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Freitag, 17.09.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

“Genauso wie die Welt sich ständig und rasant verändert, tue ich das auch”

Interview mit Patrick Wengenroth

Ob das diesjährige Brechtfestival, das am kommenden Freitag mit einer Doppelpremiere beginnt, unter seinem neuen künstlerischen Leiter Patrick Wengenroth ein Erfolg wird oder nicht, lässt sich nicht aus dem Programmheft herauslesen. Was sich aber vorab sagen lässt, lässt sich sehr wohl vom Programmheft ableiten: Wengenroth und Co. legen nach acht Jahren “Brechtfestival-Schlagermusik” eine neue Platte auf, vermutlich eine richtig aufregende. “Warum sollte ich unbedingt das Festival mit meiner Revue eröffnen? Das wäre ja wahnsinnig eitel. Ich bin ein Baustein im Rahmen einer gesamten Festival-Textur und das ist auch gut so.” So Patrick Wengenroth im Gespräch mit DAZ-Herausgeber Siegfried Zagler.

Patrick Wengenroth (c) DAZ

Patrick Wengenroth (c) DAZ


DAZ: Herr Wengenroth, soviel ich weiß, gab es bereits 2015 (oder wars schon 2014?) eine Kontaktaufnahme zwischen der Stadt (Thomas Weitzel) und Ihnen. Wie sah das aus?

Wengenroth: Es gab im Verlaufe des Jahres 2015 erste Gespräche mit der Schauspieldirektion des Theaters Augsburg – Maria Linke und Oliver Brunner – über eine Zusammenarbeit mit mir als Regisseur. Anfang 2016 gab es dann erste Signale seitens der Kulturpolitik der Stadt Augsburg, mit mir über die Künstlerische Leitung des Brechtfestivals 2017 ins Gespräch zu kommen. In Anbetracht des nun in zwei Tagen beginnenden ersten Festivals unter meiner Leitung finde ich es aber – ehrlich gesagt – etwas müßig diesen Kommunikationsweg nochmals darzustellen. Mein Entwurf fand letzten Endes die Zustimmung der Verantwortlichen und nun steht das Programm und jeder hat jetzt endlich die Gelegenheit, sich in den kommenden 10 Festivaltagen selbst ein Bild zu machen, und mit mir und den eingeladenen Künstlern darüber in einen Dialog zu treten: über Brecht, das Festivalprogramm und die Frage, ob Kunst ein Motor zur Veränderung unserer Welt sein kann.

DAZ: Mit welchen Vorgaben seitens der Stadt sind Sie an die Programmgestaltung herangetreten? Gab es welche – oder ließ man Ihnen komplett freie Hand?

Wengenroth: Ich hatte bei meinem Entwurf einer ersten Programmskizze für das Brechtfestival 2017 komplett freie Hand und war sehr erfreut, dass das Interesse an meinen Ideen letzten Endes dazu geführt hat, mich mit dieser schönen Herausforderung der Festivalleitung zu beauftragen.

DAZ: Ihr Programm empfinde ich auch auf den zweiten Blick insgesamt als ungeheuer aufregend, aber zwei Dinge stören mich auch nach dem dritten Blick. Warum eine zeitgleiche Doppelveranstaltung zum Festivalbeginn?

“Das Programm soll zeigen, wie unterschiedlich und multiperspektivisch die Auseinandersetzung mit Brecht aussehen kann”

Wengenroth: Das ist ja das schöne an einem Festival und an Leitungsverantwortung: man wird es nie allen recht machen können. Die Doppeleröffnung soll – genauso wie das gesamte Festivalprogramm – zeigen, wie unterschiedlich und multiperspektivisch die Auseinandersetzung mit Brecht heutzutage aussehen kann. Das Publikum darf und muss sich für etwas entscheiden – auch hier ist, ganz im Sinne Brechts, der „aktive Zuschauer“ gemeint. – Und warum sollte ich unbedingt das Festival mit meiner Revue eröffnen? Das wäre ja wahnsinnig eitel. Ich bin ein Baustein im Rahmen einer gesamten Festival-Textur und das ist auch gut so.

DAZ: Okay, aber warum soll als Festivalort ausgerechnet die Bar des Hofmannkellers mit Catering funktionieren? Das ist ein Kellerloch, ohne Gastronomie-Geschichte und ohne Akzeptanz. Warum haben Sie keine richtige Kneipe als Ort des Festivals ausgesucht?

Wengenroth: Der bei uns nun als “Brechtkeller” bezeichnete Hoffmannkeller ist einfach ein Angebot, um sich am Abend an einem zentralen Ort treffen zu können, um sich über das Erlebte auszutauschen. Wir werden ja sehen, ob das Angebot wahrgenommen wird oder nicht. Zudem war es mir in diesem Jahr wichtiger, noch die eine oder andere Veranstaltung mehr hinzubekommen, als dieses Geld für die Neuschaffung einer Festivalzentrale auszugeben. Dieser Gedanke eines zentralen Ortes hat ja auch, ehrlich gesagt, in den letzten Jahren nie wirklich funktioniert.

“Der Gedanke eines zentralen Ortes hat in den letzten Jahren nie wirklich funktioniert”

DAZ: Die Berliner taz schrieb 2012 über Ihr Wirken in Berlin: “Musik, Performance, und doch Identifikation mit den Figuren: Wengenroths Theater bewegt sich jenseits aller Schulen. Zu schräg für die Schaubühne, zu traditionell für das Hebbel am Ufer, nie ist es recht in Berlin. Und deshalb oft gerade richtig.” Wie würden Sie das Programm des Brechfestivals in Ihrer Eigenschaft als künstlerischer Leiter sehen, müssten Sie es auf einen Nenner bringen?

