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Dienstag, 27.07.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

“Ich habe immer von einem gemeinsamen Thema geträumt, an dem alle mitwirken”

Juliane Votteler wird dem Augsburger Stadttheater als Intendantin bis 2017 vorstehen. Davon sollte man ausgehen, trotz diverser Gerüchte. Ihr Engagement für die Interimsspielstätte an der Kasernstraße hat im hohen Maß dazu beigetragen, dass es heute die Brechtbühne gibt – wenn auch mit Verzögerung. Das Thema “Interimsspielstätte” fiel bei der Zweitverwertung des DAZ-Interviews vom 28.5.2010 dem Rotstift zum Opfer. Ungebrochen aktuell sind dagegen Vottelers damalige Antworten auf die Fragen, mit welchen Zielvorstellungen das Theatermachen in Augsburg verbunden sein soll.



Das knapp zweistündige Gespräch verlief teilweise kontrovers, wurde aber durchgängig von der guten Laune, dem lauten Lachen und der konzentrierten Ernsthaftigkeit der Intendantin getragen. An dem Gespräch nahmen fürs Stadttheater auch die damalige Leiterin für Kommunikation und Sponsoring, Ursula Baier Pickartz sowie Pressereferent Philipp Peters teil. Die Fragen für die DAZ stellten Kulturredakteur Frank Heindl und Herausgeber Siegfried Zagler.

v.l.: Kulturredakteur Frank Heindl, Theaterintendantin Juliane Votteler, DAZ-Herausgeber Siegfried Zagler | Fotos: Elena Fijalkowski

DAZ: Wir wollen jetzt nicht den Eindruck erwecken, dass wir unzufrieden mit dem bisher Geleisteten wären, das Gegenteil ist der Fall, aber ihre Art Theater zu machen, weckt Lust auf mehr. Wir trauen Ihnen eben noch einiges zu, und zwar in zweierlei Hinsicht. Einmal mit ihren Möglichkeiten weiterhin intensiv in die Schnittstellen der Stadt hinein zu kommunizieren – Stichwort „Weber“ – zum anderen das Augsburger Theater selbst aus der „Provinzfalle“ zu führen. Wäre dies nicht die vornehmste und womöglich dringlichste Aufgabenstellung für die künstlerische Leitung? Unter Provinzfalle verstehen wir zum Beispiel die leidige Kurzschlussrezeption. Das Theater und insbesondere das Schauspiel, kann tun und machen, was es will. Am Ende bespricht die hiesige Tageszeitung die Premiere und das war es dann. Wären wir an einer Inszenierung maßgeblich beteiligt, würde uns das ziemlich frustrieren. Sie nicht?

"Theater macht man nicht für die Zeitung"


Votteler: Erstens ist es nicht so und zweitens macht man Theater für das Publikum einer Stadt und nicht für die Zeitung. Die hiesige Zeitung nimmt uns ernst und betrachtet kritisch unsere Arbeit und das tun Sie auch. Wichtig für das eigene Selbstverständnis ist die kritische Hinterfragung dessen, was man tut. Und dafür sind wir gut aufgestellt mit den drei Direktoren und der gesamten Leitung des Hauses. Dann gilt es, das Niveau zu halten, jeder Abend muss so gut oder besser als die Premiere sein. Die Konzentration darauf und auf einen abwechslungsreichen, interessanten Spielplan, der sich mit den Themen der Zeit und den Themen der Stadt beschäftigt, das sind unsere Aufgaben. Es erscheint mir sehr merkwürdig, dass mit dem überdurchschnittlichen Erfolg in der Stadt nun sofort der Ruf nach der überregionalen Wahrnehmung kommt. Das hat vor zwei Jahren niemanden interessiert und nun wird auch noch so getan, als könnten wir das beeinflussen. Müssten Sie da nicht in die Offensive gehen?

DAZ: Mit bescheidenen Mitteln in der Ersten Liga spielen. Der AEV kann das zum Beispiel. Unser Ausgangspunkt war aber eigentlich die Überlegung, was der Abonnent für eine Rolle in der Spielplandiskussion spielt und auch in dieser Standortdiskussion – ob er nicht manchmal ein bisschen überbewertet wird, und deshalb irgendwie in den Schaffensprozess hineinwirkt, und somit eventuell eine gute Idee während einer Inszenierung der Schere im Kopf zum Opfer fällt.

