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Dienstag, 30.06.2020 - Jahrgang 12 - www.daz-augsburg.de

Gribl vs. Kiefer: Ein spannendes Schauspiel

Am gestrigen Dienstag befragte der Presseclub vor zirka 250 Zuhörern im Augustanasaal die beiden aussichtsreichsten OB-Kandidaten Kurt Gribl (CSU) und Stefan Kiefer (SPD) zu Augsburgs Zukunft.

Von Dr. Sebastian Seidel

Alfred Schmidt, Dr. Kurt Gribl, Dr. Stefan Kiefer und Wolfgang Bublies (v.l.)

Welche Themen für eine Stadtgesellschaft vorrangig wichtig sind, liegt sicherlich im Auge des Betrachters und kann zu vollkommen unterschiedlichen Meinungen führen. Bei der Spitzenkandidaten-Diskussion im vollbesetzten Augustana-Saal spielten jedenfalls die beiden Themen Kultur und Umwelt keine Rolle. Das mag in der nachhaltigsten Stadt Deutschlands durchaus verwundern. Zumindest hätte man als naiver Kulturmensch erwarten können, dass der eingeschlagene und preisgekrönte Weg der nachhaltigen Stadtentwicklung, der nichts weniger als ein kultureller Transformationsprozess ist, ein wichtiger, zukünftiger Baustein für jede neue Stadtregierung sein könnte. Ob es an den beiden Moderatoren, den Kandidaten oder gar dem Publikum gelegen hat, lohnt einen genaueren Blick.

Das Feld der vergangenen CSU-Grabenkämpfe wurde nicht betreten

Der Anspruch des Presseclubs war es, bei der Diskussion in die Tiefe zu gehen. Dies wurde vom Presseclub-Chef Dieter Bauer zu Beginn im Hinblick darauf betont. Deshalb wurden nicht alle neun OB-Kandidaten eingeladen, sondern nur die beiden, denen man einen Sieg spätestens nach der Stichwahl zutraue. So standen Kurt Gribl und Stefan Kiefer zwischen dem Moderatoren-Team von Augsburger Allgemeinen (Alfred Schmidt) und Augsburg Journal (Wolfgang Bublies) auf der Bühne und gaben den Blick auf ihre Körpersprache frei. Ein spannendes Schauspiel für den geübten Betrachter, der alles geboten bekam, was Augen, Münder und Hände zu bieten haben. Die rund zweieinhalb Stunden wurden deswegen durchaus unterhaltsam, wenn auch nicht immer die erhoffte inhaltliche Tiefe erreicht wurde. Dazu fehlten nicht nur die Zeit sondern auch die tiefschürfenden Nachfragen. Hier wäre deutlich mehr möglich gewesen, da die Kandidaten in der Vorstellungsrunde dafür genügend Stoff lieferten. So bezeichnete zum Beispiel Kiefer den CSU-Kandidaten Gribl als „effizienten Einzelkämpfer“ und versuchte den Blick auf das steinige Feld der vergangenen CSU-Grabenkämpfe zu öffnen. Dieses aber wurde auch von Lokalpolitik-Profi Alfred Schmidt nicht betreten und Gribl betonte im weiteren Verlauf des Abends immer wieder, wie wichtig der Rückhalt der Fraktion für ihn sei.

Beide Kandidaten hatten starke Phasen

Schon bei der Auftaktrunde, bei der die beiden Kontrahenten Kärtchen mit Aussagen wie „Tunnel statt Chaos“ oder „Menschen statt Steine“ ziehen mussten und ihre Meinung dazu sagen sollten, wurde klar, dass Kiefer als SPD-Herausforderer auf Angriffsmodus programmiert war. Insbesondere beim Thema „Neuer Kö“ und allen damit zusammenhängenden Verkehrsdiskussionen (Linie 6, Linie 5, Unterer Graben, B17) versuchte er den Amtsinhaber zu attackieren und erreichte immerhin, dass Gribl die Mundwinkel verzog und mit fokussiertem Blick zu erkennen gab, dass ihm Kiefers Äußerungen (und der vergangene Bypass-Streit) auf die Nerven gingen. So richtig in Fahrt kam die Diskussion über den Umbau der Innenstadt aber nicht, immerhin punktete Kiefer mit der Frage nach der Dynamik in anderen Stadtteilen und verwies auf Projekte (wie den Kids-Stützpunkt im Hochfeld), die dem Rotstift zum Opfer gefallen sind. Der größte Frageblock beschäftigte sich mit Innenstadt, Handel und Wirtschaft, wobei Kiefer immer wieder versuchte, die soziale Karte zu spielen und die Menschen, insbesondere die Familien in den Blick zu nehmen. Hier schlug er sich am besten, redete flüssig und klar, richtete den Blick ins Publikum oder direkt auf seinen Kontrahenten und hatte seine Hände im Griff. Von der Körpersprache war das zu Beginn und in der Mitte des Abends seine beste Phase. Im zweiten Teil dagegen wurde er rhetorisch schwächer, suchte mehr mit den Augen und sortierte viel seine Blätter. Bei Gribl war der Verlauf dagegen genau andersherum. Ließ er sich beim Thema „Neuer Kö“ noch zu größeren Gesten hinreißen und versuchte seine Argumente mit einigen Lufthandkantenschlägen zu untermauern, so wurde seine Rhetorik vor allem bei den Fragen nach der Regierungsbildung schlagfertiger und pointierter. Beide suchten die bestätigenden Blicke der zahlreichen Anhängerschaft im Publikum und bekamen auch helfende Unterstützung.

