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Mittwoch, 04.08.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

Geistreich, witzig, virtuos

Wer liebt, ist nicht grundtönig: Stefan Mikischs Einführung in Wagners Tristan

Von Bernd Wißner

Bernd Wißner ist Augsburger Verleger und Theaterfan.

Bernd Wißner ist Augsburger Verleger und Theaterfan.


Ich leide. Ich habe einen wunderschönen Abend erlebt, geistreich, witzig und virtuos, und soll das nun anderen mitteilen. Wozu? Es nützt ja nichts, der Abend war einmalig (im doppelten Sinn). Deshalb leide ich, und das tue ich in F-Moll! Das behauptet jedenfalls Stefan Mikisch, der gleichermaßen Pianist, Opernführer und Musikwissenschaftler ist und uns vor gut gefülltem Theater Augsburg den Tristan nahebringen will.

Und das macht er in C-Dur, heiter, rein und triumphierend. Sicher, ganz unumstritten sind die Charaktere der Tonarten nicht, doch wenn Mikisch sie beschreibt und dazu spielt, passt alles. Es geht um Wagner, also beginnt er mit Beethoven, dem Zentrum der klassischen und dem Beginn der romantischen Musik. Dann Sprung zu Wagner, dem Zentrum der romantischen Musik, und Landung bei Tristan: Es gibt Musik vor Tristan und nach Tristan (das könnte banal sein), denn mit Tristan beginnt die Atonalität (das sitzt). Schon beginnt er entsprechende Stellen brillant vorzuspielen und gleitet am Schluss, ohne Bruchstelle, zu Schönberg über. Dies ist eine von Mikischs Stärken: der nahtlose Vergleich mit Vor- und Nachgängern, sowohl im Hinblick auf die Wirkung von Empfindung und Tonart als auch auf angelehnte Themen.

Sich selbst vergessen und doch die Tasten treffen

Wenn Tamino in gleicher Tonart in drei Minuten auf den Liebesleidhöhepunkt kommt, so dauert das bei Tristan dreieinhalb Stunden. Und das Publikum leidet mit. Wenn Zauberflöte-Librettist Schikaneder schreibt: „… dies Etwas kann ich gar nicht nennen, doch fühl ich‘s hier wie Feuer brennen“, so ist das der ganze Tristan! Zwischendurch werden Anekdoten eingestreut: Wir haben den Tristan dem Kaufmann Wesendonck zu verdanken. Wagner liebte Mathilde Wesendonck, deren Mann sein Künstlerleben finanzierte. Doch sie blieb ihrem Mann treu, worauf Wagner in eine tiefe Depression fiel. Das war gut so, denn nur wer leidet, kann so große Kunst schreiben. Wäre Otto Wesendonck ein Langweiler gewesen, hätte Mathilde ihn verlassen und es gäbe keinen Tristan!

Im zweiten Akt des Dramas kann die Liebe nicht gelebt werden, und das in B-Dur, einer Tonart, die Zukünftiges voraushofft, Chopin und Schuhmann werden vorweggenommen. In der Partitur steht: laute Hörner aus der Ferne. Warum nicht leise Hörner aus der Nähe, die Dezibel-Zahl ist die gleiche? Weil die Stimmung eine andere ist! Mit unzähligen Beispielen dieser Art führt Mikisch sein Publikum durch den Tristan. Verbales Zwischenspiel zum Atemholen: Ist Ihnen schon mal aufgefallen, dass viele der Helden bei Wagner ohne Vater aufwachsen mussten, Siegfried, Parzival, Tristan? So wie Wagner selbst!

Je weiter der Abend fortschreitet, umso intensiver werden das Klavierspiel und die stets bruchlos einfließenden Vergleiche mit bekannten anderen Werken. Hier wurde vom Publikum eine gewisse Kenntnis der klassischen Musik verlangt. Nach einem besonders großen Zwischenapplaus gesteht Mikisch: Ein Interpret muss sich vergessen können, muss die Kontrolle über sich völlig aufgeben und gleichzeitig behalten, sonst würde er ja die Tasten nicht treffen. Es muss so sein und ist doch unmöglich. Bei Stefan Mikisch aber klappt es. Großer Applaus, viele Bravi, also neudeutsch: gefällt mir.

Richard Wagners Oper „Tristan und Isolde“ hat unter der Regie von Rosamund Gilmore am kommenden Samstag, 12. März um 17 Uhr im Großen Haus Premiere. Die Musikalische Leitung: Dirk Kaftan. Mehr auf der Theater-Homepage.