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Dienstag, 03.08.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

„Ich bin derjenige, der die Prügel bekommt, wenn es schiefgeht“

Richard Goerlich im DAZ-Interview

Die CIA-Absage des bis auf den Rathausplatz ausgedehnten Sauf- und Fressfestes namens max 11 hat in der vergangenen Woche die Schlagzeilen und die politische Diskussion in Augsburg bestimmt. Kulturreferent Peter Grab, einer der Erfinder der sinnfreien Partysause, ging in dieser Angelegenheit auf Tauchstation, während Oberbürgermeister Kurt Gribl über seine sonntägliche Kolumne sich dahingehend positionierte, dass man in den nächsten Jahren über ein anderes Format nachdenken müsse. Wer könnte fürs Nachdenken besser in Frage kommen als Richard Goerlich?

Richard Goerlich (rechts) beim Peace Cup Workshop mit Peter Brugger (Sportfreunde Stiller) im Jugendhaus “Linie 3”

Der Popkulturbeauftragte der Stadt Augsburg hat ein Festivalkonzept zur Frauen-WM entwickelt, das in Sachen öffentlicher Raum und kulturelle Stadtentwicklung beispiellos ist und ein Fingerzeig für zukünftige städtische Kulturkonzepte sein könnte. „Es gibt hier noch eine Menge zu lernen in Sachen Miteinander, interkultureller Öffnung und Inklusion“, so Goerlich im großen DAZ-Interview.

DAZ: Herr Goerlich, die erste große öffentliche Veranstaltung zur Frauen-WM war nicht nur ein ästhetisches Fiasko, sondern auch ein inhaltliches. Auf dem Rathausplatz gab es am vergangenen Dienstag einen abgeschmackten Werbeaufmarsch der Sponsoren und bereits tausendfach abgespulte Unterhaltungsformate zu sehen. Ich habe mich für die Stadt geschämt und weiß jetzt vermutlich, was Fremdschämen in seiner stärksten Ausformung bedeutet. Erging es Ihnen nicht ähnlich?

Goerlich: Da haben Ihnen die pink- und gelbgrellen Werbeaufbauten wohl ein bisschen den Blick vernebelt. Dies war natürlich nicht der Augsburger Auftakt zur Frauen-WM, sondern eine FIFA Werbeveranstaltung für die Sponsoren der WM, wie in jedem der Austragungsorte. Ein Augenöffner für das, wie ein Rahmenprogramm auch sein kann: Fähnchenschwenken, Torwandschießen und Tischkickern. “City of Peace” ist anders, Gott sei Dank. Gerade komme ich von den Peace Cup Workshops an den Augsburger Jugendhäusern, wo internationale Friedensfußballprojekte ihre Arbeit vorgestellt haben. Ich kann Ihnen versichern: Mit dem, was sich am Rathausplatz am Dienstag abgespielt hat, hatte das nichts zu tun. Ich bin immer noch sehr beeindruckt von dem, was ich dort gesehen habe.

DAZ: „Geh hin und du wirst ein besserer Mensch“, also das städtische Rahmenprogramm zur FIFA Frauen-WM ist hauptsächlich aus Ihrer Feder geflossen und hebt sich qualitativ deutlich von den Rahmenprogrammen der anderen WM-Städte ab. Sie wollen damit zeigen, „wie viel die Stadt kann“, wie Sie sagten. Damit haben Sie die Erwartungen nicht unbedingt flach gehalten. Was hat die Stadt bisher nicht gemacht, was Sie nun mit ihrem Festival machen?

“Die Maxstraße ist die kulturelle Ader der Stadt. Man stelle sich vor, was für Möglichkeiten dort im wahrsten Sinn des Wortes auf der Straße liegen!”

Programmheft: Können Kulturevents und Fußball heilen?


Goerlich: Es freut mich, dass Sie und viele andere sich an dem Titel reiben. Das bedeutet, dass wir ein Ziel schon erreicht haben: die Publikation verschwindet nicht, wie viele andere, sofort im Mülleimer. Was machen wir „anders“? Nun, Partizipation und Bürgerbeteiligung ist ja so ein Modewort im Zusammenhang mit Festivalproduktionen. Ich glaube, dass wir diesbezüglich mit klaren Ausschreibungsformalien, einer Satzung und öffentlicher Ausschreibung einen ganz guten Job gemacht und das Modewort in konkretes Handeln überführt haben. Tatsächlich ist “City of Peace” ein riesiges Netzwerkprojekt geworden, das von vielen, vielen Augsburgern getragen wird. So kommt ein Großteil des investierten Geldes auch zurück nach Augsburg.

DAZ: Wenn ich es richtige überblicke, bespielen Sie in zwei Wochen “City of Peace” nicht ein einziges Mal die Maximilianstraße. Womit hat das zu tun?

