DAZ - Unabhängige Internetzeitung für Politik und Kultur
Mittwoch, 19.02.2020 - Jahrgang 12 - www.daz-augsburg.de

“Ich habe keinen Reduzierungsauftrag, sondern einen Gestaltungsauftrag”

Oberbürgermeister Dr. Kurt Gribl über das Theater



Das städtische Theater ist in Augsburg ein wohlbehüteter Schatz. Quer durch alle Schichten und Parteien scheint es eine unausgesprochene Übereinkunft darüber zu geben, dass wir in dieser Stadt ein Theater mit dieser Struktur und in dieser Dimension brauchen. Was aber wäre, wenn diese Grundannahme falsch wäre? Steht die Stadtgesellschaft tatsächlich noch zu seinem Theater? Was leistet das Theater für die Stadt, was bildet das Theater noch ab? Was kann es und was ist es? Die DAZ hat sich nicht nur vorgenommen, diesen Fragen nachzugehen, sondern auch zu untersuchen, welches Theater sich die Stadtgesellschaft noch leisten will und kann. Für Augsburgs Oberbürgermeister Kurt Gribl besteht nicht der geringste Zweifel daran, dass es zum Drei-Sparten-Haus keine Alternative gibt. Kurt Gribl sieht das Theater in einem Bedeutungsaufschwung. „Je virtueller wir werden, desto größer wird die Sehnsucht nach Theater und die Bedeutsamkeit des Theaters wächst mit dieser Sehnsucht mit“, so OB Gribl vor fast genau einem Jahr zur DAZ.

OB Dr. Kurt Gribl im Gespräch mit DAZ-Herausgeber Siegfried Zagler (rechts)

DAZ: Herr Gribl, nach den schweren parteipolitischen Kämpfen der zurückliegenden Wochen wollen wir Sie nicht mit Fragen zum Stand der Dinge in der Augsburger CSU belästigen, sondern mit einer einfachen Frage konfrontieren, die aber nicht viel weniger Sprengstoff in sich birgt. Um es kurz zu machen: Brauchen wir in Augsburg ein Stadttheater? Noch einfacher gefragt: Warum Theater?

Gribl: Natürlich hat sich die Bedeutung des Theaters im Laufe der Zeit verändert. Seine Bedeutung ist aber keinesfalls geringer geworden. Heute ist über die Medien alles verfügbar, die gesellschaftliche Mobilität hat sich stark weiterentwickelt, die Teilhabe an Kultur kann ganz selbstverständlich auch außerhalb des Theaters und der kulturelle Bedarf kann im Kino und im Internet gedeckt werden. Je stärker wir aber uns in der virtuellen Welt bewegen, desto größer wird die Sehnsucht nach Theater und die Bedeutsamkeit des Theaters wächst mit dieser Sehnsucht mit. Sie müssen nur – was ich selten mache – einen Abend durch die Fernsehprogramme zappen, dann liegt diese Schlussfolgerung auf der Hand.

"Was wäre eine Gesellschaft ohne Kultur?"

"Was wäre eine Gesellschaft ohne Kultur?"


Die Menschen brauchen das Theater, davon bin ich zutiefst überzeugt. Die Stadt hat deshalb die Aufgabe, als Daseinsfürsorge für die Menschen ein Theater zu unterhalten. Natürlich ist das Theater auch ein echter Standortfaktor, da sich ohne Theater in all seinen Erscheinungsformen unsere Stadt ein ganzes Stück ärmer wäre. In der Standortfrage spielt – ich weiß das aus vielen Gesprächen – neben dem Erholungswert, neben der historischen Qualität Augsburgs auch das kulturelle Angebot dieser Stadt eine erhebliche Rolle. Wer in Augsburg wohnt, muss nicht nach München ins Theater fahren, das Augsburger Theater hat ein gutes Renommee und bringt hervorragende Leistungen. Ohne Wirtschaft ist alles nichts, aber ohne Kultur gäbe es auch keine Wirtschaft. Was wäre eine Gesellschaft ohne Kultur?
“Die Menschen brauchen das Theater”

DAZ: Dagegen lässt sich wenig sagen, außer vielleicht, dass sich Kultur nicht nur über das Theater definiert. Aber unser Thema ist und bleibt das Stadttheater, bleiben wir dabei: Welches Theater brauchen wir in Augsburg? „Bringt es die Theaterkunst überhaupt noch?“, um es ein wenig flapsig zu sagen. Sollte man sich nicht – bevor man über 20 Jahre hinweg 55 Millionen Euro in die Sanierung des Theaters investiert – diese Frage ausführlich diskutieren? Das Stadttheater ist doch als Einrichtung nicht sakrosankt. Kann das Theater in einer in den letzten 20 Jahren radikal veränderten Gesellschaft tatsächlich noch etwas außerhalb der repräsentativen Selbstreferenz oder der Standortdebatte bewirken? Wir finden, dass die Stadtgesellschaft ein Recht darauf hat, diese Diskussion zu führen, bevor man sie mit der Finanzierung der Hardware dergestalt hoch belastet.

