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Mittwoch, 20.10.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

Genauso gut könnte man im Kostüm eines chinesischen Reisbauern auftreten

Warum Trachtenmode auf dem Augsburger Plärrer nichts verloren hat

Von Siegfried Zagler

Peter Grab und Sabine Gentner auf dem Cover der aktuellen TRENDYone-Ausgabe

Peter Grab und Sabine Gentner auf dem Cover der aktuellen TRENDYone


Der 2. Mai 2008 war ein wunder­schö­ner Frühlingstag, die Menschen saßen in Sommer­kleidung vor den Cafes der Maximilian­straße, der Himmel war blau und im Rathaus fand die konstitu­ierende Sitzung des neu gewählten Stadt­rates statt. In der Augsburger Allgemeinen erschien eine ganzseitige Unterstützer-Anzeige für Eva Leipprand, die an diesem Tag ihren Geburtstag feierte. Man solle, so der Tenor der Anzeige, Eva Leipprand wieder als Kultur­referentin wählen. Daraus wurde nichts. Leipprand wurde an diesem Tag aus dem Amt gekegelt – von einem Mann, der einen schwarzen Smoking mit einer großen roten Fliege trug. „Was kann man von einem Kultur­referenten und Bürger­meister erwarten, der nicht weiß, wie man sich zu kleiden hat“, so ein Kommentar aus dem Publikum. Vier Jahre und vier Monate später nun die eindeutige Antwort: Nicht viel. Die Rede ist von Peter Grab.

Joschka Fischer hat sich in den Achtzigern zurecht im SPIEGEL über das Gepöbel aus dem bürgerlichen Lager mokiert. Damals sah sich Fischer Anfeindungen ausgesetzt, weil er ohne Krawatte und Jeans sowie mit weißen Nikes, die damals noch Turnschuhe hießen, sich zum ersten Grünen Umweltminister im Hessischen Landesparlament vereidigen ließ. Es sei erstaunlich, dass sich Leute in Anzügen von der Stange darüber aufregten, schließlich sei er in feinstem Designerzwirn angetreten, so Fischer, der später als Außenminister kein Risiko einging, zumindest was das Outfit betraf.

Über Peter Grab lässt sich das nicht sagen. Im ersten Jahr seiner Amtszeit verfestigte sich der Eindruck, Augsburgs dritter Bürgermeister und Kulturreferent besitze nur ein Sakko, eine Jeans, zwei zwei Paar Schuhe und drei C&A-Hemden, die er natürlich ohne Krawatte trug, was die Koalitionäre aus den Reihen der CSU stärker irritierte als zum Beispiel die DAZ. Im Lauf der Zeit hat sich Augsburgs dritter Bürgermeister zwei bis drei zusätzliche Sakkos angeschafft und möglicherweise auch ein paar Hemden, die „ein wenig mehr hermachen“. Auch der Smoking mit dem Achtziger-Jahre-Charme wird von Grab nur noch zu passenden Anlässen vom Speicher geholt. Vielleicht hat Augsburgs Kulturreferent in Kleidungsfragen ein wenig dazu gelernt, vielleicht hat man sich an das erschütternde Stil-Defizit bei Peter Grab aber nur gewöhnt und beachtet es nicht mehr. Längst sind die Zeiten vorbei, als die Ältesten unter den Augsburger Bürgern befragt wurden, ob sie sich daran erinnern können, wann es zuletzt einen dergestalt schlecht gekleideten Politiker im Augsburger Rathaus gegeben hat. Dresscodes und Stilfragen sind kein Kinderkram, aber auch nicht bedeutsam genug, um diesbezüglich ein Füllhorn Gift auszugießen. – Doch nun das: Peter Grab und seine Lebensgefährtin Sabine Gentner modeln im regionalen Lifestyle-Magazin TRENDYone für bayerische Trachtenmoden. Ein beachtlicher Vorgang für einen Augsburger Kulturreferenten, aber noch lange nicht so beachtlich daneben wie der Smoking am helllichten Nachmittag zu Beginn seiner Amtszeit.

Er könne sich vorstellen, mit vollem bayerischen Ornat den Augsburger Plärrer zu besuchen, so Peter Grab. Und endlich sind wir dort, wo wir hinwollten: beim Spott. Der Augsburger Plärrer kann auf eine mehr als tausendjährige Tradition zurückblicken. Er ist entstanden, weil im Stadtgebiet verteilt zahlreiche Dulten stattfanden. Die Vergnügungsbetriebe wurden nach Beschwerden wegen Lärms im Jahre 1878 vor die Tore Augsburgs verlagert und somit zu einem großen Volksfest entwickelt. Vom „Geplärre“ der Besucher wurde auch der Name Plärrer abgeleitet. Der Plärrer hat eine hat lange Stadt-Geschichte, ist ein klassisches Augsburg-Phänomen und hat somit mit der Bayerischen Fest-Tradition sowenig zu tun, wie der „chinesische Nippes-Stand“ vor dem Schallerzelt mit der Verbotenen Stadt. Nun muss man einräumen, dass in Zeiten der Globalisierung und der Migration von den Bierzeltbetreibern vermehrt Blaskapellen aus dem östlichen Umland engagiert werden. Muss man zugeben, dass weltweit Bierzelte als bayerisches Kulturgut angesehen werden und die bayerischen Blaskapellen aus dem östlichen Umland selbstverständlich auch in Augsburger Bierzelten die Lederhosen-Rituale abspulen dürfen: Oans zwoa gsuffa. Und vielleicht muss man auch einräumen, dass Augsburg politisch tatsächlich in Bayern liegt und man sozusagen dem Umland östlich von Augsburg mit Imitaten ihrer historischen Trinkgewohnheiten kulturell ein wenig entgegenkommen will. Das Tragen einer bayerischen Tracht auf dem Plärrer bleibt dennoch eine folkloristische Handlung. Genauso gut könnte man im Kostüm eines chinesischen Reisbauern auftreten – oder in einem schwarzen Smoking.