Medici
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Dienstag, 06.11.2018 - Nr. 310 - Jahrgang 6 - www.daz-augsburg.de
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„Im Schatten der Medici“ – Barocke Kunst aus Florenz: Raffinesse und Sinnlichkeit

Im Schaezlerpalais in der Augsburger Maximilianstraße sind erstmalig in Europa Bilder aus der bedeutendsten Privatsammlung von Florentiner Kunstwerken des 17. Jahrhunderts zu sehen. Eine Sammlung, die der Familie Haukohl in Houston Texas gehört. Raffinesse, Sinnlichkeit und Eleganz bespiegeln eine Epoche, deren Kunst sich zu einem Schwelgen in Farben und Formen, in Luxus und Eleganz verdichtete. Eine solche Ausstellung wird Augsburg so schnell nicht wieder erleben. 

Von Dr. Helmut Gier

Giovanni Dominico Ferretti ist mit zwei Bildern vertreten: Hier mit „Arlechino und seiner Dame“ einem Abbild der Lebensfreude, die sich in der Commedia dell’Arte refkektiert – © Kunstsammlungen Augsburg

„Augsburg ist ein deutsches Florenz, und die Fugger sind den Medici an die Seite zu stellen.“ In dieser Aussage von Philipp Melanchthon aus dem  Jahre 1534 spiegelt sich die Wirtschaftsmacht und der Glanz der damaligen Metropole am Lech und seiner bedeutendsten Familie. Nur eine Stadt und eine Familie schienen in dieser Zeit damit vergleichbar zu sein: Florenz und die Medici.

Und doch bleibt die Kunstförderung und das Mäzenatentum der Fugger weit hinter dem der Medici zurück, kann die Fülle und Pracht des künstlerischen Schaffens in Florenz von der Renaissance bis zum Barock nicht mit der Augsburgs verglichen werden. So käme heute niemand auf die Idee, einen Ehrentitel darin zu sehen, Florenz als „italienisches Augsburg“ zu bezeichnen, während viele deutsche Städte darum wetteifern, die nördlichste Stadt Italiens zu sein. Auch Augsburg war der nehmende Teil und so besteht ein besonderer Ruhm der Stadt und der Fugger in der Kulturgeschichte darin, zuerst in der Grabkapelle von St. Anna und im Damenhof der Fuggerei Anregungen der italienischen Renaissancekunst verwirklicht zu haben. Bis zum dreißigjährigen Krieg währte diese intensive Rezeption der italienischen Kunst. Die Augsburger Prachtbrunnen der Schüler Giambolognas sind dafür das berühmteste Beispiel. 

Den Fuggern ist zu verdanken, dass mehrere an der mediceischen Hofkunst orientierte Künstler, darunter der spätere Schöpfer des Augustusbrunnens Hubert Gerhard, um 1570 nach Augsburg berufen wurden, zunächst für die Ausschmückung der Sammlungs- und Bibliotheksräume in den Fuggerhäusern, den sogenannten „Badstuben“. Davon ging eine Vorbildwirkung auf den Münchner Hof aus, so dass diese Aneignung Florentiner Modeströmungen des Manierismus in der Reichsstadt am Lech einen bestimmenden Einfluss auf die künstlerische Entwicklung der nächsten Jahrzehnte in Süddeutschland ausübte.

Eine schönere innere Rechtfertigung lässt sich deshalb dafür nicht denken, dass eine Wanderausstellung mit Florentiner Werken des Barock, also der auf den Manierismus folgenden Kunst, in Europa als erstes in Augsburg Station macht. Bis zum 20. Januar 2019 ist die bedeutendste Privatsammlung von Florentiner Kunstwerken des 17. Jahrhunderts, die zur Sammlung der Familie Haukohl in Houston Texas gehört, im Schaezlerpalais zu Gast. Dem Sammler Sir Mark Fehrs Haukohl ist deshalb nur zuzustimmen, wenn er sagt: „Ich kann mir keinen Ort in Deutschland vorstellen, der sich besser als erste Station für die Ausstellung eignet als Augsburg mit seinen geschichtlichen Verbindungen zu Italien und den Großherzögen der Medici.“

