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Freitag, 05.06.2020 - Jahrgang 12 - www.daz-augsburg.de

Gaswerk: Bastelarbeit mit Bastaqualität

Warum die neueste Geschichte des Gaswerks eine Geschichte ist, die für Unbehagen unter den Kulturschaffenden sorgt



Von Peter Bommas


Das im Eigentum der Stadtwerke befindliche Gaswerksgelände in Oberhausen

Das im Eigentum der Stadtwerke befindliche Gaswerksgelände in Oberhausen


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Die Stadtregierung überrascht in der Vorweihnachtszeit mit Selbstgebasteltem, kostspielig in Geschenkpapier gewickelt von der armen Stadtwerke-Tochter. Der Dringlichkeitsantrag zum Gaswerkprojekt im Kultur- und die weitergehende Beschlussvorlage im Bauausschuss mit den Auswirkungen zur Diskussion um die Theatersanierung und den geplanten Umzug des Kulturpark West sowie der Beschluss im Gesamtstadtrat dazu am 17. Dezember 2015 tragen aktionistische Züge, werden aber von der Stadt als gesetzte Bausteine einer Stadtentwicklungspolitik verkauft. Dabei zeigt sich, dass das Dreierbündnis auf die sedierende und zermürbende Wirkung scheibchenweise verabreichter „Tatsachenentscheidungen mit Bastaqualität“, auf die Vergesslichkeit und die Schicksalsergebenheit mancher Stadträte, vieler Bürger und kultureller Akteure setzt.

Deshalb zunächst als „Aufwacherle“ ein paar Zeilen zur Geschichte der Option „Kreativquartier Gaswerk“.

Wie alles anfing

Vor nunmehr über drei Jahren, im Frühjahr 2012, wurde die Industriebrache Gaswerk – auch gerne gehandelt als „industriekulturelles Denkmal von europäischer Dimension“ – nach mannigfachen Versuchen zur Verwertung (siehe u.a. die Bemühungen von Prof. Ganser) als Option für die dauerhafte Einrichtung eines Kreativquartiers mit dem „Herzstück“ Kulturpark West vom Aufsichtsrat der WBG und dem Baureferat ins Spiel gebracht. Nicht zuletzt, um ab Herbst 2017 eine schnelle Verwertbarkeit des Reeseareals für hochwertigen Wohnungsbau sicher zu stellen und gleichzeitig das über 10-jährige Trauerspiel um die gescheiterten Verkaufsbemühungen der ehemaligen Gaswerkflächen zu beenden.

Ofenhaus-Präsentation

Ofenhaus-Präsentation


Mit großem Einsatz von Stadtplanern und Denkmalschützern konnten die Stadtwerke als Eigner des Geländes von der Notwendigkeit einer kulturellen Umnutzung des Altbestands überzeugt werden. Der damalige Stadtwerkevorstand wurde in seinen letzten beiden Amtsjahren sogar zum überzeugten Verfechter einer Kulturpark-Perspektive auf dem Gaswerkgelände. Eine Machbarkeitsstudie mit Skizzierung eines Raumprogramms wurde für viel Geld (zirka. 220.000 Euro) und unter massivem Zeitdruck 2013 bei einem hochkarätigen Architekten- und Stadtentwicklungskonsortium unter Mitarbeit der gemeinnützigen Kulturpark West GmbH in Auftrag gegeben, im Dezember  2013 abgeschlossen und schließlich im Januar 2014 präsentiert: Knapp 10.000 Quadratmeter „Kreativfläche“ wurden mit Ideen und unter  Zustimmung des Denkmalschutzes in den Gebäudealtbestand eingeplant, eine sukzessive Nachverdichtung mit Gewerbe- und Büroflächen raumplanerisch vorgeschlagen (Turmbauten). Ein erster Finanzierungsrahmen von zirka 25 Millionen Euro wurde veranschlagt und eine möglichst rasche Bauleitplanung vorgeschlagen – vorauseilender und erwünschter „Wildwuchs“ zur Inbesitznahme der Brache durch Kulturpiraten inklusive. – Daraus sollte nichts werden.