Gribl: Zunächst kann ich Ihnen nur sagen, welches Theater die Stadt nicht braucht! Politisches Theater zum Beispiel (lacht).

“Ein Drei-Sparten-Haus entspricht dem kulturellen Anforderungsprofil einer Stadt wie Augsburg”

DAZ: Sie meinen Theater ohne Anfang und ohne Ende und mit Laiendarstellern aus der Lokalpolitik?

Gribl: Natürlich war das scherzhaft gemeint, selbstverständlich ist das Theatermachen selbst hochpolitisch, natürlich können die Inhalte hochpolitisch sein. Aber Sie wollen von mir sicher wissen, ob wir ein Drei-Sparten-Theater brauchen. Und da gibt es ein deutliches Ja. Die klassischen Bereiche in Form der drei Sparten sind notwendig. Diese Aufteilung entspricht dem gefestigten Bedürfnis der Menschen und zum anderen entspricht ein Drei-Sparten-Haus dem kulturellen Anforderungsprofil einer Stadt wie Augsburg als Bezirkshauptstadt und als Zentrum des drittgrößten Wirtschaftsraumes in Bayern. Das Theater als Kunstform hat aus meiner Sicht nichts an Bedeutung verloren. Auch innerhalb des Drei-Sparten-Konzeptes ist das Theater facettenreich und flexibel. Das Theater hat sich nicht festgefahren. Kaum eine Kunstform reagiert so flexibel und kritisch auf politische Realität wie das Theater. Wie kommen Sie dazu, das Theater als solches tot zu reden?

"Wie kommen Sie dazu, das Theater als solches tot zu reden?"

"Wie kommen Sie dazu, das Theater als solches tot zu reden?"


DAZ: Wir wollen es nicht tot reden, sondern hinterfragen. Falls sich am Ende der Diskussion die Einsicht durchsetzen sollte, dass das Augsburger Stadttheater nur mit dem doppelten Etat wirklich gutes Theater machen kann, dann hätten wir nichts dagegen, wenn es der Stadt gelänge, diesen zu bewerkstelligen. Kunst hat die Aufgabe zu hinterfragen. Kunst muss sich auch selbst hinterfragen lassen. Wenn das nicht erlaubt wäre, wäre die Kunst tot.

Gribl: Einverstanden. Aber Sie werden jetzt doch mit mir keine Kunstdiskussion führen wollen. Für das Drei-Sparten-Theater sehe ich in Augsburg keine Alternative. Wie gesagt: Das Augsburger Theater hat ein gutes Renommee und bringt hervorragende Leistungen. Vieles hängt an der Kreativität der Theaterleute und der Intendanz. Ich respektiere die Freiheit der Kunst und die Kreativität der Künstler. Sie werden doch nicht wollen, dass die Politik die Inhalte des Theaterprogramms festlegt?

DAZ: Wir können uns zumindest profilschärfende Eckpunkte vorstellen. Also eine städtische Vorgabe an die Intendanz, dass man sich pro Saison mit mindestens einer Inszenierung Brecht, Mozart und/oder dem „City of Peace“-Thema widmet. In der kommenden Saison fehlt Brecht. Das sollte in der Brechtstadt obsolet sein.

Gribl: Darüber könnte man nachdenken. Natürlich kann das Theater erheblich dazu beitragen, bestimmte Profile unserer Stadt weiter herauszuarbeiten und zu schärfen.

DAZ: Herr Gribl, Ihre Begeisterung für das Theater ehrt Sie! Heißt das aber auch, dass Sie zum Beispiel den Etat des Theaters als politischer Denker und als einflussreicher Kulturpolitiker der Stadt trotz des hohen Finanzdrucks nicht zur Disposition stellen werden?