Wengenroth: Genauso wie die Welt sich ständig und rasant verändert, tue ich das auch und in der Folge davon verändert sich natürlich auch meine Arbeitsweise als Regisseur ständig. Ein Glück, sonst würde es ja auch furchtbar langweilig werden.

DAZ: Klingt spannend und irritierend zugleich, nun ein Wunsch zum Festival!

“Ziel der Theaterarbeit kann es nur sein, der Mühseligkeit des Denkens Attraktivität zu erspielen”

Wengenroth: Wenn ich in Verbindung mit dem Festivalprogramm einen zentralen Gedanken oder Wunsch formulieren sollte, dann diesen – von Sepp Bierbichler geklauten: „Ich halte dafür, Ziel von Theaterarbeit kann es nur sein, der Mühseligkeit des Denkens Attraktivität zu erspielen. Dafür muss Theater unterhaltsam sein.“ – Und zudem eben aber auch mutig und streitbar.

DAZ: Was erhoffen Sie sich am Ende des Tages vom Brechtfestival 2017, worin unterscheidet sich Ihr Anliegen von dem formulierten Ziel Ihres Vorgängers?

Wengenroth: Ich wünsche mir, dass möglichst viele Menschen aus den unterschiedlichsten Generationen und Kontexten sich dazu verführen lassen, einzelne oder mehrere Veranstaltungen zu besuchen, um sich von uns inspirieren und herausfordern zu lassen. Dabei bin ich vor allem gespannt, ob unsere beiden Themenschwerpunkte – die Beziehung von Brecht und Walter Benjamin und die damit verknüpfte zweite Eigenproduktion dieses Jahres „Krise ist immer“ sowie der Feminismus-Tag – ihr Publikum finden werden.

DAZ: Verfolgen Sie auch eine inhaltliche Vision?

Es soll darum gehen, Inspiration zu sammeln, um gemeinsam Ideen und Lösungen für eine friedvolle, pluralistische und chancengleiche Gesellschaft zu erarbeiten

Wengenroth: Das Festival soll einen Mehrwert für den Augsburger, aber auch für die beteiligten Künstler und Wissenschaftler haben: sich mittels Kunst-Werken über unsere Welt und ihre Zuständlichkeit abzugleichen, um so letzten Endes Motivation und Inspiration zu sammeln, um gemeinsam an Ideen und Lösungen für eine friedvolle und pluralistische und chancengleiche Gesellschaft zu arbeiten.

DAZ: Selcuk Cara versucht Brechts “Maßnahme” in die aktuelle Situation der EU-Flüchtlingspolitik zu übersetzen, so kann man das zumindest aus dem Programmheft entnehmen. Ist das nicht zu weit hergeholt? Wie kamen Sie auf die gewagte Idee, Cara, der keine Theater-Regieerfahrung hat, als Bühnen-Regisseur für ein extrem sperriges Lehrstück zu verpflichten?

“Natürlich ist das ein Wagnis”

Wengenroth: Ob dieser Ansatz von Selcuk Cara aufgeht, kann ich Ihnen im Vorwege natürlich nicht versprechen, aber ich finde ihn spannend und es ist ja beileibe auch nicht der einzige Gedanke, der seiner Inszenierung zugrunde liegt. Natürlich ist das ein Wagnis, aber genau das war ja der Grund, ihn einzuladen. Seine Leistungen als Sänger, Autor und Filmemacher sprechen für sich. Ihn jetzt als Regisseur zu beauftragen sehe ich als schönes und lustvolles Experiment. Insofern kann ich nur jeden ermutigen eine der vier Aufführungen zu besuchen, denn dieses Projekt ist in vielerlei Hinsicht einzigartig und wird sich in der Form nicht wiederholen lassen.

DAZ: Wie sieht Ihre “Brechtwelt” aus? Was hat Sie an seinem Werk am meisten beeindruckt? Was würden Sie hier in Augsburg noch gerne umsetzen, wenn man Sie ließe?

Wengenroth: Ach, meine Brechtwelt… gibt es die?

DAZ: Gibt es einen Theaterkünstler ohne Brechtwelt?

Wengenroth: Mich interessieren immer wieder neue Aspekte an seinem Werk. Derzeit vor allem seine früheren Werke – Baal, Fatzer, Dickicht – in all ihrer Rohheit und Krudität. Zudem merke ich, dass es mir immer hilft, wenn ich seine Texte unabhängig von der biografischen Person Brecht lese und versuche diese Sätze und Figuren auf unsere gegenwärtige Lebensrealität anzuwenden. Das empfinde ich dann als unheimlich bereichernd und sehr modern.

DAZ: Gibt es einen Brecht-Ausblick in die Zukunft?

Wengenroth: Ich versuche „immer mehr“ mir „immer weniger“ vorzunehmen. Für hier und heute gesprochen: Ich möchte jetzt erstmal zehn auf- und anregende Festivaltage erleben und danach zufrieden und müde nach Berlin zu meiner Familie fahren und ein paar schöne und geruhsame Tage ohne Kunst haben.

DAZ: Herr Wengenroth, vielen Dank für das Gespräch. — Fragen: Siegfried Zagler