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Mittwoch, 27.10.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

Halbfinale : „Löws End“ ist überwindbar

Die 20. Weltmeisterschaft in Brasilien neigt sich ihrem Ende entgegen. Noch vier Spiele, dann muss man sich Gedanken machen, wie man das Leben mit dem Spiel ohne Ball wieder ernst nehmen kann. Noch vier Spiele, dann ist Schluss.

Von Siegfried Zagler



Mit Brasilien, Deutschland, Argentinien und Holland stehen vier Hochkaräter in den Halbfinals. Jeder von ihnen hat das Zeug zum Titel, auch wenn bei den Deutschen ein wenig Skepsis angebracht ist, was mit ihrem Trainerstab zu tun hat. Mit Löw war in den letzten vier großen Turnieren bis auf eine Ausnahme stets im Halbfinale Endstation: 2006 gegen Italien. Bei der Euro 2008 gurkten sich die Deutschen mit allergrößter Mühe gegen die Türkei ins Endspiel, wo sie gegen Spanien nicht den Hauch einer Chance hatten. Bei der WM 2010 das erneute Aus im Halbfinale, wieder hieß der Gegner Spanien. Löws Coaching- Desaster sorgte im Halbfinale der Euro 2012 für das Aus. Und nun befindet man sich bei der WM in Brasilien im Halbfinale gegen den Gastgeber.

Nach Helmut Schön steht zum zweiten Mal in der DFB-Geschichte einem Bundestrainer eine großartige Auswahl von Weltklassespielern zur Verfügung. Und dennoch ist Joachim Löw der einzige Trainer in der DFB-Geschichte, der an vier großen Turnieren teilgenommen hat, ohne einen Titel zu gewinnen. Nehmen wir Erich Ribbecks kurzes Intermezzo aus der Bilanz, dann ist in Sachen Titel Jogi Löw der große Verlierer in der Bundestrainer-Gilde. Herberger, Schön, Derwall, Beckenbauer, Vogts konnten Titel gewinnen und selbst Rudi Völler (Vizeweltmeister 2002) brachte es zu einem ehrenvollen „Vize“. Jogi Löw hin oder her: Pessimismus ist nicht angebracht. Weder Schön noch Derwall noch Beckenbauer waren anerkannte Trainergrößen. Über die nicht vorhandene Reputation von Berti Vogts und Rudi Völler muss man ohnehin kein Wort verlieren. Der DFB, das kann man ohne Risiko behaupten, hatte nach Herberger keinen Trainer mehr von großem Format.

Womit gesagt sein soll, dass eine gute Mannschaft nicht zwangsläufig einen guten Trainer braucht, wenn es darum geht, ein Turnier zu gewinnen. Die Chancen, „Löws End“ zu überwinden, stehen nämlich nicht schlecht. Brasilien sah zweimal in den Abgrund und überstand Achtelfinale wie Viertelfinale nur mit Glück und mit einem Gang an die Grenzen der physischen Belastbarkeit. Es ist gut möglich, dass den Gastgebern die Frische fehlt. Hinzu kommt eine weitere Kleinigkeit: Die brasilianische Mannschaft ist nach dem Ausscheiden von Neymar und Silva auf jedem Posten schlechter besetzt als die deutsche. Der Heimvorteil und die Kampfstärke der Seleção machen das Match dennoch zu einem Fifty-Fifty-Projekt. Mit größeren Chancen haben die Deutschen seit 1990 kein Halbfinale mehr bestritten.