Nebeneffekt statt Herzstück

Ende Januar 2014 übernahm die Stadtregierung unter Oberbürgermeister Kurt Gribl die Deutungshoheit für das Gaswerkprojekt und kündigte eine „Zukunftswerkstatt“ an, um das Projekt „breiter“ aufzustellen. Die Stadtwerke traten in den Hintergrund und die Machbarkeitsstudie verschwand in der Schublade. Der Wahlkampf zur Kommunalwahl war in der heißen Phase und zwei Monate nach der Wahl wurde das Thema wieder aufgegriffen, aber die angekündigte Zukunftswerkstatt immer wieder vertagt, bis sie dann im Spätherbst 2014 endlich stattfand – als partizipatives Brainstorming von zirka 170 kulturaffinen Akteuren mit einem „Wunschkonzert“,  bei dem die ursprüngliche Idee eines „Kulturpark West als Herzstück“ nur noch als Nebeneffekt. Dann vergingen wieder vier Monate bis zur öffentlichen Präsentation der Ergebnisse dieser Zukunftswerkstatt im Stadtrat im April 2015, die mit dem Hinweis schloss, dass nun eine nichtöffentliche „Planerwerkstatt“ unter Federführung des Stadtplanungsamtes die Ideen des Beteiligungsprozesses „Zukunftswerkstatt“, der Planungen der „Machbarkeitsstudie“ und möglicher Optionen europäischer Förderstrukturen (EFRE) bis zum Spätsommer 2015 zu einer Beschlussvorlage entwickeln würde. Kreativer Wildwuchs als Vorwegnahme innovativer Quartiersentwicklung – Fehlanzeige!

Augen zu und durch

Peter Bommas

Peter Bommas


Ende Dezember 2015 sind nun über 12 Monate seit dem inhaltlichen Diskurs in der Zukunftswerkstatt vergangen, mit den Teilnehmern von damals und den aktuell Betroffenen aus dem Kulturpark wurde mehr schlecht als recht kommuniziert. Sie alle erfahren jetzt aus der Augsburger Allgemeinen den neuesten Plan zum Kreativquartier Gaswerk, der gravierende Planungsänderungen enthält und von der Not und dem Elend der Theatersanierung gezeichnet ist und nur sehr entfernt an den Diskurs aus 2013/2014 erinnert: Ein großer Teil des nutzbaren Altbestandes – das als Atelier- oder Probenraumzentrum geplante Ofenhaus –  wird für die Interimsspielstätte des Theaters (2017-2024) umgebaut, die Brechtbühne beim Stadttheater abgerissen und dort eingebaut, ein angehängter Neubau (5000qm für Probebühnen, Werkstätten, Büros etc.) auf der Fläche dahinter erstellt, womit ein wesentlicher Teil der „Ersatzfläche Kulturpark“ für dessen Entwicklung unbrauchbar wird. Der Verweis darauf, dass diese „Theaterbauten“ nach 2024 für die Kreativen weiter genutzt werden können, wirkt angesichts der veranschlagten Kosten von zirka 17 Millionen für diese Theaterzwischennutzung und einem genannten Zeitfenster von 7-8 Jahren blauäugig und in finanzieller Hinsicht desaströs. Bei einem solchen Investitionsvolumen wäre es geradezu fahrlässig, das Theater dort wieder „heraus zu bauen“ – es müsste dort bleiben und auf Dauer als Magnet für das neue Quartier dienen!

Atelier- und Probenräume für Künstler tauchen in einer gewollten „Gemengelage“ mit Gewerbeeinmietungen und kreativwirtschaftlicher Nutzung auf der Parkplatzfläche vor den Tanksilos in Systembauweise als einstöckige, wallförmig angelegte Leichtbauten gegenüber dem Deuterpark auf. Das ergibt ein maximales Raumprogramm für die Kunst im Umfang von vielleicht 1500 Quadratmeter, was gerade Mal einem Gebäude (von drei Gebäuden) des jetzigen Kulturparks entspricht. Die Probenräume für Bands sind nicht explizit ausgewiesen, sollen wohl in amputierter Form (maximal 45 – 50 Räume) auf zwei geplanten Etagen im Scheibengasbehälter entstehen. Platz für Workshopräume, Tanzräume, Theaterprobenräume, Projekträume wie im jetzigen Kulturpark sind nicht ausgewiesen. Das „Reinigerhaus“ bleibt wegen der schwierigen kleinteiligen Umnutzung aufgrund statischer Probleme außen vor und wird als Location für einen „Klub“ gehandelt. Der Werkstatttrakt hinter dem Ofenhaus bietet schon in der Machbarkeitsstudie nicht mehr als 10 – 15 Künstlern Platz. Außerdem muss die Vermietung der Neubauten den Stadtwerken als Eigner und Träger auch eine merkbare Refinanzierung bringen. Eine Schwarze Null ist das angestrebte Ziel, deshalb sind Mieteinnahmen ausdrücklich als fester Bestandteil der Entwicklungsmaßnahme neben Bankkrediten und Grundstücksverkäufen eingeplant.

