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Dienstag, 04.12.2018 - Jahrgang 10 - www.daz-augsburg.de

„Ist der Islam noch zu retten?“ – Schattenboxen auf der Brechtbühne

Mit einem Streitgespräch startete am Sonntagabend das Rahmenprogramm zum Augsburger Hohen Friedensfest.

Von Bernhard Schiller

Schattenboxen auf der Brechtbühne (c) Chris Menkel

Schattenboxen auf der Brechtbühne (c) Chris Menkel


Auf Einladung des Stadttheaters diskutierten der Politikwissenschaftler und Publizist Hamed Abdel-Samad und der Professor für Islamische Religionspädagogik Mouhanad Khorchide auf der Brechtbühne über menschenverachtende Ideen und die Reformierbarkeit des Islams. Eine gelungene Inszenierung, die vor allem eine brennende Frage hinterlässt: Wo waren die offiziellen Vertreter der Augsburger Muslime?

Ein finsterer Schatten liegt an diesem Abend über der Brechtbühne. Die Möglichkeit eines Attentats, eines Mordes, sie ist auf einmal ganz nah. Streifenwagen vor dem Eingang. Sicherheitskräfte in Uniform und zivile Personenschützer überwachen das Geschehen, Taschen werden kontrolliert. Sicherheitskräfte auf beiden Seiten der Bühne, die das Publikum immer wieder mustern. So sieht es also aus, wenn Islamkritiker öffentlich auftreten. Hamed Abdel-Samad ist zurück in Augsburg. Der Stadt, die ihm zeitweise Heimat war. Hierher war er aus Ägypten gekommen, hier hat er die deutsche Sprache gelernt, an der hiesigen Universität studiert. Damals konnte er sich frei bewegen, er hatte den Islam noch nicht kritisiert. Dieselbe Universität, die ihn auszeichnete und ihm mehr als eine intellektuelle Heimat war, will den Islamkritiker heute nicht mehr sehen. Ein im Herbst vergangenen Jahres geplanter Auftritt Abdel-Samads wurde von der Universität abgelehnt, weil Abdel-Samad es gewagt hatte, mit Vertretern der AfD zu sprechen. Die Hintergründe dieser Entscheidung sind nebulös, auch über der Universität scheint ein Schatten zu schweben.

Abdel-Samad breitet seine Gefühle an diesem Abend nicht aus. In der arte-Dokumentation „Europas Muslime“ aber stockt ihm mit einem Mal das Wort und Tränen rinnen über seine Wange ob seiner öffentlichen Rolle. „Glaubst Du, dass ich so leben will?“, fragt er dort seine Begleiterin. „So“ heißt, als gehasster, mit dem Tode bedrohter Schriftsteller unter dauerhaftem Personenschutz. Es muss sehr schmerzhaft sein, dort ausgegrenzt zu werden, wo man einst zu Hause war. Umso mehr Anerkennung gebührt den Veranstaltern dieses Abends, dem Stadttheater Augsburg und dem Friedensbüro des Kulturreferates. Anerkennung für ihren Mut, dieses Format an prominenter Stelle ins Festprogramm zu setzen und mögliche Differenzen mit bestimmten Akteuren in Kauf zu nehmen. Die Differenzen könnten augenscheinlich größer nicht sein. Weder wurden in den Ansprachen muslimische Mitglieder des konstant ins Friedensfest eingebundenen Runden Tisches der Religionen begrüßt, noch in den Reihen des Publikums entdeckt. Die Diskussion über eine Islamreform ohne Beteiligung von Verantwortlichen aber ist ein Schattenboxkampf. Die Frage ist eigentlich nur noch, wer hier die tatsächlich Ausgegrenzten sind und wer sie ausgrenzte.