Votteler: Was soll das letztlich bedeuten? Wir sind zu anderem berufen, wir werfen, wie man so schön sagt „mit der Wurst nach der Speckseite“? Das ist doch Unsinn. Ich finde, Theater lohnt sich nur, wenn man es für Leute macht, die dann kommen und es sich angucken, sonst können wir hier alleine spielen.

DAZ: Perspektivisch ist es trotzdem ein Unterschied, wen man sich als Publikum vorstellt.

Votteler: Das Publikum ist wie es ist, das ist in jeder Stadt anders und es gibt bei hundert Leuten immer hundert Meinungen. Damit lebt jeder, der Theater macht. Erstmal macht man Theater miteinander und man macht es für das Publikum. Manchmal auch bewusst unbequem oder mit sehr unbequemen Stücken. Das ist unser Auftrag. Und wenn wir Komödie spielen, dann auf dem höchsten Niveau, das ist nämlich das Schwerste: das Heitere. – Dann kommt noch das Personalproblem dazu: Ich habe hier Meister und die Techniker, die sagen, wir können Ihnen diesen Spielplan nicht umsetzen mit sieben Leuten weniger. Wenn die Logistik mit der Ersatzspielstätte besser funktioniert, dann können wir auch anders planen.

Was mich ärgert, ist, dass man nicht über die Kunst redet. Sondern plötzlich über die nicht bestehende Wahrnehmung der überregionalen Medien. Aber die sind da und die schreiben auch über uns, mehr als über andere. Das nimmt hier vielleicht keiner wahr. Überregional werden wir von anderen Theatern ob der guten Resonanz beneidet.

„Was soll der Begriff Ranking?“

DAZ: Gut, dann reden wir jetzt über die Kunst. Was müsste eigentlich passieren, damit das Augsburger Schauspiel irgendwann mal in der ersten Liga spielt?

Votteler: Woran machen Sie das fest? Weil wir nicht zu den Theatertagen eingeladen worden sind zum Beispiel?

DAZ: Zum Beispiel! Oder an informellen Rankings, an der überregionalen Beachtung, auch an der Diskursheftigkeit. Zum Theaterfestival in Berlin zum Beispiel ist auch schon mal Essen oder Münster eingeladen gewesen – das sind für uns Kriterien.

Votteler: Kriterien sind das nicht! Die Kriterien dieser Jury sind ja in der Theaterlandschaft unglaublich umstritten. Ich fand es schade – ich habe gedacht, die „Weber“ hätten sie einladen müssen. Wir haben auch die Jurymitglieder einzeln angeschrieben, und die sind nicht mal gekommen und haben es sich angeguckt. Das liegt natürlich auch an der Haltung der Jury. Es es ist einfacher gemeinsam in die großen Städte zu fahren, beziehungsweise touren die großen Theater inzwischen auch sehr viel als Gastspiele, da kommt in Berlin viel vorbei aus München, Hamburg, Köln.

DAZ: Also noch mal bitte: Was müsste passieren, damit man im Ranking weiter nach oben steigt?

Votteler: Was soll der Begriff „Ranking“. Wir sind nicht bei der Leistungsschau. In größeren Häusern ist man anders aufgestellt, man hat viel größere Ensembles, andere Strukturen. Ich mag diese Neiddebatte nicht, das finde ich provinziell. Wir müssen doch für Augsburg so Theater machen, dass das Augsburger Publikum sich da wiederfindet.

DAZ: Aus unserer Sicht wäre es schon spannend, wenn wir in der ZEIT und der FAZ und anderswo lesen könnten, was das Augsburger Stadttheater macht, und nicht nur in der Augsburger Allgemeinen und in der DAZ.

Votteler: Aber da müssen Sie doch mit den Redakteuren diskutieren – warum sagen Sie mir das?

DAZ: Weil das große Feuilleton nicht nach Augsburg kommt, und das war schon immer so … und falls es Ihnen gelänge, diese grausame Form der Nichtbeachtung zu brechen, wären Sie womöglich angesehener als der Oberbürgermeister. Niemand sehnt sich stärker – so unsere These – nach Erfolg und die damit verbundene Bedeutsamkeit als die verletzten Seelen der stolzen Augsburger, seit – sagen wir mal – 1806. Vielleicht leiden wir mehr an Augsburg als am Augsburger Theater. Worum es uns geht, ist eigentlich nicht die Unzufriedenheit mit dem Theater, sondern die Unzufriedenheit mit der Diskursfähigkeit in der Stadt.

