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Freitag, 10.06.2022 - Jahrgang 14 - www.daz-augsburg.de

Klamauk auf der Metaebene

Enemy Alien Brecht: BB vor dem Sensemble-Untersuchungsausschuss

Von Frank Heindl

Dass „DAZ-Bashing“ angesagt sein würde, ging schon aus dem Programmheft hervor. DAZ-Autor Manfred Seiler hat beim letzten Brechtfestival heftig polemisiert, und das haben – verständlicherweise – nicht alle Betroffenen goutiert. Sebastian Seidels Auftragswerk zum Brechtfestival mit dem Titel „Enemy Alien Brecht“ setzt nicht neue Polemik dagegen, sondern will sich lustig machen über den Umgang Augsburgs mit „seinem“ Dichter und seinem Brechtfestival. Das gelang nur bedingt.

Feindlicher Ausländer in Augsburg? Ralph Jung als Bertolt Brecht (sitzend), Florian Fisch als Untersuchungsbeamter in Sebastian Seidels „Enemy Alien Brecht“ (Foto: Nina Hortig).

Feindlicher Ausländer in Augsburg? Ralph Jung als Bertolt Brecht (sitzend), Florian Fisch als Untersuchungsbeamter in Sebastian Seidels „Enemy Alien Brecht“ (Foto: Nina Hortig).


Seidel, der fürs Brechtfestival 2012 aus den Protokollen Augsburger Stadtrat-Sitzungen ein Stück geschnipselt hatte (DAZ berichtete), schaute diesmal nicht ein halbes Jahrhundert, sondern hauptsächlich auf die letzten drei Brechtfestivals zurück – und auf die Diskussionen, die drum herum geführt wurden. Formal findet auf der Bühne des Sensemble-Theaters eine Untersuchung statt, in der ein „künstlich am Leben gehaltener“ Bertolt Brecht Verantwortung übernehmen soll auch für das, was posthum mit seinem Werk geschieht – und zwar in Anlehnung an jene Brecht-Befragung vor dem amerikanischen McCarthy-Ausschuss im Oktober 1947, in deren Folge der Dichter sich erneut ein anderes Exilland suchte und schließlich in der DDR landete.

Dieses künstliche Setting ist eine Crux von Seidels Stück, denn es will und will nicht einleuchten, warum sich ein Untersuchungsbeamter (Ralph Jung) im Jahr 2013 derart ungehalten dem toten Brecht (Florian Fisch) gegenüber zeigen sollte, warum einer sich aufführt wie Rumpelstilzchen, bloß weil’s ihn ärgert, dass Brecht mal so und mal anders interpretiert wird. Er habe Brechts Werke gelesen, behauptet dieser Choleriker, sei aber „nicht schlau draus geworden.“ Das geht vielen so, aber dafür kann Brecht nichts. Der Beamte aber fordert Bekenntnisse, verbietet es dem Dichter aber, irgendwelche Erklärungen zu verlesen.

So unkonkret war Brecht nun doch nicht

Seidel vermeidet es glücklicherweise, Brecht im Nachhinein seine Stücke erklären zu lassen – stattdessen aber steht der Autor nun ein bisschen verunglimpft auf der Bühne: Zwar lässt man ihn nicht lesen, doch Seidels Brecht scheint sich auch gar nicht erklären zu wollen. So unkonkret aber, so konsequent Stellungnahmen verweigernd war Brecht nun doch nicht – durchaus möglich aber, dass das Augsburger Festival diesen Mythos zu befördern hilft. „Wer immer es ist, den ihr sucht, ich bin es nicht“ und „In mir habt ihr einen, auf den könnt ihr nicht bauen“ – diese Aussprüche werden immer dann gerne zitiert, wenn man erstens mit der eigenen Interpretation nicht weiterkommt und zweitens Brecht unterstellen möchte, er habe auch nicht so genau gewusst, was er sagen wollte. Was natürlich Quatsch ist.

Der Mann hatte eine Botschaft, aber man lässt ihn – nicht nur auf Seidels Bühne – nicht reden. Eine Lösung für das Rätsel, was dieser Inquisitor eigentlich will, könnte in der Feststellung liegen, dass er schlichtweg dumm ist. Er kapiert nicht, dass ein Dichter nicht eindeutig sein kann, dass kontroverse Diskussion zum Geist der Aufklärung gehört. Seidel weiß das natürlich, aber seinem Untersuchungsbeamten enthält er solche Erkenntnis vor. Was ist denn eigentlich an Augsburger Brecht-Diskussionen mitunter so schlimm? Doch nicht dass, sondern auf welchem Niveau sie stattfinden!

Wer spricht hier für wen, wer ist wessen Zeuge?

Als Zeugen darf der Buchhändler Kurt Idrizovic sich selbst spielen und ein wenig mit Manfred Seilers Texten hadern, Festivalberater Jan Knopf haut anschließend in dieselbe Kerbe (er wurde krankheitshalber von dem Schauspieler Jörg Schur vertreten) – und danach ist noch weniger klar als zuvor, für wen hier eigentlich gesprochen wurde. Sind Idrizovic und Knopf Zeugen der Anklage gegen Brecht? Oder gegen Seiler? Ist der auch angeklagt? Und wenn ja, welcher Verbrechen?

Wollte Seidel Stellung beziehen in dieser Debatte, müsste er konkreter werden. Was will er dann? Dass Brecht in Augsburg als „Enemy Alien“ gelten konnte, als feindlicher Ausländer, ist lange her. Heute scheint er eher zu jedermanns Freund stilisiert zu werden. Diesem Gedanken hätte man ein paar prächtige Brecht-Zitate entgegenhalten können. Man könnte sogar die These vertreten, Brecht wäre es eher wurscht gewesen, ob er in der „Scheißstadt“, als die er Augsburg angelegentlich bezeichnet hat, als Feind gilt.

Seidels Stück aber kämpft mit Pappkameraden, führt eine neue Ebene in eine Debatte ein, die doch eh schon Metaebene ist, diskutiert über die Diskussion der Diskussion. Was dabei herauskommt, ist Klamauk, zwischendurch vergnüglich, insgesamt wenig erhellend, ein paar durcheinandergeworfene Schnipsel Brecht-Diskussion in der Fuggerstadt, „Augschburg-Schtyle“ für Festivalbesucher. Das muss auch auf die Gefahr hin gesagt werden, dass diese Sätze demnächst in einem weiteren Bühnenstück vorkommen.