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Sonntag, 14.04.2024 - Jahrgang 16 - www.daz-augsburg.de

Meinung

Kommentar zum Brechtfestival: Brecht als Vorwand

Dass die Stadt Augsburg das Augsburger Brechtfestival ab 2024 mit zusätzlichen 50.000 Euro stärker fördern will, ist eine gute Nachricht. Das Schlechte daran ist (wie so oft) der Sachverhalt, dass es dafür seitens der Stadt keine ernstzunehmende kulturpolitische Begründung gibt.

Kommentar von Siegfried Zagler

Das von Julian Warner kuratierte Brechtfestival 2023 hat Brechts Werk links liegen lassen und hat die Theaterkunst im Allgemeinen noch weiter links liegen lassen. Der Stückeschreiber Bert Brecht war bei Julian Warners Festival eine Randfigur, besser: eine Vorwand-Ikone für Veranstaltungsformate, die – wenn man sie ernst nehmen wollte – bestenfalls zur Brecht-Dekonstruktion getaugt hätten. Doch dafür fehlt dem Kulturanthropologen Warner der Mut und möglicherweise die Kompetenz.

Das Brechtfestival 2023 war gekennzeichnet vom bisher höchsten Grad der Fraternisierung zwischen städtischer Verwaltung und Festivalleitung. Daran wäre nichts zu kritisieren, würde sich die Verwaltung bei der Bewertung des Festivals konsequent heraushalten. Dass dem so nicht ist, lässt sich aus der Begründung des Antrag zur Erhöhung des Festivalsbudgets ableiten. Bewertet wurde vom Kulturreferat nicht der künstlerische Gehalt, sondern die nachhaltige Stadtentwicklung durch partizipative Formate. Eine steile These, by the way. Aber man darf sich vorstellen, dass die Stadt für Stadtteilentwicklungsprojekte neue Fördermitteltöpfe ins Auge gefasst hat.

Künstlerisch hat Warner das Brechtfestival allerdings in Niederungen geführt, die man sich, als das Festival noch künstlerische Relevanz hatte, nicht hätte vorstellen können. Von der launigen Eröffnungsfeier bis zur niederschwelligen Wrestlingshow am Ende der zehntätigen Grandhotel-Gedächtnisveranstaltung* gab es die lange Brechtnacht und den Brotladen. Das Dramenfragment Der Brotladen ist eine der Vorarbeiten zu Brechts Die heilige Johanna der Schlachthöfe. Eine Gastproduktion des Theater Bremen und immerhin eine knackige Brecht-Vorstellung zum Thema Leerstand und Immobilenmarkt. Über den Rest – und dazu gehört auch die infantile Wrestlingshow – hüllt man höflichkeitshalber den Mantel des Schweigens.

Apropos schweigen: “Abwesenheit und Schweigen”, so lässt sich die Ignoranz der CSU zum Brechtfestival 2023 zusammenfassen. Weder durch das Brechtfestivalkonzept, noch durch das Rahmenprogramm zum Friedensfest soll der ohnehin brüchige Burgfrieden der Schwarz-Grünen Koalition gefährdet werden. Ignoranz ist eine Waffe der Mächtigen, das könnte spätestens bei den Beratungen zum Nachtragshaushalt auffallen, falls der grün-gefärbte Antrag von der CSU unter den Tisch gekehrt wird.

*Anmerkung zum Grandhotel 

Das Grandhotel scheiterte mit seinem work in progress Versuch zusammen mit Geflüchteten in Augsburg eine soziale Soziale Skulptur zu erschaffen. Viele der ehemaligen Grandhotel-Formate wurden vom diesjährigen Brechtfestival übernommen.