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Sonntag, 28.11.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

„Grundlagenforschung“ zur Freilichtbühne

Hochschule Augsburg stellte ihre Untersuchung vor

Von Frank Heindl

„Grundlagenforschung“ hätten seine Studenten betrieben, freute sich Marketingprofessor Gerhard Riegl von der Hochschule Augsburg. Steffen Rohr, Kaufmännischer Direktor des Stadttheaters, konstatierte am Ende, die Untersuchung habe „für die Dinge, die wir wissen und für die Dinge, die wir geahnt haben, die Fakten geliefert“: 19 Studierende aus Riegls Kurs haben unter mehr als 1.000 Befragten eine repräsentative Untersuchung über das Image der Augsburger Freilichtbühne durchgeführt. Am Montag präsentierten sie die Ergebnisse.

Das Marktforschungsteam von der Hochschule: Professor Riegl mit seinen Studentinnen und Studenten

22 Fragen hatten die Studierenden an 3.000 Bürger in und um Augsburg geschickt, 1.050 ausgefüllte Fragebögen kamen zurück – eine für solche Umfragen erstaunlich hohe Rücklaufquote, die repräsentative Aussagen ermöglicht. Noch erstaunlicher allerdings, wie es gelang, durch intensive Auswertung der Daten und die Herstellung von vielerlei Querverbindungen ein breit gefächertes Bild des öffentlichen Ansehens der Freilichtbühne zu schaffen. Man kann nun wohl mit Berechtigung sagen, dass der Open-Air-Theatersaal am Roten Tor nicht nur in den Augen der Theaterverantwortlichen und Kulturbürokraten, sondern auch in der Meinung der Bevölkerung ein Augsburger Schmuckkästchen darstellt.

30.000 Besucher hat die Freilichtbühne pro Spielzeit – in nur fünf Sommerwochen trägt sie mit 20 Prozent zum Erlös des Stadttheaters bei. Grund genug, den Spielort wichtig zu nehmen und über Verbesserungsmöglichkeiten nachzudenken. Andererseits: Warum sollte man viel ändern, wenn’s gut läuft? Und dass es gut läuft, zeigen nicht nur die stets gut besuchten Vorstellungen – sondern nun auch die Studentenumfrage. Die Bewertung der Freilichtbühne nach Schulnoten jedenfalls ergab rundum positive Zahlen, die Gesamtwertung beträgt exakt 2,2. Die kulturell wertvolle Unterhaltung ist dabei für die einen ausschlaggebend, die anderen kommen hauptsächlich wegen der einzigartigen Kulisse und wegen des Erlebnisses einer Sommernacht unter freiem Himmel. Und für beide Gruppierungen spielt der Eintrittspreis eine untergeordnete Rolle – man bezahlt gerne für das, was man schätzt.

Mehr Parkplätze und eine eigene Homepage werden gewünscht

Daneben verblassen fast alle Probleme: Dass sich Besucher aus dem Umland mehr Parkplätze wünschen hat die Untersuchung ebenso ergeben wie die Tatsache, dass der Augsburger gerne radelt, sich aber dafür auch mehr Fahrrad-Abstellplätze vor der Freilichtbühne wünscht. Dass die Verpflegung mit Snacks und Getränken vor und nach der Vorstellung nicht jedermanns Sache ist, war abzusehen, ebenso, dass der schäbige Lattenzaun rings um die Spielstätte auf Ablehnung stößt. Dass die sanitären Anlagen ebenso zu wünschen lassen wie Beschilderung und Wegeführung – geschenkt: Selbst die Befragten halten solche Kritikpunkte für Petitessen, in der Wichtigkeit rangieren sie auch bei ihnen ganz weit hinten. Immerhin: Jeder Vierte wäre bereit, für mehr Service und mehr Qualität auch mehr Geld hinzulegen, wohingegen nur ein Fünftel dafür plädiert, die Preise zu senken und alle Extras extra zu berechnen.

Das einzige echte Problem aber, das die Untersuchung zu manifestieren scheint (und auf das die Hochschüler in ihrer ansonsten sehr ausführlichen Analyse nicht eingingen), ist die Altersstruktur der Besucher: Die meisten „Kunden“ der Freilichtbühne, nämlich 32 Prozent) sind zwischen 46 und 60 Jahre alt, weitere 19 Prozent rangieren zwischen 61 und 75 Jahren. Ganz grob lässt sich verallgemeinern, dass in dieser Besuchergruppen der Älteren die Zufriedenheit mit nahezu allen abgefragten Aspekten der Freilichtbühne teils deutlich höher ist als in der nahezu gleichgroßen Gruppe der Befragten, die bis 45 Jahre alt sind. Zwischen den beiden Gruppen verläuft auch eine inhaltliche Trennlinie: Die Jüngeren wünschen sich nicht nur eine attraktive Homepage für die Freilichtbühne, sondern hätten auch gern mehr Musicals anstelle von Oper und Operette; den Älteren dagegen würden mehr Operetten ganz gut ins Konzept passen. In diesem Gegensatz aber spiegeln sich möglicherweise mehr die zukünftigen Problemen der Freilichtbühne (aber auch der Theaterlandschaft ganz allgemein) wider, als in den derzeitigen Diskussionen ums Stadttheater deutlich wird: Was, wenn die Stadt in den nächsten Jahren all die -zig Millionen aufbringt, die für die Sanierung der Augsburger Theater inklusive der Freilichtbühne nötig wären – und dann geht keiner mehr hin? Stirbt Schauspielern, Regisseuren und Musikern ganz langsam das Publikum weg? Und was kann man inhaltlich tun, um den Bedürfnissen der nachwachsenden Generation gerecht zu werden, ohne Sinn und Zweck des Theaters zu verraten?

Ein Stück für alle: die Comedian Harmonists

Womöglich ist auch bei diesem Thema alles halb so wild: Die Statistiken und Schaubilder der HochschulstudentInnen zeigen nämlich, dass die Freilichtbühne auch hier auf dem richtigen Weg ist. Tatsächlich erzielt ein Stück wie die „Comedian Harmonists“ auch beim jüngeren Publikum sehr hohe Zustimmungswerte. Ein Stück also, das neben allem lustig-fröhlichen Singsang einen harten zeitgeschichtlichen Kern hat – und eine „Botschaft“, die dann doch weit über das übliche Musical-Trallala hinausgeht. Ein Stück also, das Bedürfnissen der jüngeren Besucher entgegenkommt, ohne sich anzubiedern, und das trotzdem auch dem älteren Publikum durchaus wohlgefällige Kommentare entlockt.

Man darf annehmen, dass es Angebote in dieser Qualität und mit dieser Mischung auch in Zukunft geben wird. Nebenbei darf man aber auch darauf hoffen, dass die Jüngeren älter werden und eines Tages ebenfalls den Reiz von Verdi, Puccini und Konsorten entdecken. Bis dahin sind dann vielleicht auch die Klos repariert, ist eine flexible Überdachung installiert, gibt es leckere Pausensnacks, jede Menge Fahrradparkplätze und einen künstlerisch hochwertig gestalteten Schichtschutz rings ums Gelände. Von der eigenen, hochinformativen Homepage der Freilichtbühne ganz zu schweigen. Falls aber eines Tages niemand mehr Lortzing hören möchte, wird man das rechtzeitig merken und wohl auch verkraften.