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Dienstag, 04.12.2018 - Jahrgang 10 - www.daz-augsburg.de

Herz aus Gold: Was uns 2018 erwartet und worauf wir hoffen dürfen

Die Bundesregierung, die Renaissance, das Weltkulturerbe oder der AEV: Wer kann wissen, womit wir uns in der Zukunft plagen werden? Will man sich Gedanken um die Zukunft machen, muss man die Gegenwart verstehen. Denn ohne gesichertes Wissen um die gegenwärtige Wirklichkeit lässt sich schlecht in die Zukunft sehen. Schauen wir also genauer auf das, was uns aktuell zu schaffen macht, um zu ahnen, was uns das kommende Jahr bringen könnte.

Von Siegfried Zagler

2018 kommt sicher eine neue Bundesregierung – eine ohne Angela Merkel? Das ist so wahrscheinlich wie eine Bayerische Staatsregierung ohne CSU oder ein deutscher Fußballmeister, der nicht FC Bayern heißt. Ob es wünschenswert ist oder nicht, spielt keine Rolle: Das sind die Konstanten der Gegenwart und der Zukunft. Damit muss man rechnen. Sollte sich das Hoffen nicht ohnehin auf die Liebe, die Gesundheit und andere private Herzensangelegenheiten beschränken?

Ist es möglicherweise zu weltabgewandt und obendrauf zu verwegen, öffentlich darauf zu hoffen, dass sich die Welt hinter und vor der eigenen Tür zum Besseren wendet, der AEV die Play-offs erreicht und der FCA die Qualifikation für die Europa League? Oder ist es zu anspruchslos, darauf zu hoffen, dass die Stadtwerke ein Einsehen haben und ihre Tarifreform in die Tonne treten? Oder wie wäre es mit einer Hoffnung, die in Augsburg weit verbreitet ist, aber wegen ihrer Trivialität niemand (die DAZ ausgenommen) formulieren will. Damit ist gemeint, dass sich das Augsburger Regierungsbündnis noch vor der Bayernwahl auflöst und wieder im Nebel des politischen Nichts verschwindet, wo es seinerzeit herkam, wie ein zur Wirklichkeit geronnener Albtraum.

Hoffen will gelernt sein, weil sich die Hoffnung aus dem a priori oder alten Überlieferungen nährt. Und somit auf ein Ereignis abzielt, das unwahrscheinlich ist, aber immerhin möglich sein muss. In Parlamenten, das ist in Augsburg nicht anders als in Berlin, changiert Regierungspolitik ohne das Regulativ einer starken Opposition zwischen raffinierter Selbstdarstellung und falscher Bescheidenheit.

CDU und CSU müssen sagen, wofür sie eigentlich regieren wollen

Falsche Bescheidenheit ist mindestens so uninspirierend wie die unbescheidene Selbstdarstellung. Mit Bescheidenheit kommt man ohnehin nicht weit, sagt der Volksmund, der natürlich keine Ahnung davon hat, dass sie ein strategisches Element der asymmetrischen Demobilisierung darstellt und somit zum zentralen Repertoire des Machterhalts einer ehemals mächtigen Regierungschefin gehörte, die nach den Jahren der Demobilisierungsstrategie nicht mehr so richtig weiß, warum sie noch regieren soll.

Die Jamaika-Verhandlungen seien auch daran gescheitert, dass die Union nie sage, wofür sie eigentlich regieren wolle. Es müsse um Deutschland gehen und nicht mehr um Parteitaktik. „Nun müssen CDU und CSU mal sagen, was sie eigentlich für Deutschland tun wollen.“ Das sagt nicht Christian Lindner, sondern Sigmar Gabriel (SPD), Vizekanzler und Außenminister und seit Jahren im engsten Regierungszirkel von Angela Merkel mit dabei und zusammen mit der SPD ein Opfer der asymmentrischen Kommunikationsstrategie der Kanzlerin, die sich mit ihrer visions- und inhaltslosen Politik bei der zurückliegenden Bundestagswahl gleich mit demobilisiert hat.

Familien- und Sozialpolitik der Ära Merkel: eine Katastrophe!

Trotz anhaltend guter Konjunktur blieb in der Ära Merkel fast jeder sechste Bundesbürger von der Armut gefährdet, sagt das Statistische Bundesamt. 40 Prozent der Beschäftigten verdienen real deutlich weniger als vor 20 Jahren, sagt das Wirtschaftsministerium. 70.000 Fachkräfte fehlen bereits jetzt bundesweit in der Krankenpflege. 40.000 zusätzliche Fachkräfte bräuchte es in der Altenpflege, sagen die Gewerkschaften. Millionen Bürger steuern hilflos in eine scheinbar unvermeidliche Altersarmut, sagt ebenfalls das Statistische Bundesamt. Die Förderung des staatlichen Wohnungsbaus hinkt dieser Entwicklung weit hinterher. Das Wohnen in den Städten ist für Normalverdiener und Familien kaum noch bezahlbar. Das sagt kein Amt und auch keine Gewerkschaft, sondern pfeifen die Spatzen von den Dächern: Eine Katastrophe, die sich im Alltag von Millionen Bundesbürgern abbildet.

Dass sich daran 2018 etwas ändert, darf man ausschließen, ist also unmöglich und somit nichts, was man mit einer Hoffnung oder gar mit einer Erwartung versehen könnte.

„Wir schaffen das“ war ein mutiger und richtiger Reflex auf eine inhumane Situation. Merkels überraschend progressive Flüchtlingspolitik war ein längst überfälliges staatliches Handeln, das von der großen Mehrheit der bundesrepublikanischen Gesellschaft als große Aufgabe angenommen wurde – und zugleich die rechten Ränder mobilisierte, und somit zu einem Top-Medienthema wurde, das die katastrophale Sozial- und Familienpolitik der Ära Merkel in den Hintergrund rückte.

