DAZ - Unabhängige Internetzeitung für Politik und Kultur
Dienstag, 27.09.2022 - Jahrgang 14 - www.daz-augsburg.de

Kommentar: Gregor Peter Schmitz war in Augsburg eine Klasse für sich

Gregor Peter Schmitz wechselt zu RTL. Darüber darf man überrascht sein

Kommentar von Siegfried Zagler

Wenn man bei Wikipedia nachliest, könnte man zur Auffassung kommen, dass mit Gregor Peter Schmitz ein Journalist die Stadt verlässt, dessen berufliche Biografie wie gemalt ist: Jura und Politikwissenschaft in München studiert, promoviert mit einer Arbeit über die Holocaustleugnung. Nach dem Studienabschluss in Harvard leitete er von 2005 bis 2007 das Brüsseler Büro der Bertelsmann Stiftung, wo er auch alle Transatlantik-Projekte der Stiftung koordinierte. Von 2007 bis 2013 arbeitete er als Korrespondent von Spiegel und Spiegel Online in Washington, wo er zum Wikileaks- und NSA-Team des Magazins gehörte und für einen Text über die amerikanische Bürgerrechtsbewegung mit dem Arthur F. Burns Preis sowie für die Enthüllungen um das Abhören des Handys von Kanzlerin Angela Merkel durch den US-Geheimdienst mit dem Henri- Nannen-Preis ausgezeichnet wurde.

Seine Entscheidung für Augsburg könnte man beinahe als Karriereknick begreifen. Anfang 2018 wurde er nämlich als Nachfolger von Walter Roller als Chefredakteur der Augsburger Allgemeinen vorgestellt, die er als „Marke bemerkenswert schnell weiterentwickelte“, wie die 100-köpfige Jury der Fachzeitschrift „Medium Magazin“ als Begründung für einen weiteren Preis anführte. Im Juni 2019 wurde Schmitz mit dem Theodor-Wolff-Preis ausgezeichnet, dem renommiertesten Preis der deutschen Zeitungsbranche. Später im Jahr erhielt er zudem einen Lead Award in Silber als „Blattmacher des Jahres“. Und so weiter und so weiter.

Hervorzuheben wäre auch die neue Gesprächsreihe „Augsburger Allgemeine Live“ – zu der Gäste wie Bundeskanzlerin Angela Merkel, Grünen-Vorsitzender Robert Habeck, Siemens-Chef Joe Kaeser und andere Hochkaräter charmant aber nicht anbiedernd live interviewt wurden. Die „Augsburger Allgemeine“ anvancierte in der kurzen Schmitz-Ära 2018, 2019 und auch 2020 zu den meistzitierten Zeitungen des Landes. „Die Zeitung“, wie die Augsburger Allgemeine innerhalb der Stadt Augsburg genannt wird, rückte im Mantelteil unter Schmitz nach links. Donnerwetter!

Trotz all des Zuckergusses und der ungeheueren Leistung, die eher biedere Augsburger Allgemeine zu einem national beachteten Blatt zu formen, muss man „GPS“, wie er überall genannt wurde, anlasten, dass er den Regionalteil der Allgemeinen nicht ernsthaft angefasst hat. Ein Versäumnis. Festzuhalten ist darüber hinaus, dass der smarte Chefredakteur im Kommentarteil kaum etwas ablieferte, das in der Tiefe und in der Themenwahl an die Edelfedern der Meinungsführer heranreichte.

Aus diesem Grund sollte man nicht groß überrascht sein, dass Schmitz nicht in eine leitende Position des Spiegel, der Zeit, der FAZ oder der Süddeutschen wechselt. Dass es aber zum flüchtigsten TV-Sender der Republik geht: Darüber darf man überrascht sein. Schmitz war im politischen Augsburg kaum vernetzt, pflegte wenig Kontakte und kümmerte sich wenig um das Lokalpolitische. Gregor Peter Schmitz war in Augsburg eine Klasse für sich. Nun wünschen wir ihm von hier aus alles Gute in Köln.