Gribl: Es gibt keine Einsparung, ohne dass wir vorher ins Invest gehen! Ich sehe in Sachen Theater keinen Reduzierungsauftrag, sondern einen Gestaltungsauftrag. Die Aufgabenstellung lautet demnach: Wie kann ich die Funktion des Theaters für unsere Stadtgesellschaft erhalten und die Bedeutung des Theaters für die Zukunft gewährleisten. Das heißt für mich gestalten. Und wenn wir uns einig sind, dass wir Theater aus den eben genannten Gründen brauchen, dann müssen wir zunächst baulich gestalten und dann muss man überlegen, ob es im Betrieb Entlastungsmöglichkeiten für die Kommune gibt.
“Der Freistaat Bayern hat sich in der Tat stärker an den Kosten zu beteiligen”

DAZ: Die da wären?

Gribl: Die erste Möglichkeit der Entlastung für die Stadt muss darin bestehen – wie das durch den Vorstoß von Peter Grab deutlich zur Sprache kam -, dass sich der Freistaat stärker beteiligt. Die Förderung des Theaters beinhaltet eine kulturelle Aufgabenstellung, die weit über die Kommune hinausgeht. Weshalb sich der Freistaat Bayern in der Tat stärker an den Kosten zu beteiligen hat.

“Die Sanierung des Großen Hauses ist nicht vertagt”

DAZ: Ohne eine fertige mittlere Spielstätte dürfte die Generalsanierung des Großen Hauses schwierig werden. Prof. Friedrich weist dieser in seinem Gutachten die Rolle eines “vorübergehenden Ersatzquartiers” zu. Wenn die mittlere Spielstätte mit ihren 400 Plätzen aber nicht gebaut werden kann, weil an ihrem Platz nun die Interimsspielstätte steht, ist dann die Sanierung des Großen Hauses nicht vertagt bis zum Sankt Nimmerleinstag?

"Eine Konstellation finden, bei der am Schluss das Konzept verwirklicht ist": OB Kurt Gribl zur Gerenalsanierung

"Es gilt eine Konstellation zu finden, bei der am Schluss das Konzept verwirklicht ist"


Gribl: Nein, die ist nicht vertagt. Wie die Sanierung des Großen Hauses abläuft, wann und in welcher zeitlicher Dauer eine Sperrung oder Nichtbenutzbarkeit gegeben sein wird, wissen Sie doch gar nicht. Sie können nicht von vorneherein unterstellen, dass man jahrelang zusperren muss. Ich gehe davon aus, dass die Interimsspielstätte für die Zeit der Sanierung zumindest teilweise die Funktion des Großen Hauses mit übernimmt. Sperrungen kann ich natürlich nicht ausschließen, hier muss ich mich auf die Aussage von Fachleuten verlassen.

DAZ: Halten Sie das Finanzierungskonzept von Finanzreferent Hermann Weber, das er im Januar 2011 im Stadtrat vorgestellt hat, für realistisch?

Gribl: Finanzreferent Hermann Weber ist ein Pragmatiker und in der Einschätzung sicher Realist genug, um zu wissen, was machbar ist. Ich denke, dass er ein schlüssiges Konzept vorgestellt hat, wobei man immer aufpassen muss, dass man sich nicht selber in die Zukunft lügt.

DAZ: Wie zum Beispiel mit der Stadtbücherei?

Gribl: Wie zum Beispiel mit der Stadtbücherei! Die ist schick und gut, aber wir bezahlen diese Gestaltung auf sehr lange Sicht. Wir bezahlen die Gestaltung in der Messe und in der Kongresshalle und wir werden auch die Gestaltung beim Theater bezahlen, aber wir brauchen für dieses schlüssige Finanzierungskonzept eine Gegenfinanzierung vom Freistaat Bayern hinsichtlich des Theaterbetriebes. Wir haben bisher vom Freistaat zirka 5,8 Millionen Betriebszuschuss bekommen, bei einem Gesamtaufwand von zirka 20 Millionen Euro. Wenn wir ansatzweise vom Freistaat soviel finanziert bekämen wie andere Häuser in Bayern, dann hätten wir zwar als Kommune immer noch die gleichen Betriebskosten fürs Theater, könnten dann aber sicher die von Herrn Weber vorgeschlagene Finanzierung für die Hardware gewährleisten.

Doch ich bin mir ganz sicher, dass wir für all diese Schwierigkeiten die entsprechenden maßgeschneiderten Lösungen finden werden und das Theater in Augsburg eine gute Zukunft hat.

DAZ: Herr Gribl, vielen Dank für das Gespräch.

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Fragen: Siegfried Zagler, Bruno Stubenrauch. Das Interview erschien am 27.8.2011 ungekürzt zum ersten Mal ist der DAZ.