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Mittwoch, 22.09.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

Heinrich-Götz George

Joachim Lang zeigte in der Brechtbühne sein bewegendes Dokudrama

Von Frank Heindl

Götz George, Tatort-Kommissar, vielfach ausgezeichneter und äußerst beliebter Schauspieler, ist möglicherweise Zeit seines Lebens vor allem eines geblieben: Sohn. Sohn des in den Weimarer Republik wie in der Nazizeit vom Publikum geradezu verehrten Heinrich George, der als von den Sowjets verurteilter Nazi-Kollaborateur 1946 in einem Speziallager starb. Joachim Lang, Regisseur und in Augsburg vor allem als künstlerischer Leiter des Brechtfestival bekannt, hat das Leben Heinrich Georges als „Dokudrama“ verfilmt – mit Götz George in der Hauptrolle. Am vergangenen Samstag zeigt er seinen Film wenige Tage vor der Fernsehpremiere in der Brechtbühne.

“Götz George spielt Heinrich George; Götz George zeigt Götz George, wie er Heinrich George spielt; Götz George spielt Heinrich George, wie dieser Götz George umarmt; Götz George ist Heinrich George … Joachim Langs „George“ ist ein Film der Perspektivenwechsel. (Foto: Universum Film GmbH).

Götz George verehrt seinen Vater, auch in der kritischen Distanz. Und Joachim Lang hat glücklicherweise diesem Drang zur Verehrung nicht nachgegeben, hat stattdessen einen differenzierten, vielfach gebrochenen Blick auf einen Schauspieler geworfen, der in seinem fanatischen Drang zur Schauspielerei nicht nur zum Mitläufer wurde, sondern auch zum Propagandisten von Hitlers Weltkrieg, zum Lobhudler auf Nazideutschland. Dass dieser differenzierte Blick gelang, ist wiederum nicht nur dem Drehbuch, sondern auch Götz George zu verdanken, der die Faszination des Vaters so greifbar macht, das einfache Urteile unmöglich werden – ohne dass dieser Heinrich George im Geringsten weißgewaschen würde.

Joachim Lang hat die Form des Dokudramas weit ausgedehnt und nicht nur Spiel- und Dokumentarszenen gegeneinander geschnitten, sondern sie auch noch durch Making-Off-Szenen ergänzt, Passagen also, in denen er das Künstliche des Films zur Diskussion stellt, in denen deutlich wird, dass wir eine mehrfache Interpretation Heinrich Georges sehen: die des Regisseurs, die der Interviewpartner und Zeitzeugen, die schließlich des Sohnes, der einem Vaterbild nacheifert, das er nur aus zweiter und dritter Hand kennt. „Ich könnte jetzt so tun als ob“, sagt Götz George auf die Frage nach seiner persönlichen Erinnerung an den Abschied. Und weigert sich, so zu tun, gibt stattdessen zu, dass er seine letzte Begegnung mit dem Vater nur aus den Erzählungen seiner Mutter erinnert – Götz George war damals sechs Jahre alt.

Trotzdem, so Lang im anschließenden Gespräch mit „A3-Kultur“-Chef Jürgen Kannler, kenne der jüngere George nicht nur die Filme seines Vaters auswendig, sondern geradezu jeden Dialog, jede Szene, jede Geste. Wie sehr es möglicherweise weh getan haben muss, diesen Vater zu spielen, wird am deutlichsten in besagter Abschiedsszene. Götz George spielt Heinrich George, der den kleinen Götz George in den Arm nimmt, nicht ahnend, dass es zum letzten Mal sein wird.

Mag sein, dass Götz George den Vater in seiner Schauspielerei fast zu sehr verehrt, dass er zu sehr bemüht ist, den permanent lachenden Polterer zum sympathischen Hausherrn zu stilisieren, dem es vor allem darum ging, sein Theater zu erhalten, und der dabei zahlreichen jüdischen Verfolgten Unterschlupf und Sicherheit bot. Der Film täuscht trotzdem keinen Moment darüber hinweg, dass Heinrich George Grenzen überschritt: Er spielte in grauenhaften Propaganda-Machwerken der Nazis, etwa in den Veit-Harlan-Filmen „Jud Süß“ und „Kolberg“, er jubelte Goebbels bei dessen Kriegs-Rede im Sportpalast zu, er ließ sich zu plumpen Durchhalteparolen und Dankadressen an Hitler überreden. Dass er Hitlers Krieg und die Judenverfolgung nicht guthieß, ist aus heutiger Sicht klar, dass er sich nicht gegen sie wandte, nicht ins Exil ging, nicht persönliche Konsequenzen riskierte, schwer akzeptabel. Auch das fast schon schmierige Lavieren Heinrichs zwischen Goebbels und seinen jüdischen Freunden zeigt Götz George bravourös und detailliert.

Veit Harlan drehte nach Kriegsende munter weiter Filme, Leni Riefenstahl starb als von vielen hoch verehrte Fotografin, Heinz Rühmann als generationenübergreifend geliebter „Volksschauspieler“. Alle drei – und es gab ihrer viel mehr – hatten sich ähnlich wie oder intensiver als Heinrich George dem Naziregime angedient oder sich von diesem benutzen lassen. Doch nur Heinrich George musste büßen: Lang zeigt in ausführlichen Sequenzen, wie die Sowjets sich einen Nazi-Kollaborateur zurechtformten, wie er in ihr Bild und ihre Politik passte – und dem Heinrich George wohl nicht entsprach. Der inszenierte stattdessen noch im Gefängnis den Faust, und als ihm deutsche Texte verboten wurden, sogar Puschkin in russischer Sprache. Er sei eben besser gewesen als alle anderen, sagt Götz George, und vor allem „besessener“. Mit diesem Wort lässt Lang den Film enden. Dieses Urteil erklärt einiges, aber längst nicht alles. Und es rechtfertigt nichts.

Am heutigen Montag, 22. Juli kann man Joachim Langs „George“ um 20.15 Uhr auf arte sehen, am Mittwoch, 24. Juli 2013 dann um 21.45 Uhr in der ARD. Der Film dauert 120 Minuten.