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Montag, 27.09.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

“Ich verbitte mir Dein Gegrinse!!”

Buchhändler Kurt Idrizovic ersteigert Brecht-Brief an Caspar Neher aus dem Jahre 1917

Man braucht keine Stoffe, die sich schon an sich durch äußere Schönheit auszeichnen. Man braucht keine Könige zu Helden, keine Dichter, keine Philosophen. (Keine Antigone, keinen Faust.) Auch das Schicksal einer Waschfrau (Mutter Wolffen im „Biberpelz“) kann tragisch (also(?) schön) sein. Das wichtige ist der Geist des Künstlers, der das Objekt verklärt, mit seinem Wesen durchdringt.

Brief von Bertolt Brecht an Caspar Neher, 1914

Brief von Bertolt Brecht an Caspar Neher, 1914


Als der 16jährige Bert Brecht diese Zeilen an seinen Freund Caspar Neher schrieb, wohnte der später wichtigste Bühnenbilder Brechts noch um die Ecke in Augsburg. Datiert ist Brechts Brief auf den 10. November 1914. Es handelt sich somit um einen der frühesten überlieferten Briefe Brechts überhaupt. Das Berliner Auktionshaus Stargardt schätzte den Wert des Briefes auf 3.500 Euro. Am gestrigen Dienstag wurde das kostbare Schriftstück an einen unbekannten Bieter telefonisch versteigert. Bei 11.000 Euro stieg Idrizovic aus. Die Stadt Augsburg, die ebenfalls Interesse zeigte, setze ihr Limit tiefer an. Bei welcher Summe der Hammer fiel, ist nicht bekannt. Ein späterer Brief von Brecht an Neher aus dem Jahre 1917, wurde ebenfalls zu Versteigerung angeboten. Caspar Neher befand sich seit zwei Jahren als Freiwilliger auf dem Schlachtfeld und Brecht hatte schwer zu leiden:

Ich sitze auch nicht recht im Sattel oder ich schlafe im Sattel? Ich werd die Rosemarie nicht küssen, ein anderer küsst sie. Dieses kleine Ereignis bohrt in mir herum, obwohl es gleichgültig ist im Anbetracht des Weltkrieges und wenn man das große u. unerbittliche All der Erscheinungen “ins Auge fasst”. Nicht? Stelle Dir einen starken gesunden Mortskörper vor, der eine kleine schmerzhafte Eiterwunde hat, am Hintern etwa, wo es ihn an nichts hindert als am …. Und der große Mensch spürt nichts mehr von dem wohlgeordneten Getriebe seines gesunden Organismuses, nichts von der Lust des Atmens, Essens, Schlafens, nur weil er die kleine Eiterwunde spürt, die sonst an nichts hindert. Komisch wie? Ich verbitte mir dein Gegrinse!!

Der ganze Brief umfasst drei handgeschriebene Seiten und konnte von Idrizovic ersteigert werden. Für zirka 5.000 Euro ging das frühe Schriftstück aus der Feder des neunzehnjährigen Brecht nach Augsburg. „In der Zeit der Weimarer Republik sowie in den wenigen ihm noch bleibenden Jahre nach dem Krieg war Brecht einer der größten und erfolgreichsten Theaterregisseure, die Deutschland je hatte, und exportierte – zusammen mit seinem lebenslangen Freund, dem Bühnenbauer Caspar Neher – seinen neuen Theaterstil in die ganze Welt“, so Brecht-Biograf Jan Knopf. Brecht hatte sich im Oktober 1917 an der Münchner Universität eingeschrieben und war im November in ein Zimmer in der Adalbertstraße gezogen. In der elternlichen Wohnung wurde sein Jugendzimmer für ihn freigehalten:

Bitte schreibe deine nächsten Sachen – möglichst bald – nach Augsburg, Bleichstraße 2. Ich bin über Weihnachten daheim. Aber die Rosemarie küsse ich nicht! (…) Gute Weihnachten! Frieden! Wiederschauen!