Man stelle sich vor, sie wären da gewesen. Sie hätten gehört, wie Abdel-Samad ihren Propheten als einen plündernden, vergewaltigenden und mordenden Kinderschänder beschreibt und das im Koran versprochene Paradies als Flatrate-Bordell. Hätten Sie ihm bedingungslos zugestimmt, wie es viele im weitgehend nicht-muslimischen Publikum nickend, lachend und applaudierend taten? Es muss schmerzhaft sein, von einer Überzeugung abzulassen. Insbesondere, wenn dies nur innerhalb einer Kollusion von Überlegenheitsdünkel und Schamaffekten möglich ist. (Es sei an dieser Stelle daran erinnert, dass genau ein – ehemaliges – Mitglied des Runden Tisch der Religionen Kinder auf schwerste Weise sexuell missbraucht hat. Der Buddhist. Und daran, dass Flatrate-Bordelle keine Metapher sind, sondern grausame Realität in einem noch immer weit von einer Islamisierung entfernten Land, das sich an Stelle der Shahada die Würde des Menschen als unantastbares Heiligtum auf die Flagge schreibt.) Akademiker Abdel-Samad, der geschliffenes Hochdeutsch spricht, persifliert – sehr zum Amüsement einiger Zuschauer – seine Gegner von „den“ Islamverbänden durch Nachahmen typisch migrantischen Akzents. Als ob alle Mitglieder aller Islamverbände nicht richtig Deutsch sprechen wollten oder könnten.

Mehr pädagogisches Wohlwollen fordert Kontrahent Korchide. Der will seine Glaubensschwestern und -brüder dort abholen, wo sie stehen. Sie samt ihrem Bedürfnis nach Spiritualität mitnehmen in eine bessere Erzählung. Das Mohamed-Narrativ, welches Abdel-Samad bediene, sei das der Gewalttäter, vom Gaza-Streifen bis zum IS. Weshalb Abdel-Samads salafistische Lesart die Verbrecher – ohne es zu wollen – bestärke. Korchide will die freundlichen Passagen des Korans hervorheben und die Gewaltparagraphen einsargen. Allerdings kann auch der Islamwissenschaftler Abdel-Samads Vorwürfe nicht entkräften. Es gibt keinen Gegenbeweis aus den Überlieferungen, die eben genau jenes besagte, monströse Bild von Mohamed zeichnen. Korchide verweist auf Originaltexte aus den Jahrhunderten nach Mohamed, welche die Authentizität der Quellen in Frage stellen. Seine Methode ist die historisch-kritische, er wirbt für eine Kontextualisierung der Grundtexte, nur damit sei den Konservativen und Gewalttätern beizukommen. Das klingt überzeugend, gäbe es da nicht auch in Korchides Argumentation die üblichen Redundanzen aus der Mottenkiste der Islamdebatte. Das im Koran beschriebene Paradies einer immergrünen Oase ein Bild für dürstende Wüstenbewohner? Kein konkretes Wort zu dem Vorwurf, die Phantasie allzeit zur Verfügung stehender, libidinöser Jungfrauen und unendlich erigierter Penisse sei nicht menschenwürdig.

Bevor sich die beiden Kontrahenten verdächtige Suren aus dem mitgebrachten Koran vorknöpfen, müssen sie ihre Jacketts ausziehen. „Was du kannst, kann ich auch.“ Das akademische Muskelspiel eine gelungene Inszenierung. Aber eben auch eine sinnlose, wie Abdel-Samad feststellt. Die Schlacht sei mit „Suren-Ping-Pong“ nicht zu gewinnen. In diesem Punkt werden sich die beiden Kontrahenten einig: Korchide will hinter den Schleier der Buchstaben und von dort den spirituellen Kern des Korans hervorholen, von dem Apostat Abdel-Samad sagt, dass er ihn sich als einziges Gut behalten habe. Auf Nachfrage aus dem Publikum geben beide dann auch einvernehmliche Antworten. Abdel-Samad spricht von der Weisheit und Liebe, die jeder Mensch im Herzen trage. Korchide von der menschlichen Fähigkeit zur Selbstüberschreitung im Gebet, das eine individuelle Reise sei und niemals im Kollektiv stattfinden könne. Gemeinsam sind sie stark. Abdel-Samad, der ungenierte Wahrsprecher ohne Schere im Kopf, der „verstören“ will und Korchide, der humanistische Pädagoge, der „mitnehmen“ will – hin zu einem Islam der Barmherzigkeit und Liebe. Ob dieser zukünftige Islam dann noch Islam und Religion genannt werden kann und sollte, wäre eine andere, ganz neue Debatte wert. Vielleicht ja im Rahmen des Augsburger Friedensfestes. Große Ereignisse werfen ihre Schatten voraus.



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