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Donnerstag, 05.08.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

Klischee-Mord und weitere Untaten

Parktheater: Udo Wachtveitl und Konsorten machten Bayern alle

Von Frank Heindl

Dass der bayerische Marsch ganz zu Anfang irgendwie nicht ganz echt klang, ließ Schlimmes ahnen. Erwin Rehling hieb in doppelter Geschwindigkeit auf seine Drums ein, als gelte es, ihn so schnell wie möglich zu erledigen. Allerdings dauerte es dann doch kurzweiligste zwei Stunden, bis ein paar bayerische Mythen aufs Heftigste zerfleddert waren. Der verfremdete Marsch war nur ein harmloses Intro für die mit “Lesung” deutlich zu karg beschriebene Performance für zwei Vorleser und drei Musiker, die Udo Wachtveitl und Konsorten unter dem Titel “Mörderisches Bayern” im Parktheater zeigten.

Woran liegt’s, dass dieser Abend – das schon mal gleich vorweg – so rundum hervorragend war? Das gelungene Ergebnis lässt sich kaum an einzelnen Akteuren festmachen. Grundlage allerdings sind Robert Hültners bravouröse Inspektor-Kajetan-Romane, denen man in diesem Zusammenhang eigentlich einen eigenen Artikel widmen müsste. Mit “Lokalkolorit” ist höchstens phrasenhaft umschrieben, wie eindringlich, sarkastisch und höchst pessimistisch sich der Autor aus Inzell mit der Geschichte seiner Heimat befasst. Seinen Inspektor lässt Hültner in der Zeit vor und nach der bayerischen Revolution, also den Zehner- und Zwanzigerjahren des vorigen Jahrhunderts, eine “Karriere” in umgekehrter Richtung machen: Weil er Zustände ermittelt, die der herrschenden Kaste zuwider sind, landet er ganz unten, in der Gosse, und schließlich sogar dort, wohin er früher seine Delinquenten gerne hinbeförderte: im Knast. Nur dass dort nun andere Regeln gelten: Kajetan, irrtümlich verhaftet, wird brutal verprügelt und muss seinen Glauben an die bayerische Justiz begraben.

Das und noch viel mehr bringen zwei Schauspieler auf die Bühne des Parktheaters: Hans Kriss liest die zusammenfassenden Zwischentexte, klärt auf, an welchem Ort und in welcher Zeit man sich befindet. Udo Wachtveitl, als Tatortkommissar mit Mord und Totschlag bestens vertraut, liest aus den (aufeinander aufbauenden) Kajetan-Romanen. Und Wachtveitl ist ein großartiger Vorleser: Ohne zu übertreiben gibt er jeder Person ihren unverwechselbaren Charakter, dem zögerlichen Dorfpolizisten, der – gaaanz langsam! – einen Brief an seine Schwester formuliert, ebenso wie der frechen Häuslerin in der armen Münchner Vorstadt. Wachtveitl beherrscht das bayerische Fluchen genauso perfekt wie den berlinerisch geprägten Anbiederungsjargon eines preußischen Barons. Gruselig, wie man hier, in der Hetze gegen die bayerische Revolution, den Faschismus heranziehen hört, wie da einer vor dem Blutvergießen warnt, das er gerade mit aller Energie selbst initiiert. Doch Hültner beschreibt auch gewitzte Menschen, die dem Appell ans verquaste Bayerntum ihre bodenständige Intelligenz entgegensetzen: Den Wachtmeister etwa, der den heimattümelnden Baron als entmündigten Ausländer enttarnt. Nur: Laut sagen darf man so etwas zu der Zeit schon nicht mehr. Höchstens ganz im Stillen kann man raus finden, wer hier den meisten Dreck am Stecken hat. Und dabei entdecken, dass ein paar ganz normale Morde nur die Spitze eines Berges von Untaten sind.

Historischer Irrsinn und intellektuelle Renitenz

Den Widerspruch zwischen historischem Irrsinn und intellektueller Renitenz bringen drei rundum bewundernswerte Musiker auf die Bühne: Andreas Koll hat eine Musik geschrieben, die es, wie Wachtveitl sagt, sehr erfolgreich zu verbergen vermag, dass sie komponiert ist. In schrägen und schrägsten Einwürfen konstruieren und dekonstruieren, kommentieren und ergänzen diese Klänge das Romangeschehen aufs Grauslig-Lustigste. Koll selbst kann fröhliche Weisen zelebrieren auf seinem Akkordeon – und dazu so entsetzlich grölen, dass einem die Bierseligkeit schnell wieder vergeht. Sebastiano Tramontana holt dazu die seltsamsten, verschrobensten Klänge aus seiner Posaune, nutzt sein Blech auch mal über länger Zeit nur, um darin und da hindurch geräuschvoll ein- und auszuatmen. Und Erwin Rehling legt unter und über das Ganze eine Perkussion von erlesener Unkonventionalität. Alle drei können überraschend dämlich schauen, auf der Bühne Fliegen fangen, mit kindischem Vergnügen einen abfahrenden Zug imitieren. Kurzum, sie bieten eine Comedy-Performance, die aus ganz anderen Gründen ebenso gruselig ist wie Hültners Text: Weil sie in so krassem Gegensatz zu diesem steht, weil sie in heftiger Ablehnung der geschilderten Zustände diese nicht ernst nimmt. Wir hören, sehen und empfinden den so schrecklich verzweifelten wie schrecklich vergeblichen Kampf wehrloser Clowns gegen die präfaschistische Menschenverachtung. Und erfahren – mal wieder – warum Lachen und Weinen so nah beieinander liegt.

Das Klischee “Marsch” war schon in den ersten Sekunden ermordet worden. Die Klischees vom schönen Bayern und der gemütlichen, alten Zeit abzumurksen, dauerte etwas länger – ein schöner, ein so mörderischer wie vergnüglicher Abend!

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» www.moerderisches-bayern.de