frankfurt stadtteilprägend und erfolgreich eingeführt waren, in die Provinz zu übersetzen. Die Mühle nährte sich in ihrer politischen Rechtfertigungsmatrix von der kulturellen Vielschichtigkeit der Altstadt, die mithilfe der Mühle verstanden und moderiert werden sollte. Das Modell „Kinderläden“ nannte sich in der Mühle „betreutes Spielen“ oder „Hausaufgabenhilfe“. Damals gab es in der Stadt eine „linksalternative“ Kneipenkultur, linke Lebensmittelläden, linke Teestuben, linke Klamotten- und Schuhläden, linke Schreibwarenläden und selbstverständlich linke Druckereien sowie linke Monatszeitschriften. Links-Sein war sexy. Es gab einen Mühle-Veranstaltungskalender, der in jeder Wohngemeinschaft hing. Die Veranstaltungen der Mühle waren nicht nur ein Teil der „Graswurzelrevolution“, die den „Marsch durch die Institutionen“ kulturell unterfüttern sollten, sondern das komplette Abbild davon.

Die Augsburger „linksalternative Szene“ hatte mit der Mühle einen bürgerlichen Ableger, der innerhalb der Szene, die damals (wie heute) überschaubar war, von Beginn an angefeindet wurde, weil die „Akademiker-Linken“ ohne Anspruch auf radikal gesellschaftlichen Fortschritt nur auf städtische Fördermittel aus seien, ohne dabei ein „auf die „wahren gesellschaftlichen Missstände“ abzielendes Konzept vorweisen zu können. Die Mühle, so die damalige Kritik aus „den eigenen Reihen“, war nichts weiter als ein behäbiger kleinbürgerlicher Verein, der sich zuvorderst mit sich selbst und anderen irrelevanten Dingen beschäftigte. Der Spagat zwischen einer umtriebigen Szene und einer von bürgerlichen Parteien regierten Stadt sollte dennoch gelingen. Hansi Ruile besaß in den Siebzigern und Achtzigern eine überzeugende Vitalität und später den langen Atem, sein Projekt den Trends der Zeit anzupassen.

Als nach der Komplettsanierung der Altstadt Ende der achtziger Jahre das Quartier einen soziologischen Umbruch erfuhr (damals gab es den Begriff der Gentrifikation noch nicht), also die einkommensschwachen Bevölkerungsschichten von Lehrern, Handwerkern, Journalisten, Architekten, Ärzten und Anwälten ersetzt wurden, verlor die Mühle ihren Daseinsgrund. – Die Probleme, die möglicherweise keine waren, die aber die Mühle zu beschreiben und mit Kultur- und Sozialarbeit zu steuern versuchte, waren weder hinreichend beschrieben und noch viel weniger gesteuert, sondern einfach nach Oberhausen „umgezogen“, wo sie sich tatsächlich als Probleme erwiesen. Wenn man es zugespitzt formuliert, hat der Trägerverein der Mühle „Bürgeraktion Lechviertel“ zur Gentrifizierung der Altstadt beigetragen, da die Altstadtsanierung, die der Verein unterstützte, das ehemalige vielkulturelle Quartier zu einer „guten Stube“ sanierte, deren „Abort“ sich nun in einem fernen Stadtteil befand, wie es ein Artikel in der ZEIT 1989 beschrieb.

Von der Integrationsarbeit zum Toskana-Gefühl …

Hansi Ruile ersetzte in den neunziger Jahren den ehemaligen Mühle-Anspruch der Siebziger, die Welt besser verstehen und besser machen zu wollen, durch die Hinwendung an ein qualitativ hochwertiges Lebensgefühl.  Und zwar in einer Art und Weise, die die Vorstellung evozierte, dass eine Integrationsarbeit der Stadt Augsburg mit dem Verschwinden der Migranten aus der Altstadt nicht mehr notwendig sei. Die Toskana war längst zu einer Fluchtburg der inzwischen arrivierten Graswurzelrevolutionäre geworden. Das toskanische Lebensgefühl wurde thematisch mit der Kultur der Straßenkunst angereichert und fertig war die “neue Mühle”. Das Ganze nannte sich „La Piazza“ und war eine Art Abgesang an die sich verflüchtigende Kultur eines oppositionell-politischen Lebensgefühls, ein Gefühl, das damals von der untergehenden Kunst des Straßentheaters flankiert wurde. Untergänge sind romantisch und kurzweilig, also Prozesse, deren Glanz nicht lange anhält. Die von Ruile reklamierte „Revitalisierung der City durch Kultur und die kulturelle Aneignung des öffentlichen Raumes durch eine moderne urbane Erlebniskultur“ verlor aber im Lauf der Jahre nicht nur Glanz, sondern auch ihre künstlerische wie gesellschaftliche Bedeutung. Die Mühle schien am Ende. Eine einfache Bilanz setzte den Machern zu: Den hohen Kosten standen zu wenig Einnahmen und zu geringfügige Relevanz gegenüber. Die Mühle hatte sich überlebt. Sie existierte bei den ehemaligen „Mühlianern“ schon lange nur noch als Reminiszenz vergangener Attitüden einer vergangenen Jugend. Die Stadt hatte signalisiert, dass sie nicht jede Drehung mitmacht, aber Hansi Ruile bekam eine weitere Chance – die er zu nutzen verstand.

