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Dienstag, 07.12.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

Jazz und Revolution

„Ideale transatlantisch“: die Augsburger Philharmoniker im vierten Sinfoniekonzert

Von Frank Heindl

Ganz leise beginnt das 4. Sinfoniekonzert der Augsburger Philharmoniker: Mit Charles Ives Komposition „The unanswered Question von 1906“. Wunderbar, wie ruhig, fein und erhaben Ives die Streicher erklingen lässt. Zum Weinen schön – wären da nicht die unbarmherzigen Kritiker. Ives lässt Trompete und Holzbläser „Fragen“ stellen, die ganz und gar quer zum Orchestergeschehen liegen. Sprich: Sie ignorieren die Vorgaben von Rhythmus und Harmonie, sie „stören“, plärren von außen dazwischen – GMD Dirk Kaftan hat sie sinnfällig abseits auf dem Balkon positioniert. Die Fragen allerdings bleiben unbeantwortet, das Orchester lässt sich nicht beirren. Soll man das als Plädoyer für die Kunst im Elfenbeinturm sehen? – Auch diese Frage bleibt unbeantwortet.

Die beiden an Ives anschließenden Kompositionen stellen solche schwierigen Fragen nicht – es sind Produkte der leichteren Muse, entstanden unter dem Einfluss des Jazz der amerikanischen 40er-Jahre. Aaron Coplands Konzert für Klarinette und Orchester ist dem Klarinettisten Benny Goodman gewidmet und in der Tat könnte man zwischendurch dem Irrtum verfallen, der Meister sei auferstanden. In Wahrheit steht aber Sharon Kam auf der Bühne. Die international gerühmte und gefragte Klarinettistin verstärkt die Philharmoniker bravourös, zaubert einen fabelhaft reinen, klaren Klang auch ihrem Instrument, der auch dann noch hell strahlt, wenn er die dunklen blue notes anstimmt, die auch in Artie Shaws Jazz-Konzert für Klarinette und Orchester von 1940 eine tragende Rolle spielen.

Kaftans Orchester mutiert für dieses Stück zur Jazz-Bigband, „schmissig“ muss man diesen Teil des Konzerts wohl nennen, genau mit diesem aus der Mode gekommenen Wort – denn auch der Bigbandjazz hat sich inzwischen ein gewaltiges Stück weiter entwickelt. Coplands und Shaws Kompositionen sind Reminiszenzen an eine längst vergangen Zeit, als Jazzfan würde man sich da doch lieber die damaligen Originale anhören, die Bigbands von Duke Ellington und eben Benny Goodman – wäre da nicht diese unglaubliche Klarinettistin, aus deren Instrument nicht nur die Erinnerung an Goodman erklingt, sondern selbstverständlich auch die an George Gershwin, den sie folgerichtig mit einer Zugabe ehrt: Unbegleitet spielt sie eine Strophe aus „Summertime“.

Schostakowitschs 12. Sinfonie: Anbiederung oder Kritik?

„Ideale transatlantisch“ heißt das Programm des Abends – nach der Pause dann erklingt deshalb das Hauptwerk des Abends, Dmitiri Schostakowitschs 12. Sinfonie von 1961 – ein Werk, das erheblich politisch belastet ist. Schostakowitsch beendete mit dieser Sinfonie seinen Zwist mit der KPdSU: Wohl zur Belohnung für seine Arbeit wurde er 1961 in die Staatspartei aufgenommen. Kein Wunder, da doch seine Sinfonie den Titel „Das Jahr 1917“ trägt und auch noch Lenin gewidmet ist, also der Revolution zu huldigen scheint. Ob allerdings der hohle Pathos, den man mit wenig Mühe an einigen Stellen heraushören kann, einfach nur schlechte Programmmusik ist – oder polemische Kritik am Auftraggeber? Immerhin ist die Sinfonie nicht Stalin, sondern Lenin gewidmet, und damit jener von großen Idealen getragenen Anfangsphase des russischen Kommunismus, als noch freiheitlichere Entwicklungen denkbar waren. Dirk Kaftan scheint sich für die Interpretation der Sinfonie als Kritik entschieden zu haben: So triefend ironisch, so übertrieben pompös klingt der nicht enden wollende Schluss, dass es zum Lachen ist. Das ist aber dann ein Lachen über eine großartige Musik, in der nicht die jazzigen Neuerungen der transatlantischen USA aufscheinen, sondern die großen Traditionen europäischer Musik, Beethoven und Brahms vor allem. Und trotz der die Revolution einleitenden Kanonenschüsse aus dem Kreuzer Aurora erklingt da keine harmlose „Sinfonie mit dem Paukenschlag“, sondern ein vielschichtiges Werk, das nicht ohne Grund bis heute nicht entschlüsselt ist. Dass die Augsburger Philharmoniker Schostakowitschs abrupte Tempo-, Lautstärke- und Stimmungswechsel bravourös hinkriegen, sei da nur nebenbei bemerkt.

Das 4. Sinfoniekonzert der Augsburger Philharmoniker wird am heutigen Mittwoch, 30. Januar um 20 Uhr im Kongress am Park wiederholt – Karten sind noch erhältlich.