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Mittwoch, 15.06.2022 - Jahrgang 14 - www.daz-augsburg.de

Kommentar – Augsburg: Stadt der Fugger, Stadt der Bluffer

Der Traum vom erfolgreichen Bluff wurde in Augsburg immer geträumt

Kommentar von Siegfried Zagler

König der Bluffer: D´Stoinerne Ma Foto: DAZ

Augsburg ist eine erstaunliche Stadt. Nicht ganz so wie Venedig, wo hinter jeder Ecke etwas Erstaunliches zu finden ist, aber immerhin: In Augsburg wurde der Kapitalismus erfunden (Fugger), in Augsburg wurde die ästhetische Kritik am Kapitalismus erfunden (Brecht) und in Augsburg wurde der Verbrennungsmotor und die Musik revolutioniert (Diesel und Mozart). Und in Augsburg wurde neben der Wasserwirtschaft (Martin Kluger) der Bluff aus der Not heraus erfunden ( „d´ Stoinerne Ma“).

Zur „Stadt der Chancen“ (OB Eva Weber) gehören also nicht nur die Nörgler, wie Brecht und Diesel, sondern auch grandiose Bluffer, wie Jakob Fugger, der Reiche oder Konrad Hacker, der Bäcker, besser: der König der Bluffer. Der Adelsstand der Bluffer hat sich in Augsburgs DNA besser gehalten als die Stadtmauer und das Andenken an die Römer.

Ein Bluff, der funktioniert, wird von der Nachwelt als raffinierte Tat gefeiert, da man damit Interessen und Absichten durchsetzen konnte, ohne die Mittel oder die Fähigkeiten dazu gehabt zu haben. Ein Bluff dagegen, der nicht funktioniert, entlarvt den Bluffer als Hochstapler.

In Augsburg wird man Baureferent Gerd Merkle weder ein Denkmal setzen, noch einen Platz nach ihm benennen, wenn er im Frühjahr 2023 abdankt. Es sei denn, man nennt die heutige Fuggerstraße in „Straße der großen Trickser und Bluffer“ um. Darin bekäme er selbstverständlich neben Konrad Hacker und einigen Mitgliedern der hiesigen Fugger-Familie einen Ehrenplatz, den man ihm später streitig machen könnte, da ihn die Forschung möglicherweise als Hochstapler entlarven würde.

Man muss sich das „Goldene Zeitalter“ in Augsburg als Horror-Szenario vorstellen: Von der Pest entstellte Kinderleichen lagen auf den Straßen neben ihren verhungerten Eltern. In eiskalten Wintern wurde alles verheizt, was brannte, alles gegessen, was essbar erschien, Kannibalismus und Wahn beherrschten die einst reiche und stolze Reichsstadt – und es wurde gestorben: Die Bevölkerungszahl sank innerhalb kurzer Zeit von 49.000 auf 19.000, schließlich wurde 1635 die Stadt nach langen Blockaden, die den Horror verursachten, aufgegeben und an die bayerische Armee übergeben. Es gab keinen Abzug der Belagerungstruppen, deren Strategie voll aufging.

Doch im historischen Bewusstsein der Augsburger Stadtgesellschaft verfing sich, trotz dieser größten Katastrophe der Stadtgeschichte, die Legende von der Unverdrossenheit und die Idee des „All in“, die sich im Gedenken an den Steinernen Mann spiegelt, stärker als die Realität, die diese Legende erschuf. So wie sich die geschlagenen und gedemütigten Augsburger im 17. Jahrhundert den Bäcker Konrad Hacker zusammen fantasierten, der im 30-jährigen Krieg während der Belagerung der Stadt aus Sägemehl und Kleie einen riesigen Brotlaib geformt haben soll, den er von der Stadtmauer aus den Belagerern zugeworfen habe, sodass sie wohl denken mussten, dass sie weder die Stadt nehmen noch aushungern können – und abzogen, so versucht Augsburgs Baureferent heute die „eigenen Leute“ wie die „Bayerischen Truppen“ (=Staatsregierung) mit einer ebenfalls frei erfundenen Legende davon zu überzeugen, dass man mit Sägemehl und Kleie (KfW-Bank) ein Staatstheater sanieren, ja ein Theater-Viertel erschaffen kann.

Nach der Informationsshow von Gerd Merkle, Jürgen Enninger und Co. zum Sanierungsstand des Augsburger Staatstheaters darf man in Augsburg davon ausgehen, dass der „große Bluff Theatersanierung“ aufgeflogen ist. Der Bluff der Zocker bestand und besteht darin, dass Kurt Gribl, Eva Weber, Gerd Merkle und die CSU wie die Grünen so tun, als würde sich die Stadt ein Theater leisten können, dessen Sanierung wohl mehr als 400 Millionen Euro verschlingen wird. Geblufft wurden die Augsburger Bürger und die Fördermittelgeber. Der Einsatz liegt auf dem Tisch. Am 23. Juni wird der Stadtrat „All in gehen“ und das Spiel mit der Methode „Augen-zu-und-durch“ verlieren, indem er Bauteil II der Theatersanierung durchwinken wird. „Durchwinken“ deshalb, weil man in Augsburg den Bluff offensichtlich höher schätzt als die gesellschaftliche Realität, die den Bluff benötigt.

Dies haben sich wohl auch die Erben von Jakob Fugger gedacht, als sie – zwar nach 500 Jahren immer noch reich, aber längst nicht mehr reich genug, um gesellschaftlichen Einfluss zu besitzen – mit der Idee des Fugger-Pavillon vorstellig wurden. Die Stadt ließ sie machen und siehe da: Die Stadtgesellschaft und die Augsburger Allgemeine ließen sich zusammen mit Eva Weber, Ursula von der Leyen und Claudia Roth von einer Inszenierung vereinnahmen, wie sie die Welt seit Konrad Hacker nicht mehr gesehen hat. Crowdfunding á la Fugger! Wie gesagt: Von allen erstaunlichen Städten wird Augsburg nur von Venedig übertroffen – und bekanntermaßen ist die Lagunenstadt dem Untergang geweiht.