… hin zur Hochburg des Kabaretts

Die „Muile“ wurde geboren. Die Kresslesmühle wurde zu einer One-man show, was die ursprüngliche Konzeption der Mühle von vielen Beinen auf einen Kopf stellte. Einem Hansi Ruile wollte und konnte niemand mehr folgen. Er entwickelte sich zum ersten Integrationstheoretiker der Stadt, zu einem Vordenker mit apodiktischem Tonfall, zu einer Persönlichkeit, die den Diskurs der Integration dominierte. Mit seiner „Interkulturellen Akademie“ hielt er den Ball der Diversity-Grammatik hoch. Gleichzeitig verwandelte er die Kresslesmühle in eine Hochburg des Kabaretts, die in ihrer intensivsten Phase 300 Kabarett-Veranstaltungen pro Jahr anbot. Die Mühle wurde in der Stadt als hochgelobte Unterhaltungsplattform wahrgenommen. Bei den Grünen und der SPD wurden im Stadtrat die Bedenken immer lauter. Von einem Bürgerhaus mit linksalternativer Programmatik hin zu einem Veranstaltungsbüro für italienische Nächte bis zu einer Agentur für akademische Vorträge und einer Art Amt zur Förderung der Kabarett-Kunst, hatte sich die Mühle den Trends der Zeit unterworfen und sich stets dorthin entwickelt, wo Hansi Ruile hin wollte.



Das neue Konzept knüpft an das alte an …


Der Rest der Geschichte ist bekannt: Ruile ging in Rente. Seine Nachfolgerin scheiterte schneller als vermutet. Der Beirat besetzte die Geschäftsführerstelle nicht neu. Die Kommunalwahl 2014 brachte mit Reiner Erben einen Grünen Referenten in die politische Verantwortung für die Kresslesmühle. Reiner Erben ließ sich mehr als ein Jahr Zeit. Nun liegt ein erster Beschluss vor. Es sollen wesentlich weniger Kabarett-Veranstaltungen jährlich stattfinden. Die Kneipe wird von der “Ideenwerkstatt” betrieben, das Bürgerhaus von dem “Büro für Migration, Interkultur und Vielfalt”, so heißt jetzt die städtische Verwaltungssektion, die zwei Integrationsbauftragte beschäftigt. Das erinnert den Schreiber dieser Zeilen an die im Garten zum Trocknen aufgehängten Strumpfhosen seiner Großmutter. Sexy ist etwas anderes, zum Beispiel das Grandhotel, der City Club, das Schwarze Schaf, das Weiße Lamm, die Kantine, die Soho Stage, das Spektrum oder auch das Madhouse. Jede Kneipe in der Jakober Vorstadt, in Lechhausen oder Oberhausen stellt heute ein “Bürgerhaus” dar und leistet Integrationsarbeit, wenn der Wirt das Herz auf dem richtigen Fleck trägt. Ein herausragendes Beispiel stellt das Neruda dar. So sollte auch die Küche an den Künstler und Gastwirt (Neruda) Fikret Yakaboylu verpachtet werden. Yakaboylu wollte nicht, weil er die Stadt als Partner nicht ernst nehmen konnte. Das neue „Kulturhaus Kresslesmühle“ soll mehrere Schwerpunktaktivitäten verfolgen. Dabei geht es um einen Zusammenschluss der „Fachstelle Integration“ und Teilen des „Büros für Frieden und Interkultur“ zu einem „Büro für Migration, Vielfalt und Interkultur“, das neue und wesentliche Synergien ermöglichen solle.

…und ist damit zum Scheitern verurteilt

Das Konzept knüpfe an die langjährigen, engen Kooperationsbeziehungen „der Mühle“ mit der Stadt Augsburg an, wie es in dem Konzeptpapier heißt. “Auch hier wurde lange und ausführlich nach einer neuen Plattform gesucht, um der Vielfalt in unserer Stadt gerecht zu werden. Die Stelle für Interkultur und ihre Aufgabenbeschreibung wird sicherstellen, dass in der Innenstadt ein interkultureller Treffpunkt bleibt”, so lautet der O-Ton der aktuellen städtischen Stellungnahme zur Kresselsmühle. Die Stadt vertritt offenbar die Auffassung, dass man eine eingefrorene Leiche nur auftauen muss, um mit ihr so fortfahren zu können, als sei sie immer am Leben gewesen.