Goerlich: Während unserer Planungszeit war damit zu rechnen, dass max 11 direkt auf unser Rahmenprogramm folgt. Ich wollte keine Vermischung der Formate. Außerdem glaube ich, dass eine Bespielung der Maximilianstraße eine auf andere Weise geartete, sehr detaillierte Festivalkonzeption benötigt als ein Fußballrahmenprogramm. Die Straße ist die kulturelle Ader der Stadt. Man stelle sich vor, was für Möglichkeiten dort im wahrsten Sinn des Wortes auf der Straße liegen!

DAZ: Das Motto, „Geh hin und du wirst ein besserer Mensch“ impliziert die Vorstellung von katharsischen Effekten. Ein Event mit Heilsversprechen. Darüber konnte ich zuerst schmunzeln. Dann musste ich lesen, dass Sie darauf bauen, dass das Festival „ein Gefühl des Aufbruchs und der Versöhnung bringt“. Herr Goerlich, geben Sie doch bitte unseren Lesern die Chance zu verstehen, wie das gemeint ist. Versöhnung mit wem oder womit? Aufbruch? Warum und wohin?

Goerlich: Natürlich ist der Titel auch eine Provokation und nicht vollumfänglich ernst zu nehmen. Ich habe diesen Satz mal dahingesagt, als wir im Team die Sinnfrage sozialer Fußballprojekte diskutierten. Die Idee ist vielleicht sogar etwas naiv. Aber ich glaube daran, dass auch der reine Konsum von Kunst und Kultur etwas Gutes in uns bewegen kann. Und wenn wir bei “City of Peace” das Fußballjugendprojekt „Esperance“ aus Ruanda begrüßen, deren Väter sich vor ein paar Jahren noch die Kehle durchgeschnitten haben und sich heute via Fußball begegnen, aussöhnen und so eine gemeinsame Zukunft gestalten – dann bewegt mich das. Und es kann Beispielcharakter auch für unsere demographisch total veränderte Stadtgesellschaft der Zukunft haben. Ich will nicht Ruanda mit Augsburg gleichsetzen. Aber es gibt hier noch eine Menge zu lernen in Sachen Miteinander, interkultureller Öffnung und Inklusion. Dies meine ich mit Aufbruch und Versöhnung. Große Worte, aber der Fußball arbeitet nun mal auch mit Klischees und Emotionen. Also, geh hin!

DAZ: Ein gutes Programm spricht für sich selbst. Mir kommt dieses Programmheft marketingmäßig sehr übersteuert vor. Das Programm, dies nur nebenbei, ist gut und hätte deshalb gut gemachtes Understatement verdient.

“Ich will maximale Aufmerksamkeit für ein in Augsburg umstrittenes Thema”

Goerlich: Dagegen sprechen mehrere Argumente: Ich will maximale Aufmerksamkeit für ein in Augsburg umstrittenes Thema, wie die Frauenfußball WM. Ich will Zuschauer an einen Spielort locken, der noch nicht mal gebaut ist – das Kulturstadion. Ich will Kultur und Sport, ein Augsburger Reizwort, in einem neuen Festivalformat in Einklang bringen. Da soll ich mit Understatement arbeiten? Das hielte ich für verantwortungslos. Und schließlich bin ja auch ich derjenige, der die Prügel bekommt, wenn es schiefgeht. Ein fairer Deal, oder?

DAZ: Was soll daran schon schiefgehen. Sie haben als Programmgestalter Ihre Meriten schon eingefahren. Daran ändert auch möglicherweise schlechtes Wetter und geringe Zuschauerzahlen nichts mehr. Lassen Sie uns bitte das Thema wechseln. Dadurch, dass Sie durch Ihr erfolgreiches Wirken als Popkulturbeauftragter so etwas wie der kulturpolitische Hoffnungsträger der Stadtregierung geworden sind, sind Sie nach meiner Einschätzung schon längst nicht mehr „eine Personalie des Kulturreferenten“, sondern eine eigene Marke. Gibt es demnächst, da Ihr Vertrag ausläuft, eine andere Stellenbeschreibung? Steht die Stelle „Popkulturbeauftragter“ nach der Frauen-WM zur Disposition?

Goerlich: Sie steht sicher grundsätzlich zur Disposition, was die Sparpläne der Stadt angeht. So wie Vieles. Teile der Politik poltern nach wie vor gegen die Stelle, man will hier anscheinend zurück in die 80er, was den Umgang mit Pop- oder Jugendkultur angeht. Nun kommt es also auf den politischen Willen an, und da bin ich ganz guter Dinge, dass man beim eingeschlagenen Kurs bleibt. Ich kümmere mich darum derzeit nicht und habe eine Entscheidung zu meiner persönlichen Berufsplanung vertagt. Nach der WM wird diesbezüglich eine Entscheidung fallen. Im Übrigen ruht meine Arbeit als Popkulturbeauftragter keineswegs, wenngleich durch den Medienhype um die WM dieser Eindruck entsteht. Demnächst startet das kulturelle Bildungsprojekt „Unsere Show“ wieder in eine einjährige Laufzeit, die „Plattform kreative Stadt“ präsentiert sich auf dem Modularfestival, das Popcollege betreut die Band des Jahres-Gewinnerbands und Vieles, das als „Projekt“ begonnen hat, betreue ich mittlerweile mit der notwendigen Kontinuität im ganz normalen Tagesgeschäft.

