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Donnerstag, 23.09.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

„Gesellschaftliche Änderungen werden notwendig“

DAZ-Interview mit Wissenschafts-Preisträger Aladin El-Mafaalani

DAZ: Herr Mafaalani, sie haben einige wichtige Folgerungen aus ihrer Promotionsarbeit zum Thema „BildungsaufsteigerInnen aus benachteiligten Milieus“ gezogen. Wie groß war eigentlich die Fallzahl, wie viele Aufsteigerkarrieren haben Sie untersucht?

Prof. Dr. Aladin El-Mafaalani, der Träger des Augsburger Wissenschaftspreises für interkulturelle Studien 2013.

Prof. Dr. Aladin El-Mafaalani, der Träger des Augsburger Wissenschaftspreises für interkulturelle Studien 2013.


El-Mafaalani: Für die Promotion waren’s 14 Fälle, mittlerweile sind es 40 und ich arbeite weiter an dem Thema. Am Ende werden es hundert untersuchte Fälle sein, die die Konrad-Adenauer-Stiftung im Herbst veröffentlichen wird. Dann sind zum Beispiel auch Menschen mit vietnamesischem Migrationshintergrund dabei – anfangs habe ich mich ja nur mit Türkisch- und Deutschstämmigen, also Menschen mit und ohne Migrationshintergrund, beschäftigt. Und unter den dann 100 Interviews waren 40 „Extremaufsteiger“. Das ist für eine qualitative Studie sehr viel.

DAZ: Aus welchen Berufsfeldern stammen die?

El-Mafaalani: Aus allen Branchen: Verwaltung, Wissenschaft, Manage-ment, Kultur, Politik … Es ging nur um Spitzenpositionen im Bereich der oberen 10 Prozent der Bevölkerung.

DAZ: Wie definieren sich diese „oberen 10 Prozent“?

El-Mafaalani: Das beginnt bei einem Jahreseinkommen ab 65.000 Euro.

DAZ: Hört sich gar nicht so viel an …

El-Mafaalani: Das könnte man tatsächlich meinen. Es ist aber so, dass man mit einem Einkommen ab 100.000 schon zu den obersten 5% gehört. Einige von meinen Interviewpartnern gehören sogar zu den obersten 3%. Aber ich habe mich nicht nur am Einkommen orientiert. Ich habe mich an den Soziologen Pierre Bourdieu angelehnt, der die Oberschicht nicht nur nach Einkommen, sondern auch nach Spitzenpositionen und anhand des Bildungsniveaus definiert. Ein Oberstaatsanwalt beispielsweise gehört nicht zur Einkommensspitze, aber von Macht und Einfluss her gehört er zur Oberschicht.

„Ich habe schon das Gefühl, dass sich was tut“

DAZ: Kann man die Ergebnisse ihrer Untersuchung wirklich verallgemeinern oder sind sie nur ein Ansatz für tiefer-gehende Forschungen?

El-Mafaalani: Man muss bei bestimmten Dingen tiefergehend weiterforschen, das ist klar. Wichtig war zunächst, dass der Forschungsstand zusammengefasst wird, auch die internationalen Studien betreffend. Man kann meine Studie nicht verallgemeinern im Sinne von Repräsentativität. Aber man kann schon sagen, dass es Generalisierungspotential gibt. An diesen Stellen wird man sicherlich auch weitergehende Fragestellungen entwickeln müssen.

DAZ: Ändert sich ihre Ansicht nach derzeit etwas in Deutschland in Bezug auf die Behandlung von Migranten?

