DAZ - Unabhängige Internetzeitung für Politik und Kultur
Donnerstag, 16.09.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

Ist die Bürgerbeteiligung zur Theatersanierung eine Farce?

Die Debatte zur Sanierung des Augsburger Stadttheaters zielt offenbar an der Kernfrage zur Zukunft des Theaters vorbei.

Von Siegfried Zagler

Am vergangenen Montag ist das Bürgerbeteiligungsverfahren zur Theatersanierung gestartet. Nicht, weil dieses von Bürgern in einem Offenen Brief an Oberbürgermeister Kurt Gribl gefordert wurde, sondern weil die Stadt das ohnehin vorgesehen hatte, wie Thomas Weitzel zu Protokoll gab. Eine Aussage, die an politischer Tollpatschigkeit kaum zu überbieten ist.

Wenn es zutreffen würde, dass die Stadt ein Bürgerbeteiligungsverfahren dieser Größenordnung in Sachen Theatersanierung im Auge gehabt hätte, hätte sie sich fragen lassen müssen, warum sie ihren „Bürgerdialog“ nach einem „Hearing“, durchführt, das die Grünen als gelungene Bürgerbeteiligung feierten. Und sie hätte sich fragen lassen müssen, warum sie erst nach der pompösen „Präsentation der ganzen Wahrheit“ (OB Gribl zur Vorstellung der Achatz-Pläne im Februar 2015) diese Bürgerbeteiligung geplant hat. Außerdem hätte sich die Stadt fragen lassen müssen, warum sie nach einem monatelangen Verhandlungsmarathon zwischen OB Gribl und der Bayerischen Staatsregierung, der auf eine bessere Bezuschussung des gigantischen Projekts abzielte,  und nach einem Stadtratsbeschluss, der ein Bekenntnis zu einem Drei-Sparten-Haus beinhaltet und die Verwaltung in Gang setzte, die Vorentwurfsplanung bis in die Leistungsphase 3 fortzuführen, ein Bürgerbeteiligungsverfahren startet, nachdem die Vorplanung bereits die Kurve zur Entwurfsplanung genommen hat. Es handelt sich schließlich um ein Bürgerbeteiligungsverfahren, das nach Aussagen von OB Kurt Gribl und Finanzreferentin Eva Weber ein ergebnisoffener Prozess sein soll, dessen Ergebnisse die weitere Planung bestimmen würden.

Kurzum: Die Stadtregierung hätte sich, hätte sie freiwillig diese Reihenfolge gewählt, fragen lassen müssen, ob sie noch ganz bei Trost ist. Das am Montag gestartete Bürgerbeteiligungsverfahren findet statt, weil es eine Kernforderung der Unterzeichner des Offenen Briefes an OB Gribl war. Wäre dieses der Stadt abgerungene Bürgerbeteiligungsverfahren nicht zu diesem Zeitpunkt und nicht unter der Voraussetzung der Ergebnisoffenheit gestartet, hätte ein Teil dieser Gruppe wohl noch im Spätsommer selbst ein Bürgerbeteiligungsverfahren (genauer: Bürgerbegehren) gestartet. Die Stadt hat sich dieses Bürgerbeteiligungsverfahren abpressen lassen, auch wenn es zutrifft, dass ein „Bürgerdialog zur Zukunft des Theaters“ ohnehin im städtischen Kulturentwicklungsplan vorgesehen war – offenbar unabhängig von den Sanierungsabläufen bei den Theatergebäuden.

Peter Spuhler, Intendant am Karlsruher Staatstheater und Mitglied der Jury, die den neuen Intendanten für das Augsburger Stadttheater aussucht, hat bei seinem Vortrag zur Eröffnung des Bürgerbeteiligungsverfahrens erklärt, dass es unsinnig ist, wenn eine Bühne für Oper und Schauspiel verwendet wird. Genau das ist in Augsburg seit beinahe 60 Jahren im Großen Haus der Fall – und das würde auch der Fall sein, ginge der Achatz-Vorentwurf unverändert in die Entwurfsplanung über. Beinahe genauso schlimm: Aktuell steht eine Multifunktionsbühne für das neue Schauspielhaus auf der Wunschliste der politischen Entscheider an erster Stelle. Multifunktionsbühnen sind charmante Insignien der Provinztheater. Dass man sich dafür in Augsburg  dergestalt ins Zeug legt, ist irritierend. Wer die Auffassung vertritt, dass wir in Deutschland seit Jahrhunderten nahezu unverändert die richtige Klaviatur in Sachen Stadttheater spielen, sollte nicht kleinmütig vorgehen, sondern mit aller Entschiedenheit für ein Vier-Sparten-Theater im traditionellen Sinn eintreten und dementsprechend eine Planung vorlegen und nicht wieder einen Gemischtwaren-Laden mit Multifunktionsbühnen zusammenwursteln.

Noch ein Wort zum gestarteten Bürgerbeteiligungsverfahren: Die beiden Workshops nahmen Wünsche und Anregungen auf, die in erster Linie von Theaterkünstlern oder treuen Theatergängern gestellt  wurden. Die Vorschläge: Mehr Vielfalt, mehr Jugend, mehr Kooperation mit der freien Szene und eine bessere Gastronomie. Die eigentliche Aufgabenkritik, nämlich wie man den Adressatenkreis des Stadttheaters erweitern könnte, wurde nicht bearbeitet. Lediglich Schauspieler Klaus Müller scheint dieser zentrale Punkt noch zu interessieren, indem er auf seiner Facebookseite einen Jux daraus macht.

Solange aber die zentrale Frage, die die Zukunft der deutschen Stadttheater-Landschaft fundamental betrifft, ausgespart, beziehungsweise nur am Rande behandelt wird, muss man die Frage, die die Sanierungskritiker zur Eröffnung in einem ganz anderen Zusammenhang via Flugblatt gestellt haben, mit einem entschiedenen “Ja” beantworten: Ja, die Bürgerbeteiligung wäre nichts als eine Farce, würde man die Bürger nicht beteiligen, die vom Theater (noch) nicht erreicht werden.