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Donnerstag, 10.11.2022 - Jahrgang 14 - www.daz-augsburg.de

Kommentar: FCA großartig und leichtfertig zugleich

Der FC Augsburg hat sich nach jahrelangem Non-Fußball wieder in die Herzen seiner Fans gespielt. Dafür verantwortlich sind ein junger und unerfahrener Bundesligatrainer, ein unter Druck geratener Manager und das Augsburger Publikum, das am fünften Spieltag nach dem verlorenen Heimspiel gegen die Berliner Hertha die eigene Mannschaft auspfiff und mit Schmähungen bedachte.

Kommentar von Siegfried Zagler

Sein Fehlen ist deutlich feststellbar: Rafal Gikiewicz – Foto © DAZ

Kurz darauf wurde Markus Krapf zum FCA-Präsidenten gekürt. Krapf suchte umgehend den Kontakt zu Trainer und Mannschaft und stellte fest, dass es etwas Schlimmeres seit der FCA im Profifußball zurück ist, in Augsburg noch nicht gegeben habe. Die Zeichen standen auf Sturm, auch für Sportmanager Stefan Reuter, der ernsthaft unter Druck geriet und sich anschließend um Torhüter Finn Dahmen bemühte, da FCA-Stammkeeper Rafal Gikiewicz deutlich und zu oft patzte – und mit Koubek und Klein eher für die Bundesliga zu schwache Torhüter als Ersatz zur Verfügung standen. Das Werben um Dahmen blieb ohne Erfolg, da dessen Klub (Mainz) ihn nicht ziehen lassen wollte.

Augsburgs Trainer schien sich selbst zu hinterfragen und änderte sein Spielsystem radikal, stellte also von Ballbesitz auf lange Bälle und knallharte Balleroberung um und hatte damit Glück und Erfolg. Glück deshalb, weil der vielfach gescholtene Stammtorwart Gikiewicz plötzlich überragend hielt und beinahe jede Augsburger Torgelegenheit zu einem Treffer umgemünzt wurde.

Der Erfolg stellte sich aber auch ein, weil die kräftigen Stürmertypen des FCA, allen voran André Hahn und Mergim Berisha, die langen Bälle zu verarbeiten verstanden und Florian Niederlechner im Verbund mit zwei, drei anderen Kollegen mächtig und wohl organisiert presste, sodass die Augsburger Gegner kaum Luft hatten, zu ihrem eigenen Spiel zu finden. Auch hatte der FCA mit Ermedin Demirovic urplötzlich einen Stürmer in seinen Reihen, der nicht nur in die richtigen Räume lief, (in Ballbesitz und gegen den Ball) und mit Ballsicherheit glänzte, sondern auch noch Tore schoss und Torgefährlichkeit ausstrahlte. Hinzu kam, dass mit Maximilian Bauer und Elvis Rexhbecaj die beiden anderen Neuzugänge von Spiel zu Spiel stärker wurden und Kapitän Jeffrey Gouweleeuw Schritt für Schritt aus seinem Formtief kam.

Dem FCA mangelt es an fußballerischer Klugheit

Trotz langwieriger Verletzungen der Schlüsselspieler Dorsch, Oxford und Uduokhai befindet sich der FCA nach dem fünften Spieltag auf der Erfolgsspur und punktete mit Glück, Geschick und einer lange vermissten Kampfkraft. Zehn Punkte aus fünf Spielen, so die Bilanz des neuen FC Augsburg bis zum elften Spieltag. Der neue FCA-Trainer fand nach sechs Pflichtspielen und einer langen Vorbereitungszeit recht spät, aber nicht zu spät zu dem System, das die Mannschaft auch zu spielen versteht. Mit diesem Punkte-Schnitt könnte sich der FCA am Ende Saison einen Platz für das internationale Geschäft sichern.

Ein Traum, der geträumt werden durfte, zumal sich die drei besten Augsburger Kicker in der Reha befinden und nach der WM den FCA noch stärker machen sollten. Doch dann kam Leipzig und legte schlagartig bloß, woran es dem FCA mangelt, nämlich an fußballerischen Klugheit.