El-Mafaalani: Ich habe schon das Gefühl, dass sich was tut, wenn ich mal an die Zeit vor dem Jahr 2000 zurückdenke. Damals waren sich alle einig, also wirklich alle, dass man gar nichts tun muss. Die einen, die Konservativen, haben von den „Ausländern“ erwartet, sich im Sinne von Assimilation einseitig und selbstständig anzupassen, was ja bedeutet, dass man an einer homogenen Gesellschaft festhält. Die anderen, insbesondere die Grünen, orientierten sich an der Leitidee einer multikulturellen Gesellschaft, was ja bedeutet, dass viele Kulturen nebeneinander leben. Diese beiden extremen Vorstellungen von Migration und Integration sind Illusionen. Aber sie konnten sich lange Zeit halten, weil sie sich in einem einig sind: man müsse politisch praktisch nichts tun. Seit PISA aber muss die deutsche Gesellschaft mit einer tiefen Kränkung klarkommen: Das „Land der Dichter und Denker“ ist europaweit, was die Bildung anbelangt, im unteren Drittel, und was die gleichberechtigten Bildungschancen anbelangt sogar auf einem der letzten Plätze. Hinzu kamen dann noch die New Yorker Anschläge vom 11. September 2001 – das waren die Ereignisse, mit denen klar wurde, dass man was tun muss. Und wenn man was tun muss, bedeutet das erstens, dass man nicht mehr passiv bleiben kann, und zweitens, dass man nicht mehr einseitige Forderungen nach Assimilation aufrechterhalten kann, sondern auch gesellschaftliche Änderungen notwendig werden.

„Jetzt gibt es eine ökonomische Notwendigkeit“

DAZ: Aber was wäre jetzt zu tun?

El-Mafaalani: Uneinigkeit besteht nun natürlich nach wie vor darin, was genau getan werden soll. Das ist normal. Normativ gesehen muss man zwar sagen, es ist immer richtig, sich um Migranten zu kümmern. Aber jetzt gibt es auch noch ‘ne ökonomische Notwendigkeit – man denke insbesondere an die demographische Entwicklung.

Vieles ist in Deutschland sehr schwer durchzusetzen, zum Beispiel richtig gute Ganztagsschulen, die über Ganztagsbetreuung hinausgehen. Es gibt auch eine Tradition, sehr stark zu selektieren. Hauptschule, Realschule, Gymnasium – das sind drei Klassen, die sich aus der Industriekultur erhalten haben. Hier wurde Staatsideologie in die Institutionen weitergetragen. Das ist in anderen Gesellschaften anders: Es gibt Gesellschaften mit einer Schulform, einem Rentenwesen, einer Sozialpolitik, einer Familienpolitik. Der deutsche Staat aber unterstützt jedes Kind anders – je mehr Eltern verdienen, desto mehr profitieren sie zum Beispiel von der Steuergesetzgebung. Bis die Berufsarbeit kommt, können das bei uns mehrere 100.000 Euro Unterschied werden, was das einzelne Kind an Zuwendungen bekommt. Da geht’s um organisierten Statuserhalt.

„Die verheerende Lage der kommunalen Finanzen kennen wir“

In Schweden gibt’s keine Steuervergünstigungen für Verheiratete. Dort werden die Kinder stärker und zugleich sehr egalitär unterstützt – der Unterschied zu hier Deutschland ist enorm. Ich will das gar nicht werten, das ist ein historisch-kulturelles Ding. Und um da ranzugehen, müsste man die Steuerpolitik, die Sozialpolitik, die Familienpolitik und die Bildungspolitik in allen Bundesländern gleichzeitig ändern. Das wird noch lange dauern. Aber allein die Lehrerausbildung zu ändern, nützt leider gar kaum. Die sozialen Probleme hängen zudem mit weiteren Politikfeldern zusammen. Eines der wichtigsten politischen Felder ist die Kommunalpolitik, da in diesem Kompetenzbereich Entscheidungen getroffen werden, die Kinder und Jugendliche im Alltag unmittelbar erleben, insbesondere im jeweiligen Stadtteil. Und die verheerende Lage der kommunalen Finanzen kennen wir.

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Mit Prof. Dr. Aladin El-Maffalani sprach DAZ-Redakteur Frank Heindl.