Pier Dandini: Kleopatra und Mark Anton – Die bewegten Figuren in prächtigen Gewändern, die durch das Gegenlicht effektvoll hervorgehoben werden, vermitteln den Eindruck von Raffinesse und Erhabenheit zugleich © Kunstsammlungen Augsburg

Mit seiner Dauerstellung deutscher Barock- und Rokokokunst bietet das Schaezlerpalais zudem einen hervorragenden Hintergrund, um im Vergleich die Wesenszüge und Merkmale der Florentiner Malerei der Zeit hervortreten zu lassen. Religiöse Sujets dominieren in dieser Epoche, aber welch staunenswerte Eleganz, Raffinesse und Sinnlichkeit strahlen doch die italienischen Kunstwerke aus. Selbst die Darstellungen des gemarterten heiligen Sebastian durch Felice Ficherelli und Onorio Marinari werden zur Feier schimmernder wohlgestalteter Leiblichkeit und der leuchtenden Ebenmäßigkeit des Antlitzes. Erst recht wunderschön, von heiterer Anmut erfüllt ist Onorio Marinaris Gemälde der Madonna mit Kind. 

Onorio Marinari: „Der Heilige Sebastian“ – „Eine Feier schimmernder wohlgestalteter Leiblichkeit und der leuchtenden Ebenmäßigkeit des Antlitzes“ © Kunstsammlungen Augsburg

Einen Schwerpunkt der Sammlung bilden prächtige Gemälde der bedeutenden Küstlerfamilie Dandini. Cesare Dandinis Darstellungen der christlichen Märtyrerinnen, der heiligen Katharina von Alexandrien und der heiligen Dorothea, verkörpern mit den perfekten Ovalen des Gesichts, der Plastizität der Körper, der Leuchtkraft der üppigen Gewänder das florentinische Schönheitsideal der Ausgewogenheit von barocker Farbenpracht und klassischer Mäßigung. Große Prachtentfaltung zeigt sich erst recht bei einem profanen Sujet wie dem Meisterwerk Pier Dandinis, dem Gemälde mit der Darstellung des Banketts von Kleopatra und Mark Anton. Die bewegten Figuren in prächtigen Gewändern, die durch das Gegenlicht effektvoll hervorgehoben werden, vermitteln den Eindruck von Raffinesse und Erhabenheit zugleich. Der letzte große Vertreter der jahrhundertealten Florentiner Kunsttradition ist Giovanni Dominico Ferretti, von dem sich zwei bedeutende Werke in der Sammlung Haukohl befinden. Da keine volkstümliche Tradition so sehr für italienische Lebensfreude steht wie die Commedia dell’Arte, wirbt seine durch ihre Farbpalette und Anmut außerordentlich reizvolle Darstellung von „Arlechino und seiner Dame“ auf Plakaten und Prospekten für die Ausstellung.

Ein solches Schwelgen in Farben und Formen, in Luxus und Eleganz wird man in Augsburg so schnell nicht wieder erleben. Den Kunstsammlungen kann man nur dankbar sein, dass sie diese Ausstellung in die einstige Reichsstadt am Lech geholt haben. Mit Nachdruck hingewiesen sei auf den wunderbaren Katalog, der weit über ein Verzeichnis der dreißig ausgestellten Meisterwerke mit ausführlichen Beschreibungen und Abbildungen hinausgeht. Die vielen raffiniert ausgewählten Detailansichten in herrlicher Farbenpracht machen den Katalog zu einer Augenweide, die einleitenden Aufsätze ordnen die Werke der Sammlung in ein anregend zu lesendes Gesamtbild der Florentiner Kunst des 17. Jahrunderts ein. Mit Energie, Geschmack und Sachverstand hat Sir Mark Fehrs Haukohl eine bedeutende Sammlung von Florentiner Gemälden aus der Zeit des Barock zusammengetragen.

Sir Mark Fehrs Haukohl

Staunend steht der gebildete Mitteleuropäer vor dem großen Einsatz und der Leidenschaft wohlhabender Amerikaner für Kunst und Kultur des alten Kontinents. Der Augsburger Bürger kann nur für den Gemeinsinn dankbar sein, dass ihm Sir Mark Fehrs Haukohl seine Sammlung nun in einer Ausstellung und dem begleitenden Katalog zugänglich macht. Die Gelegenheit sollte er nutzen.

     



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