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Donnerstag, 28.10.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

Hysterisches Gedöns

Wäre die Personalie Kirchner das Problem der Augsburger SPD, ginge es ihr heute besser.

Kommentar von Siegfried Zagler

“Ich fürchte nicht die Rückkehr der Faschisten in der Maske der Faschisten, sondern die Rückkehr der Faschisten in der Maske der Demokraten”, so ein berühmtes Adorno-Zitat, das sich auf die postfaschistische Ära der Bonner-Republik bezog. Der ehemalige Augsburger Ordnungsreferent und Bürgermeister Klaus Kirchner (SPD) wird von der SPD-Stadtratsfraktion, indem sie dieses Zitat einer Presseerklärung voranstellt, auf perfide Weise in die Nähe einer postfaschistischer Geisteshaltung gerückt. „Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch“, so hat Brecht diese Phase mit seinem berühmten Einzeiler voraussehend beschrieben. Klaus Kirchner, Onkel des aktuellen SPD-Ordnungsreferenten Dirk Wurm und und über Jahrzehnte einer der einflussreichsten Köpfe der Augsburger SPD, war für den Schreiber dieser Zeilen ungebrochen über viele Jahre hinweg nicht viel mehr als eine schwer erträgliche Figur, die der Augsburger SPD mehr Schaden als Nutzen zufügte.

Unabhängig davon, besteht kein Zweifel daran, dass Kirchner großes Unrecht zugefügt wird, wenn man ihn kontextuell dergestalt angreift und diffamiert. Kirchner ist ein astreiner Demokrat, der auf einer erhitzten Informationsveranstaltung zu einer Flüchtlingsunterkunft in der Hammerschmiede seine Meinung gesagt hat. Kirchner äußerte sich nicht anders, wie man es von ihm seit Jahrzehnten kennt, nämlich in populistischer Tonart ohne einen Funken Differenzierungsintention und bestätigte somit überzeugend jene Position, in der er sich politisch seit der Abwahl der Regenbogenregierung im Frühjahr 2008 befindet: im Abseits. Klaus Kirchner war viel zu lange in der Stadtpolitik präsent, was man der lokalen SPD nachträglich ankreiden muss. Gemessen aber an seinem Nachfolger, Walter Böhm (CSU), war Kirchner nahezu ein genialer Ordnungsreferent, ein Sympathieträger sozusagen.

Die Aussagen Kirchners auf der städtischen Veranstaltung sind eine Katastrophe, die weder zur Friedensstadt Augsburg passen noch zu irgendeiner anderen Stadt, aber sie reflektieren eine Haltung, die nicht kriminalisiert werden darf. Das Orientieren an ethnischen Vorstellungen und die damit zu hoch angesetzte Sichtweise auf die Illusion einer irgendwie deutsch-gearteten Volkskultur sind Wertvorstellungen, die die Generation von Klaus Kirchner mit der Muttermilch verabreicht bekam. Und es ist davon auszugehen, dass mit der “Generation Kirchner” die daraus resultierende Geisteshaltung zu Grabe getragen wird. Es handelt sich dabei nämlich um Selbstreferenzen, die möglicherweise in 15 bis 25 Jahren als Gemütskrankheiten gekennzeichnet werden. Krankheiten, die bei sozial Benachteiligten zwar immer wieder ausbrechen können, aber in der Zukunft wegen Geringfügigkeit keine Gefährdung eines zivilgesellschaftlichen Fortschritts bedeuten sollten.

Kurzum: Fossil Kirchner, das 42 Jahre dem Stadtrat angehörte, Träger des Bundesverdienstkreuzes am Bande ist und die Augsburger Arbeiterwohlfahrt mitbegründet hat, muss nicht in Watte gepackt werden. Ihm aber eine faschistoide Denkungsart zu unterstellen, ist hysterisches Gedöns. Wäre die Personalie Kirchner das Problem der Augsburger SPD, ginge es ihr heute besser.