Angela Merkel ist trotz und nicht wegen ihrer Flüchtlingspolitik gescheitert

Dass die beiden GroKo-Parteien am 24. September ihr schlechtestes Nachkriegswahlergebnis einfuhren, hat sehr viel mit diesem Versagen der beiden „Volksparteien“ zu tun. Jedenfalls viel mehr als mit Merkels Flüchtlingspolitik, die grundsätzlich von allen deutschen Parteien (ausgenommen CSU und AfD) als „richtig“ bewertet wurde und wird. In Bayern, also auch in Augsburg, wird das gerne übersehen. Kurt Gribl, der in Augsburg/Bayern beinahe zu der gleichen politischen Persönlichkeit gereift ist, die der des Oberbürgermeisters Adenauer in Köln/Rheinland zu Zeiten der Weimarer Republik ähnelt, sprach im Spätsommer 2017 beim städtischen Presseempfang davon, dass Merkels Flüchtlingspolitik „nicht planvoll“ sei. Das mag zutreffen, doch was geschieht in der Politik schon planvoll?

Würde sich die Annahme zu einer stabilen und weit verbreiteten politischen Wahrheit verfestigen, dass viele Wähler der bürgerlichen Mitte nur noch deshalb zur GroKo hielten, weil ein ernstzunehmender Rechtsruck unerträglicher gewesen wäre als die ewige Wiederkehr einer planlosen und inhaltsleeren Politik, hätten wir eine Formel, die einen Neustart ermöglichen würde: Angela Merkels Regierung ist entgegen aller Kommentierungen aus rechtslastigen Redaktionsstuben trotz und nicht wegen ihrer Flüchtlingspolitik gescheitert. Ein Neustart ist deshalb nur ohne sie möglich. Darauf darf man hoffen – zu erwarten ist das nicht.

Augsburg wird 2018 wohl den UNESCO Weltkulturerbe-Titel erhalten

Wenn man also 2018 lieber auf wahrscheinliche Ereignisse „hofft“, dann handelt es sich weniger um ein Hoffen, sondern eher um ein Erwarten auf das Eintreten von etwas, auf das man möglicherweise selbst hingewirkt hat. So ist die Hoffung der Stadt Augsburg, dass sie mit ihrer Wasser-Weltkulturerbe-Bewerbung bei der UNESCO erfolgreich sein wird, eher ein gelassenes Kalkül eines 1a-Strebers, der sehr sicher in eine Prüfung geht, aber so tut, als wäre er aufgeregt. Mit der Wasserkunst und Brunnenkunst aus der Zeit der Renaissance wird Augsburg 2018 UNESCO-Welterbe werden. „Darauf darf man hoffen“, müsste man sagen, um sich bescheiden zu geben.

Worauf darf man 2018 als Bürger der Stadt Augsburg noch hoffen? Schließlich geht es nicht nur um einen objektiv gültigen Kulturtitel der Stadt, sondern um das große Ganze, also um die Zukunft einer großen Stadt, die 2018 wohl ihren dreihunderttausendsten Bürger begrüßen darf. Darf man erwarten, dass ausgerechnet Ulrich Kubak mit der Verwaltung eines schläfrigen Radiosenders („Klassik Radio“) die Augsburger Innenstadt kulturell belebt? Immerhin ein Versprechen von Bürgermeisterin Weber, mit dem der Verkauf des städischen Gebäudes „Fuggerstraße 12“ begründet wurde. Darf man erwarten, dass Markus Hehl mit seiner gGmbh den Bahnpark seiner historischen Bedeutung gemäß zu einem Industriedenkmal erster Kategorie entwickeln wird? Oder ist es gar möglich, dass ein anderer Hehl (Wolfgang) das Technologiezentrum doch noch zu jenem Erfolgsmodell entwickelt, als das es bereits verkauft wurde?

Zu erwarten ist all das nicht, aber da es immerhin möglich erscheint, darf man darauf hoffen.

2018 wird außerdem die Uraufführung des ersten Fugger-Musicals „Herz aus Gold“ auf der Freilichtbühne des Theaters Augsburg aufgeführt – es geht um Liebe in Zeiten der Renaissance. Was man davon halten soll? Es könnte grausam werden. „Die Fugger und die Renaissance sind für den Städtetourismus in Augsburg zwei zentrale Themen“, weiß Tourismusdirektor Götz Beck. Die Fuggerei, die von Jakob Fugger 1521 gestiftete älteste bestehende Sozialsiedlung der Welt, ist die wohl meistbesuchte Tourismusattraktion der Stadt. Auch das ist eine Konstante der Gegenwart und der Zukunft. Das darf so bleiben.

Verteidigt Jogi Löw zusammen mit Philipp Max den WM-Titel?

Um zum Schluss noch einmal zum großen Ganzen zurückzukehren: Dass die deutsche Fußballnationalmannschaft 2018 im Sommer in Russland ihren WM Titel verteidigt – zusammen mit einem Augsburger Linksverteidiger namens Philipp Max – ist eine Erwartung, die sich von hier aus trefflich formulieren lässt. In diesem Fall ginge ausgerechnet mit Jogi Löw ein Trainer in die Geschichte des Weltfußballs ein, an dem die DAZ kaum ein gutes Haar finden konnte. – Das Jahr 2018: Löw und Merkel gestalten Hand in Hand mit ihren Herzen aus Gold ein glorreiches Ende ihrer unglaublichen Karrieren. Man wagt es nicht zu hoffen. Aber möglich wär es immerhin.



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