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Samstag, 25.09.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

Im Falle des Gewinns würden sich auch Löws Kritiker freuen

Die durchschnittliche Lebenserwartung ist in Italien fast zwei Jahre höher als in Deutschland, wo sie mit fast 81 Jahren wiederum vier bis fünf Jahre höher ist als in Argentinien und Brasilien.

Von Udo Legner



So gesehen können die Azzuris das frühe Ausscheiden bei der WM 2014 verschmerzen, zumal sie eh schon vier Mal Weltmeister waren. Gemäß dieser Logik wäre dem zweimaligen Weltmeister Argentinien der Gewinn seiner dritten Weltmeisterschaft zu gönnen, der sie bezüglich der Zahl der gewonnen WM-Titel mit Deutschland gleichziehen ließe. Aber eine Fußballweltmeisterschaft funktioniert anders. Sie folgt nicht den hehren Vorstellungen des Fair Play und der Gerechtigkeit, weder bei den WM-Anfängern, die gerade ihre erste WM erleben, noch bei den WM- Veteranen, die sich womöglich noch an eine WM in den 30er Jahren erinnern.

In aller Regel wird man vom WM-Fieber im Alter von 6 – 8 Jahren infiziert. Als Kind weiß man, wo man hingehört und wird mitgetragen von der Welle und dem Hype nationaler Euphorie, die bei jedem WM-Turnier durchs Land schwappen. Einmal Fan der Nationalmannschaft, immer Fan der Nationalmannchaft, auch wenn es mit den Jahren nicht einfacher wird.

Meine erste WM war die Weltmeisterschaft 1962 in Chile. Ich war gerade mal acht Jahre beim 0:1 der deutschen Nationalmannschaft gegen die Jugoslawen. Ich erinnere mich wie unsere ganze Familie vor dem Radio hing. Zur Erklärung: Die WM 1962 war das erste Weltmedienereignis. Unter der Leitung von Rudi Michel hatte die ARD in Chile ein eigenes Radiostudio errichtet und die Spiele wurden nachts live übertragen. Meine Erinnerung an diese WM reicht bis zur 82. Minute des Viertelfinales, als die Jugoslawien das Siegtor erzielten und Deutschland aus dem Turnier warf.

Als Deutscher ist man als WM-Stamm-Qualifikant ohnehin verwöhnt. Damit nicht genug – bis auf wenige Ausnahmen war unsere Elf fast immer bis zum Ende eines WM-Turniers dabei. In den letzten 16 Jahren stand Deutschland immer im Halbfinale und gewann zumindest das kleine Finale um den dritten Platz. Insofern hat man kaum eine Vorstellung davon, was nach einem vorzeitigem Ausscheiden passiert wäre?

Ob die Engländer nach der WM-Pleite wieder auf Premier League Modus umgeschaltet haben? Ob sie sich ab dato wieder mit ihren hochbezahlten ausländischen Stars identifizieren und nun mit Özil und Mertesacker hoffen und bangen? Ob sie die WM als beendet und den Beginn der Premier League als neuen Saisonhöhepunkt erklären?

Solche Szenarien bleiben den deutschen Fans einmal mehr erspart, worüber sich nach der Fußballgala im Halbfinalspiel gegen Brasilien nun auch die größten Kritiker des Bundestrainers freuen. Am Vorabend des WM Finales gegen Argentinien sollte man diese noch einmal mit der langen Liste ihrer Vorwürfe konfrontieren: Nominierung eines Nobodys für die Defensive, Nicht-Nominierung eines weiteren echten Mittelstürmers, Festhalten an den angeschlagenen Spieler Neuer, Schweinsteiger und Khedira, falsche Besetzung der Viererkette. Erfolge haben bekanntich viele Väter. Bei einem Sieg im WM-Finale gegen Argentinien sollte man auch Jogi Löw bei der Aufteilung des Erfolgs eine Scheibe zugestehen!