„Ich zumindest bin freiwillig hier“

Frank Heindl, Juliane Votteler: "Sie sind also mit der Stadt unzufrieden. Da kann ich Ihnen auch nicht helfen"


Votteler: Aha, Sie sind mit der Stadt unzufrieden! Das geht mir nun gar nicht so, tut mir leid. Da kann ich Ihnen auch nicht helfen. Ich zumindest bin freiwillig hier. Wir haben von Anfang an gesagt, wir kaprizieren uns in Augsburg nicht darauf, Stars herzuholen – die kriegen wir nicht. Wir haben gesagt, wir wollen junge Leute aufbauen. Das finde ich gut so. Ich würde krank, wenn ich mich die ganze Zeit mit dem Deutschen Theater in Berlin oder mit dem Thalia Theater in Hamburg vergleichen würde – warum soll ich dahin schielen, wo ich’s doch hier gar nicht ermöglichen kann. Die haben großartige Schauspieler und ein Ensemble von vierzig Leuten – wir haben 13 Stellen besetzt. Ich kann hier nur mit den verfügbaren Mitteln das Beste rausholen.

DAZ: Und das heißt?

Votteler: Die Arbeitsbedingungen müssen so gut sein, dass die Leute es attraktiv finden, hierher zu kommen. Das haben wir geschafft. Talente aufbauen, zum Blühen bringen. Nehmen Sie Herrn Gloger, der hier seine ersten Inszenierungen gemacht hat, Clavigo, Emilia Galotti und den Prinzen von Homburg – er wird jetzt fester Regisseur am Hamburger Schauspielhaus. Das ist doch toll! Und was macht er? – Er inszeniert bei uns seine erste Oper, den Figaro. Der läuft nicht weg! Die Leute laufen nicht in Scharen weg, sondern bleiben drei, vier Jahre hier.

DAZ: Gut, und …

Votteler: …und einen Spielplan machen, der sich von der Nachbarstadt München absetzt. Stücke spielen, die man dort nicht sehen kann. Die Wahrnehmung von München ist riesengroß inzwischen.

DAZ: Was ist mit der Oper, dem Konzert. Überhaupt mit dem Risiko „Neue Musik“? Was Sie und Dirk Kaftan als Generalmusikdirektor in den vergangenen Jahren für die Neue Musik in Augsburg getan haben, finden wir unglaublich toll!

Votteler: Ganz toll ist ja auch, was Ute Legner macht, das Projekt „Mehr Musik!“.

DAZ: … und die Reihe „Zukunftsmusik“, die glücklicherweise in der nächsten Spielzeit weitergeht!

„Man muss Musik nicht verstehen, sondern sie erst mal einfach hören“

Votteler: Man muss Hemmschwellen abbauen, Vermittlungsarbeit leisten. Es gibt mittlerweile so viele Berührungspunkte zwischen U und E, zwischen Pop und ernster Musik, die Vorurteile stimmen alle nicht mehr. Deshalb ist für mich das Allerwichtigste, dass man diese Angst vor der Neuen Musik verliert.

DAZ: Man gewöhnt sich allerdings sehr viel schwerer an neue Musik als an neue bildende Kunst. Das dauert viel länger als bei den Augen – eine Solopartite für Violine von Bach kann sich immer noch sehr modern anhören, auch wenn sie schon bald 300 Jahre alt ist.

Votteler: Natürlich ist das Ohr was anderes als das Auge. Mit dem Auge können Sie weggucken, aber wenn Sie nicht weghören können, fühlen Sie sich verärgert. Über Visuelles kann man auch viel einfacher verbal kommunizieren, während die Leute einen Irrsinns-Respekt vor diesen gigantischen Partituren haben. Mit Notenlesen kommt man da nicht weit.

DAZ: Viele Menschen haben das Gefühl, dass Neue Musik sie quälen will. Nach der Premiere von „I hate Mozart“ haben wir ein Gespräch belauscht mit ungefähr dem Inhalt, dass die Oper zwar nicht regelrecht gefallen hat, dass sie aber auch längst nicht so schlimm wie befürchtet ausgefallen ist.