Zwar verstanden es die Augsburger bis zur 27. Minute die Leipziger aus dem eigenen Strafraum fernzuhalten – dann hatte plötzlich Forsberg nach einem schlichten Doppelpass die Chance auf 0:1 zu stellen, was Koubek noch aufmerksam zu verhindern wusste.

Dann kam ein Elfmeter und zwei Standard-Situationen und der FCA führte zu Hause gegen ein Leipzig, das ohne Nkunku, Olmo, Werner und Halstenberg nach vorne wenig zustande brachte, mit 3:0. Der Sieg schien eingefahren, Fußball Augsburg war aus dem Häuschen, schließlich war man gerade dabei einen Champions League-Teilnehmer abzuschießen: Fast jeder Torschuss ein Treffer.

Der FCA verlor noch vor Iagos Platzverweis den Faden

Doch dann, wollte der FCA mithilfe des Publikums, das jeden wild weggedroschenen Ball bejubelte, die Partie hemdsärmlig nach Hause verteidigen und verlor dabei völlig den Faden. Und dies bereits bevor Iago vom Platz gestellt wurde. Man könnte gar zur Feststellung neigen, dass Iagos Ausraster als logischer Folge dieser irrwitzigen „Systemumstellung“ zu bezeichnen ist.

Natürlich trug der dumme Platzverweis (Pardon, aber für eine passendere Beschreibung fehlt dem Schreiber dieser Zeilen die Fantasie.) zur Auflösung der Augsburger Ordnung bei. Das Verhängnis begann aber bereits vor Iagos Rempler, der übrigens nicht als einmaliges Ereignis abzuhandeln ist. Der FCA führt die Bundesliga-Liste der Gelben Karten an – und viele davon sind nicht professionellen Verhaltensweisen wie dieser geschuldet.

Nach Iagos Platzverweis kam Leipzig zunehmend ins Spiel, weil sich niemand für den überragenden Nkunku zuständig fühlte und der für den angeschlagenen Pedersen eingewechselte Caligiuri (78.) wie ein Unbeteiligter nebenher lief und offenbar nicht begriff, dass nach dem Anschlusstreffer von Silva (72.) das Augsburger Dach bereits lichterloh brannte.

Die drei Gegentore hatten viele Väter

Mehr als unglücklich auch das Agieren des irgendwie verschlafen wirkenden Arne Maier, nach dessen Einwechslung (87.) zwei weitere Treffer der Leipziger fielen. Die gefühlte 3:3-Niederlage des FCA hatte also viele Väter, da die organisierte Nickligkeit in der Defensive verschwand und keinerlei Entlastungsangriffe gefahren wurden.

Schwach auch Framberger, der in der 74. Minute Berisha ersetzte. Framberger verschärfte die Unsicherheit in der Abwehr und brachte nach vorne nichts zustande. Will man das Desaster einer in der Schlussviertelstunde verschenkten 3:0-Führung punktuell an Fehlleistungen bestimmter Spieler festmachen, dann darf man FCA-Keeper Koubek nicht vergessen, der bei jedem Gegentreffer nicht nur „unglücklich aussah“, sondern nachweislich fehlerhaft agierte. Dass Reuters Werben um Dahmen notwendig war, muss an dieser Stelle nicht weiter vertieft werden.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Leipzig war ein ebenbürtiger Gegner und hat sich das Unentschieden sehr wohl verdient.

Festzuhalten ist aber auch, dass sich der FCA am Ende selbst erschossen hat. Nach einer starken Leistung, die vornehmlich durch mannschaftliche Geschlossenheit gezeichnet war, fiel der FCA als Mannschaft in den letzten 20 Minuten auseinander wie ein ein aufgerissenes Kopfkissen. Das Augsburger Spielglück wurde am Ende auf den Kopf gestellt – die große Gelegenheit, Leipzig zu schlagen, leichtfertig vergeben.