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Montag, 14.11.2022 - Jahrgang 14 - www.daz-augsburg.de

Staatstheater

Ibsens Drama „Ein Volksfeind“ zeigt erstaunliche Aktualität auf der Brechtbühne

Als Bühnenbild fällt zunächst eine grüne Insel ins Auge, umrahmt von einem Geländer wirkt sie wie ein Boxring, ein Aktionsraum für die Darsteller von Henrik Ibsens Stück aus dem Jahr 1882, „Ein Volksfeind“. 

Von Halrun Reinholz

„Eine Volksfeindin“ – Foto © Jan-Pieter Fuhr

Die Schauspieler stehen die ganze Zeit im Schatten der Bühne und warten auf ihren Einsatz innerhalb oder am Rande der sechseckigen Grünfläche. Wer am meisten in der Mitte und damit auch im Fokus des Stücks steht, ist Dr. Stockmann (Katja Sieder), Kurärztin in einem Badeort, der hauptsächlich von den Kurgästen lebt. Das wird mit der Zeit immer klarer, denn die Kurärztin hat eine wichtige Entdeckung gemacht: Die vermeintlichen Heilquellen sind durch Abwasser verseucht – Abwasser, das hauptsächlich aus der Fabrik ihres Schwiegervaters Morton Kiil (Klaus Müller) stammt. Kämpferisch will sie ihre Entdeckung in die Welt schreien, hat Hovstad, den Redakteur der Lokalzeitung „Volksstimme“, bereits davon überzeugen und ihm ihr Manuskript zuspielen können. Aber dann wendet sich das Blatt. 

Bürgermeister Peter Stockmann (Julius Kuhn), ihr Bruder, taktiert politisch geschickt und kann die Bürgerschaft und die Presse davon überzeugen, wie katastrophal eine solche Enthüllung, deren Wahrheit er selbstverständlich als Hirngespinst in Abrede stellt,  sich für den Ort und alle Beteiligten auswirken würde. Der Kampf der Ärztin für die Wahrheit erstickt im filigranen Netzwerk von Abhängigkeiten – bezeichnenderweise ist der Zeitungsverleger Aslaksen (Paul Langemann) gleichzeitig Vorsitzender des Hausbesitzerverbandes. Höhepunkt des Konflikts ist die buchstäblich „im Ring“ ablaufende Bürgerversammlung, in der Stockmann die „bürgerliche Mitte“, von der sie umgeben ist als den gefährlichsten Feind von „Wahrheit und Freiheit“ bezeichnet, „die verfluchte, kompakte liberale vermeintliche Mehrheit.“ Die bis zuletzt kompromisslose Rebellin bricht schließlich unter dem Druck der öffentlichen Meinung und den erpresserischen Praktiken ihres Schwiegervaters zusammen und verlässt den Ort als „Volksfeindin“.

Keine Frage, Ibsens Stück ist hochaktuell. Nicht nur wegen seiner ökologischen Themenstellung, sondern auch wegen der Fragen um Wahrheit und „Fake“, um Kompromiss oder Radikalismus, um Gemeinschaft oder Eigennutz, die zwar nicht neu und nicht heutig sind, aber doch von zeitgemäßer Brisanz. 

Das kommt auf der Bühne dennoch unaufgeladen und leichtfüßig daher. Dass Regisseur David Ortmann aus dem „Volksfeind“ kurzerhand eine „Volksfeindin“ gemacht hat, ist mehr als ein Gag. Katja Sieder gelingt es, die kämpferische Rebellin so überzeugend radikal darzustellen, dass assoziative Parallelen zu Greta Thunberg sich von selbst ergeben.  Doch auch darum geht es nicht, Ibsen selbst hat in vielen seiner Stücke starken Frauenfiguren ein Denkmal gesetzt, er würde sich gegen eine „Verweiblichung“ von Stockmann nicht wehren. 

Der Furor im Ring ist jedenfalls eine rhetorische wie schauspielerische Meisterleistung von Katja Sieder. Zum Schluss wird die grüne Insel der Ärztin sozusagen unter den Füßen weggerissen und Wasser rinnt auf die Bühne. Vorbote der Sintflut? Stockmann bleibt nur noch die Tochter Petra (Sarah Maria Grünig), mit der sie von dannen zieht.