DAZ: Lassen Sie uns noch ein wenig über die Maxstraße sprechen. Raphael Brandmiller und Sie haben letzten Sommer von der Stadtregierung den Auftrag bekommen, ein kulturelles Nutzungsprogramm für die Maxstraße zu entwickeln. Ist das so richtig gesagt?

Goerlich: Ja.

DAZ: Und warum ist daraus nichts geworden?

Goerlich: Unsere Vorschläge für das weitere Vorgehen liegen dem Oberbürgermeister vor.

DAZ: Sagen Sie uns doch bitte zwei bis drei Sätze dazu. Kommt darin ein Maxfest vor?

Goerlich: Es kommt darin eine Idee für ein Augsburger Festivalkonzept vor, das auch der Massenkultur genüge tut. Um das mal klarzustellen: Dass die Leute einfach nur mal feiern, sich in ihrer Stadt als Partyzone bewegen und auf gut Deutsch die Sau rauslassen – na klar! Dahinter muss dennoch ein kluges Konzept stehen, das die Idee der Profilbildung nicht vernachlässigt. Dies vermisse ich bei den Maxfesten. Und ich vermisse den Mut der Politik, diese unpopuläre Meinung auch mal zu vertreten.

“Ich halte die inhaltliche und konzeptionelle Kritik am Maxfest für gerechtfertigt”

DAZ: Herr Goerlich, Ihnen ist es mit viel Überzeugungsarbeit gelungen, Stinglwagners max 11 von ihrem Rahmenprogramm fern zu halten. „Ein typischer Goerlich“, dachte ich in jener Verhandlungsphase, die dazu geführt haben könnte, dass im inneren Kreis der Stadtregierung über den Sinn und Unsinn der Maxfeste neu nachgedacht wurde. Haben Sie mit ihrem Charme und ihrer Überzeugungskunst darauf hingewirkt – also beim OB oder im Amt des Herrn Sulzberger politisch dergestalt Einfluss genommen, dass die CIA mit Sicherheitsauflagen bedacht wurde, die sie nicht annehmen konnte?

Goerlich: Letzteres halte ich für eine ungeheuerliche Unterstellung gegenüber der Stadtregierung und der Arbeit der Stadtverwaltung, zu der auch ich gehöre. Den Rest Ihrer Frage muss man differenzierter betrachten: Sie haben recht, dass ich das kulturelle Rahmenprogramm zur Frauen-WM und max 11 für nicht kompatibel gehalten und dies immer klar geäußert habe. Sie haben auch recht, dass ich inhaltliche und konzeptionelle Kritik am Maxfest für gerechtfertigt halte und dies ebenfalls immer klar gesagt habe.

DAZ: Diese “ungeheuerliche Unterstellung”, wie Sie sagen, habe nicht ich erfunden, sondern wird alle Nase lang von der politischen Opposition gestreut, aber okay: Oberbürgermeister Kurt Gribl, Fachreferent Rainer Schaal und der Stadtrat hätten max 11 gerne gehabt. Die CSU und Pro Augsburg auch. Das ist mein Wissenstand. Haben Sie einen anderen?

Goerlich: Lassen Sie uns doch in die Zukunft schauen und die positive Seite betrachten. Jetzt ist Gelegenheit, eine grundlegend neue Idee eines Stadtfestes für alle Augsburger zu entwickeln. Scheitern als Chance – auch das ist meiner Meinung nach Grundtenor guter und mutiger Kulturpolitik.

DAZ: Eigentlich ein schönes Schlusswort, wenn Sie mit dieser Aussage nicht beinahe eins zu eins inhaltlich mit den Grünen übereinstimmen würden. Für Sie nicht zuletzt deshalb eine unbequeme Positionierung. Ihr Chef, der jetzige Kulturreferent Peter Grab, hat das Konzept der Maxfestreihen mitentwickelt. Eigentlich müsste Ihnen ja für diese Aussage und die Kritik an den Maxfesten von der Stadtregierung das Fell über die Ohren gezogen werden. Warum geschieht das nicht? Kommt das womöglich noch?

Goerlich: Zum einen habe ich nicht bei einer Partei angeheuert, als ich meine Arbeit begonnen habe, sondern bei der Stadtverwaltung. Und ich habe den Kurs von Oberbürgermeister Dr. Gribl und Kulturreferent Grab unterstützt, in Augsburg der Pop- und Jugendkultur endlich eine zeitgemäße Relevanz in der Verwaltungsarbeit einzuräumen. Zweitens bin ich ein konstruktiver Mensch, aber mit einem dicken Fell. Und drittens: Ich bin ein freier Geist, der Brüche schätzt, und gedenke dies auch zu bleiben.

DAZ: Herr Goerlich, vielen Dank für das Gespräch.

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Fragen: Siegfried Zagler.