DAZ - Unabhängige Internetzeitung für Politik und Kultur
Donnerstag, 05.08.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

Kommentar: Kein leichtes Spiel

Im Hotel Ibis in der Hermanstraße fand gestern Nachmittag ein internationales Schach-Meisterturnier im klassischen Rundenmodus sein Ende. Gewonnen hat es der für Tübingen spielende deutsche Großmeister Eckhard Schmittdiel. Die AZ berichtet(e) darüber kompetent und ausführlich. Die DAZ hätte diese Veranstaltung, aufgrund ihrer selbst gewählten Einschränkung (Politik und Kultur), mit keiner Silbe erwähnt, wenn nicht plötzlich der Oberbürgermeister der Stadt Augsburg die Sieger des Turniers mit einer bemerkenswert nachdenklichen Rede geehrt hätte.

Kurt Gribl erklärte zunächst sein Kommen damit, dass er bereits als OB-Kanditat von den sozialen und politischen “Verlinkungen” einiger Schachspieler beeindruckt wurde. Gribl hob dabei besonders den ältesten Teilnehmer des Turniers, Ignac Meszaros, hervor.

Der fast achtzigjährige diplomierte Schachlehrer Meszaros engagiere sich im Univiertel mit unglaublicher Nachhaltigkeit dafür, dass Jugendliche von der Straße den Zugang zum Königlichen Spiel finden können. Jugendliche von der Straße zu holen, indem man ihnen über das Schachspiel ein anderes Standing und somit eine differenziertere Identität anbiete, verdiene allerhöchste Anerkennung, so Gribl, der es mit einer spontanen wie sehr persönlich gehaltene Rede verstand, die illustre Runde europäischer und nationaler Spitzenschachspieler in seinen Bann zu ziehen.

Er bedauere es zwischendurch sehr, dass man auch als OB in der Stadtpolitik nicht immer so denken und agieren könne wie Schachspieler, die – ungeachtet der laufenden Uhr – selbst entscheiden könnten, wie viel Zeit sie in eine Stellung investieren, um aus den mannigfaltigen wie komplexen Möglichkeiten der Stellung den bestmöglichen Zug zu finden. In der Politik gehe das leider nicht immer: “Manchmal muss man einfach auf Druck etwas raushauen, obwohl es womöglich bessere Optionen geben könnte”, so Gribl wörtlich.

Nachdenkliche Selbstkritik hinsichtlich der Diskussion um die Linie 6, den Wahlk(r)ampftunnel, zur deutlichen Positionierung Gribls im Streit um den Fünffingerlesturm?

Wohl weniger, denn Gribl bezog den politischen Gegner in seine Politik-Schach-Analogie mit ein. “Alle hier anwesenden Schachspieler haben sicher noch nie eine Partie gespielt, die ohne Verluste verlief, ohne Zugeständnisse an den Gegner.” Das sei es, was die Politik mit Schach verbinde. Man müsse wissen, welchen Zweck der Gegner mit seinem letzten Zug verfolge, um die richtige Antwort geben zu können, so Gribl weiter im Text.

Natürlich geht es im Schach in erster Linie darum, die Partie zu gewinnen. Je weitsichtiger die Strategie und je konkreter die Züge vorab berechnet werden, desto höher ist das Niveau. Im Schach gewinnt nahezu immer der bessere Spieler, also der bessere Stratege und Rechner. In der Politik gewinnt derjenige, der “sein Spiel” am besten verkaufen kann. Aber auch Verkaufen hat etwas mit Berechnung und Strategie zu tun.

Kein Wunder, dass es nicht wenige Schachspieler nach ihrer Karriere in die Politik zieht. Das prominenteste Beispiel ist der Ex-Weltmeister Garri Kasparov, der sich in Russland wagemutig für eine weiterführende, an westlichen Standards orientierte Demokratisierung einsetzt. Eine nahezu unlösbare Aufgabe, aber darin sind Schachspieler geübt.

Siegfried Zagler