Kulturthemen blieben außen vor

Am spannendsten hätte die Frage nach den drei wichtigsten Zielen und möglichen Koalitionen in der nächsten Stadtratsperiode werden können. Hier hätte man sich als Kulturschaffender erhofft, dass auch die kulturelle Entwicklung zur Sprache kommt, aber beide Kandidaten nahmen vor allem ihre eigene Klientel in den Blick mit den üblichen und natürlich auch wichtigen Themen wie Mittelstand, Bildung, Armutsbekämpfung und Altenpflege. Zwar wurden die Akzente dabei durchaus unterschiedlich gesetzt und die ideologischen Frontlinien der beiden Volksparteien bedient, aber auch die Schnittmengen wurden deutlich, die ein Miteinander nach der Wahl möglich erscheinen lassen. So bestätigte Gribl, dass er sich nach der Wahl auch eine Koalition unter anderem mit der SPD (nur nicht mit den Linken und auch nicht mit den Freien Wählern) vorstellen könne. Während Kiefer eine große Koalition entschieden ablehnte, seine Vision einer Einbindung aller Kräfte ohne Koalitionsvertrag skizzierte (Vorbild Hans Breuer) und ein neues „Miteinander“ im Rathaus beschwor. Hier hätte eine Brücke zur Nachhaltigkeit in der politischen Arbeit, zur Weiterführung bereits begonnener Wege betreten werden können, was aber leider ausblieb. Zumindest bei der Frage nach der zukünftigen Referats-Organisation und –Verteilung wurde immerhin kurz die Kultur berührt, indem Gribl erklärte, dass er – ohne damit Peter Grabs Arbeit schmälern zu wollen – die Herausforderungen bei Sport und Kultur als so groß erachte, dass beide Bereiche wieder in verschiedene Referate getrennt werden sollten. Leider erfolgte auch hier keine Differenzierung und es gab auch keine Nachfragen seitens der Moderatoren (oder später des Publikums), um welche Herausforderungen es sich dabei im Einzelnen handelt und welche Priorisierung es geben soll.

Ohne Kultur ist alles nichts

So schien das Moderationsteam gegen 22.00 Uhr zufrieden mit dem Abend zu sein und erlaubte beiden Kandidaten ein einminütiges Schlusswort. Während Gribl über drei Minuten um Unterstützung für seinen Kurs und die CSU warb und dabei die gute Zusammenarbeit mit dem Freistaat herausstellte, betonte Kiefer in der Hälfte der Zeit noch mal die Wichtigkeit der Sozialpolitik für seine SPD. Die Kulturstadt Augsburg und ihre nachhaltige Entwicklung blieben leider bei beiden wieder unerwähnt und scheinen auch nicht im unmittelbaren Fokus der beiden Parteien zu stehen. Nicht zuletzt das macht eine eigene Diskussion über den Stellenwert der Kultur in unserer Stadt am Samstag, 22. Februar, um 15 Uhr im Foyer des Stadttheaters so wichtig. Denn Kultur ist zwar nicht alles, aber ohne Kultur ist alles nichts, und gerade in einer so geschichtsträchtigen Stadt wie Augsburg ist die nachhaltige kulturelle Entwicklung einer der wichtigsten Standortfaktoren, um als sogenannter „Kulturschaffender“ auch mal mit den Worten der Wirtschaft sprechen zu dürfen. Daran müssen sich beide Kandidaten auch messen lassen, gleichgültig bei welcher Veranstaltung sie auftreten.

Bildunterschrift

Dr. Sebastian Seidel (rechts) sah für die DAZ das Kandidatenduell  im Augustanasaal


Dr. Sebastian Seidel promovierte über „Der Mann ohne Eigen­schaften“ von Robert Musil und arbeitet als Dramatiker, Regisseur und Theaterleiter, außerdem als Lehrbeauftragter der Universität Augsburg, als Theaterberater des Bezirks Schwaben und als Vorstand des Verbandes „Freie Darstellende Künste“. Seit 2000 leitet er das von ihm gegründete Sensemble Theater Augsburg, eine freie Bühne für zeitgenössische Dramatik. Er erhielt den Kunstförderpreis, die Ehren­medaille und den Zukunftspreis der Stadt Augsburg. Seine Theaterstücke werden international gespielt. Zuletzt erschien „Theater-Marathon. Zehn Theaterstücke. Wißner-Verlag 2012“.