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Montag, 06.12.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

Hinterwäldlerisches Problem-Kino mit Gruselfaktor

„Mit „Melancholia“ hat Trier eine Art Werbeclip in Sachen Depressionen verfertigt“

Siegfried Zagler über den neuen Film von Lars von Trier

Wie viele Filme von Andrei Tarkowski muss man gesehen haben, um zu ahnen, dass Tarkowski in der Kunst nach Erlösung suchte? Nicht erst im Tod, sondern im Leben ist Erlösung gegeben, besser: in der Abstraktion des Lebens, also in der Kunst. In Andrei Tarkowskis Werk bekommt die Kunst einen heilenden Auftrag. In seinem Werk ist eine spirituelle Sehnsucht nach Erlösung bebildert, die sich – so die Unterstellung – bei Tarkowski nicht auf der Tonspur entwickelt, sondern in der Magie seiner Bildkompositionen. Das Bild zeigt uns alles, was wir nicht sagen können. Die Wahrheit liegt hinter der Welt der Sprache. In Tarkowskis „Nostolghia“ geht ein russischer Dichter knietief mit einer brennenden Kerze durch ein marodes Freibad, weil er sich durch diese spirituelle Handlung „Heilung“, also Seelenfrieden erhofft. Die Filmzeit dieser Szene entspricht der Echtzeit der Schwimmbadquerung des Schauspielers: Kunst ist Leben, Leben ist Hingabe – ist Traum und Schöpfungsauftrag. Natürlich litt Tarkowski nicht nur als Künstler an der monströsen Sowjet-Diktatur.

Düstere Geschichtchen aufgepeppt mit einem Schuss Exzentrik

Lars von Trier leidet an „schweren Depressionen“, wie er sagt. Der dänische Filmemacher hat zu Beginn seiner Karriere von der Produktion von Werbe-Clips gelebt. Sein Kino lebt von der Dunkelheit seiner Sprachlosigkeit, die Bedeutung suggeriert, wo keine ist. Wie viele Filme von Lars von Trier muss man gesehen haben, um zu ahnen, dass Triers Kunst flach ist? Mit „Melancholia“ hat Trier eine Art „Werbeclip in Sachen Depressionen“ verfertigt: Gegen Depressionen hilft kein Geld, keine Hochzeit und kein Saufgelage und auf Dauer keine Beziehung und keine Therapie. Für an Depressionen leidende Menschen ist Selbsttötung nicht selten der einzig mögliche Ausgang aus der Erkrankung. Dafür lassen sich menschliche Grausamkeit, Einsamkeit und Tod und selbstverständlich auch der Weltuntergang mit einer gewissen Gleichgültigkeit ertragen. Viel mehr lässt sich aus dem Schaffen Triers nicht herauslesen. Düstere Geschichtchen, aufgepeppt mit einem Schuss gotischer Exzentrik und hervorragenden Schauspielern, deren Präsens ebenfalls Bedeutung suggeriert, wo keine ist. Mehr hat das Kino von Lars von Trier nicht zu bieten. In Cannes ist Trier wegen einer Pressekonferenz mit unsäglichen Aussagen zur persona non grata erklärt worden. Dabei wäre es wesentlich notwendiger, Triers Film-Werk als hinterwäldlerisches Problem-Kino mit Gruselfaktor auszuweisen.

MELANCHOLIA läuft im Thalia (15.45 Uhr, 20.00 Uhr) und im LILIOM (17.30 Uhr, 20.00 Uhr).

» Offizielle Website zu MELANCHOLIA