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Donnerstag, 17.09.2020 - Jahrgang 12 - www.daz-augsburg.de

Königsplatz-Umbau: Der Souverän wird die richtige Entscheidung treffen

Kommentar von Siegfried Zagler

Am Sonntag wird in Augsburg gewählt. Es geht dabei nicht um eine politische Wahl, sondern um eine städtebauliche Weichenstellung. Nicht die Politik der aktuellen Stadtregierung steht zur Disposition, sondern die Frage, ob man am Königsplatz einen Tunnel bauen soll oder nicht. Wer glaubt, die Augsburger Bürgerschaft könnte das anders sehen und der angeschlagenen Regierungskoalition den Blattschuss verpassen wollen, unterschätzt im hohen Maße den Souverän, der in den vergangenen Bürgerentscheiden stets ein feines Gespür für die städtebaulich bessere, sprich zukunftsfähigere Lösung gezeigt hat. Im Januar 1996 lehnten die Augsburger den Bau der „Walter-Garage“ unter der Fuggerstraße mit großer Mehrheit (67%) ab. Im Juni 1997 gab die Augsburger Bürgerschaft mit breiter Zustimmung (80%) Grünes Licht für das Konzept einer Tangente (Schleifenstraße), die die Innenstadt deutlich spürbar vom Autoverkehr entlastete. In beiden Bürgerentscheiden sorgte die Augsburger Wählerschaft dafür, dass ihre Innenstadt städtebaulich fortgeschrieben werden konnte.

Der Ideenwettbewerb pulverisierte die Tunnel statt Chaos-Wahlkampf-Plattitüde

Webseite der Tunnelbefürworter

Webseite der Tunnelbefürworter


Der dritte Bürgerentscheid im November 2007 in Sachen Städtebau war allerdings von politischen Parolen geprägt. Die Kernaussage der Initiatoren forderte damals einen Ideenwettbewerb vor dem Königsplatz-Umbau. Die Wahlbeteiligung war niedrig (25%) und das Ergebnis knapp: 53,2 Prozent der Wähler stimmten für einen Ideenwettbewerb und legten somit die so genannte „Mobilitätsdrehscheibe“ der Regenbogenregierung auf Eis. Der Ideenwettbewerb wiederum pulverisierte die „Tunnel statt Chaos-Wahlkampf-Plattitüde“ von OB-Kandidat Gribl und der CSU. Beide, die CSU allerdings mit Abstrichen, zeigten sich lernfähig und webten zusammen mit den Siegerarchitekten die Idee eines autofreien Königsplatzes im Sinne des Siegerentwurfs des Ideenwettbewerbs in den neuen Bebauungsplan (B-Plan 500) ein.

Die Innenstadt als Ort der Begegnung

Ohne es zu genau wissen, stimmte also beinahe genau vor drei Jahren die Augsburger Bürgerschaft wiederum im Sinne einer modernen Stadtentwicklung. Der B-Plan 500 ist nämlich in der Tat ein kühner und ein mutiger Plan. Ein vom Autoverkehr weitgehend befreiter Boulevard vom Theodor-Heuss-Platz bis zum Stadttheater mit viel Grün und einer weitschweifigen Platzsituation am Königsplatz könnte der erste Schritt zu einer modernen Stadtplanung sein. Eine langfristige Stadtplanung, die auf Aufenthaltsqualität und auf eine neue Bewohnbarkeit und Nutzung der Innenstadt hinzielt.

Webseite der Tunnelgegner

Webseite der Tunnelgegner


Dieser erstaunliche städtebauliche Paradigmenwechsel könnte der Beginn einer bisher noch nicht gedachten Stadt sein. Eine Stadt, in der sich ein neues urbanes Lebensgefühl – ausgehend vom „Verkehrsknotenpunkt Königsplatz“ ausbreitet und die Innenstadt für deren Bewohner und deren touristischen Besucher zu einem belebten Ort der Begegnung verwandelt. Die Unbewohnbarkeit der Städte und deren Verödung durch die zu Shopping-Malls entwickelten Fußgängerzonen und Stadtautobahnen mit Verkehrsleitsystemen für gigantische Automobilströme sollte als Fehlentwicklung einer falsch gedachten Konsumqualität in die Geschichte des Städtebaus eingehen. Den ersten Schritt für ein neues Lebensgefühl in der Stadt kann nur eine planerische Philosophie leisten, deren erster Grundsatz den Durchgangsverkehr in der Innenstadt ausschließt.

Es kommt nicht darauf an, wo der Tunnel anfängt

Bei allem Respekt für die Tunnel-Initiatoren und die Unterzeichner für das Bürgerbegehren muss man festhalten, dass ein Tunnel am Königsplatz die Konrad-Adenauer-Allee und die Fuggerstraße als Durchgangsstraße festlegt. Eine Festlegung, die die Perspektive auf städtebauliche Weitereinwicklung des Augsburger Stadtzentrums auf ewig verstellt. Dieser Aspekt kommt in der aktuellen Diskussion, die in erster Linie von den Verkehrs- und Fördergeld-Experten und parteipolitischen Wettspielchen auf den Wahlausgang geprägt ist, zu kurz. Es geht also nicht nur darum, ob der Hauptbahnhof-Umbau durch die Tunnel-Planung in weite Ferne rückt oder nicht. Und es geht auch nicht in erster Linie darum, ob nach 2019 ähnlich hohe Fördermittel generiert werden können oder nicht. Und es kommt auch nicht darauf an, wo der Tunnel anfängt und aufhört, wie teuer er wird undsoweiter. Die Augsburger entscheiden am Sonntag in erster Linie darüber, ob die Innenstadt im Sinne ihrer Bewohner weiter entwickelbar bleibt oder nicht. Wer sich am Sonntag für die Option einer neuen urbanen Lebensform, also für die Vision einer neuen Belebung der Innenstadt entscheiden möchte, muss gegen den Tunnel stimmen. Auf diese Kernthese sollte in den letzten Tagen vor der Entscheidung die Diskussion heruntergebrochen werden.