Votteler: Das hat auch was mit dem Bildungsbürgertum zu tun: Man versteht etwas nicht und ärgert sich darüber. Aber man muss Musik gar nicht verstehen, sondern sie erst mal einfach hören. Wenn man eine Partitur von Lachenmann durchgearbeitet hat, gefällt einem die Musik hinterher kein Stück besser.

DAZ: Um nochmal auf die Interaktion mit dem Publikum zurück zu kommen: Der Regisseur Einar Schleef hat mal gesagt, dass er gar nicht verstehen kann, warum die Leute ins Theater gehen, weil sie doch den Entstehungsprozess der Inszenierung gar nicht kennen und die Tiefen des Stückes anhand dessen, was auf der Bühne zu hören und zu sehen ist, nicht angemessen verstehen können. Wenn man dem zustimmt, dann wird der Diskurs nach dem Theaterbesuch ungeheuer wichtig. Wir finden, dass über das Augsburger Schauspiel zu wenig und zu wenig differenziert diskutiert wird.

„Man muss so Theater machen, dass man Stadtgespräch ist“

Votteler: Ich glaube das nicht. Wenn Sie zum Beispiel die Reaktionen auf die „Weber“ sehen und die Leute, die bis dahin nie im Theater waren! Genau für die haben wir doch das Stück gemacht.

DAZ: Das ist richtig, das ist ein gutes Argument, aber inwieweit wurde denn der Diskurs um das Stück vom Theater begleitet? Was hat ihrer Beobachtung nach das Stück bei den ehemaligen Arbeitern und der Augsburger Stadtgesellschaft bewirkt?

"Man muss Musik gar nicht verstehen, sondern sie erst mal einfach hören" - Juliane Votteler mit Siegfried Zagler


Votteler: Nach jeder Vorstellung bleiben Zuschauer und sprechen mit den Mitwirkenden. Und wir alle sprechen immer wieder mit Zeitzeugen und Betroffenen. Sicherlich könnte man in der nächsten Spielzeit eine größere Veranstaltung zur Rezeption machen, darüber gilt es nachzudenken. Sie haben aber auch recht, man muss so Theater machen, dass man Stadtgespräch ist, aber nicht im Sinne von Skandälchen, sondern indem man sich einmischt. Sie haben vielleicht auch recht damit, dass das Schauspiel noch politischer sein muss. Wobei ich zum Beispiel platt war, dass ein Stück wie der „Puntila“ so angenommen wurde – diese Inszenierung war eigentlich eine ziemliche Provokation, da waren viele Sprengsätze drin.

DAZ: Noch mal zu den Webern: Sind sie mit den Reaktionen auf das Stück zufrieden?

Votteler: Nur 9,8% der Bevölkerung rezipieren überhaupt Kultur. Das ist nicht schlimm, das ist einfach so. Aber ich glaube, dass wir in Augsburg bei diesen 9,8% sehr präsent sind. Natürlich werfen Sie eine Frage auf, die ja die gesamte Theaterlandschaft in Deutschland beschäftigt: Warum erreichen wir die Leute mit Migrationshintergrund nicht? – Mit den „Webern“ haben wir die Menschen erreicht, die noch nie im Theater waren. Die sind reingegangen, weil da ihr Thema, ihre Geschichte verhandelt wurde. Ich glaube, so muss man heute Theater machen: Neben dem klassischen Kanon und neben dem Zeitgenössischen muss man Stücke entwickeln, die mit der Situation, der Geschichte, der Bevölkerung einer Stadt zu tun haben.

DAZ: Welche Möglichkeiten sehen Sie denn im idealisierten Fall für das Augsburger Stadttheater? Anders gefragt: Wenn Sie sich – unabhängig von den baulichen Fragezeichen – eine künstlerische Perspektive für die kommenden Jahre ihrer Intendanz malen könnten, wie sähe die aus?

Votteler: Das Begonnene fortsetzen. Und: Noch mehr Vernetzung mit den anderen kulturellen Institutionen der Stadt schaffen. Ich habe immer von einem gemeinsam Thema geträumt, an dem alle mitwirken. Dann kann das Publikum erleben, wie vielfältig eine Schwerpunkt beleuchtet werden kann. Und man muss – um noch mal zur Frage des Spielplans zurückzukommen – mehr Moderne wagen. Auch deshalb finde ich eine zweite Spielstätte mit 400 Plätzen so sinnvoll – da könnten wir dann nämlich auch zeitgenössisches Musiktheater spielen.

DAZ: Frau Votteler, vielen Dank für das Gespräch.