Planen und Bauen als Bricolage

Blick vom Gaskessel auf das Gaswerk (Bild: Kleeblatt-Film)

Blick vom Gaskessel auf das Gaswerk (Bild: Kleeblatt-Film)


Gleichzeitig fällt auf, dass die Stadtwerke als Entwickler und Finanzierungsgesellschaft wieder ganz vorne dran stehen. Die Trägerschaft soll eine von der SWA-Holding zu gründende GmbH & CoKg übernehmen. Die Stadt will dann nur anmieten, das Theater zahlt für seine Interimsräume auch eine „angemessene“ Miete. Die zur Entwicklung eingeplanten und viel beschworenen EFRE-Millionen aus EU-Mitteln sind offensichtlich sang- und klanglos verschwunden, Denkmalschutzmittel können bei der vorgestellten Lösung nur begrenzt zum Zuge kommen (für umgenutzte Altbauten), die Neu- und Zubauten sowie das notwendige Parkhaus (zirka 4 Millionen) als „Brandmauer“ zum Ofenhaus hin kosten zusätzliches Geld. Man erwartet den Einstieg von privaten Investoren als Kommandisten der neuen GmbH&CoKg.

Gleichzeitig steht nun ein strammer Zeitplan fest: Das Theater muss 2017/18 auf das Gelände und hat absolute Priorität. Vorher muss aber das Parkhaus gebaut werden, sonst gibt es keine Nutzungsgenehmigung fürs Ofenhaus. Bauanfrage und Bauleitplanung sowie Bebauungsplan müssen noch im Frühjahr 2016 zum Erfolg führen, damit im Spätsommer die Bagger anrollen können. Deshalb auch die jetzt sehr eilige Beschlussfassung für eine rasche Bauplaung, wo man doch eigentlich die Ergebnisse der Planerwerkstatt mit der interessierten Öffentlichkeit zumindest noch diskutieren wollte und die nächsten Monate noch ein offener Beteiligungsprozess zur Theaterlandschaft läuft.

Letzer Planungstand mit Theaterspielstätte und Parkhaus (Grafik: Stadt Augsburg)

Letzer Planungstand mit Theaterspielstätte und Parkhaus (Rahmenplan)


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Das Konzept könnte funktionieren, wenn das Stadttheater bliebe

Diese aus der Not geborene Lösung mit der Interimsspielstätte des Theaters gilt jetzt als „Motor und Impuls“ für ein entstehendes Kreativquartier. Das könnte funktionieren, wenn Verkehrsanbindung und Aufwertung des Viertels Hand in Hand gingen, aber nur wenn ab 2024 die „Hochkultur“ nicht wieder verschwindet. Niemand in der Stadt kann im Ofenhaus ohne Subventionen ein Theater dieser Größenordung betreiben, schon gar nicht als Off-Theater der freien Szene, das könnte höchstens eine kommerziell ausgerichtete Boulevardbühne mit Gastspielbetrieb. Was also mit den theatergenutzten Interimsbauten ab 2024 passieren soll ist unklar, solche Räume können nicht einfach kleinteilig umgenutzt werden. Bleibt noch Disco- und gastronomische Konzerthallenkultur.

Unterm Strich eine Planung, die Unbehagen und Widerstand erzeugt

Ebenso unklar ist die postulierte Herstellung eines Raumprogrammes für die Musiker, Künstler und Projekte aus dem Kulturpark, die ja nach Aussage von OB Gribl im Herbst 2017 „nicht auf der Straße stehen sollen“. Über 8000 Quadratmeter waren dafür einmal vorgesehen, im aktuellen Plan sind es aufgrund der gewünschten „Durchmischung mit Gewerbe und Kreativwirtschaft“ maximal 3.000.

Mit dieser Planung steht fest, dass das verkleinerte und nach Künstlern, Kreativwirtschaftlern und Gewerbetreibenden sortierte Kulturareal nicht mehr in freier Trägerschaft selbstbestimmt, selbstverwaltet und ohne Intendanz ein „Biotop der freien Szene“ darstellt. Die Künstler und Kulturschaffenden werden wohl von einem städtisch installierten „Kümmerer“ verwaltet und müssen mannigfaltige Kompromisse mit den parallel eingemieteten Gewerbebetrieben eingehen. Das sorgt für Unbehagen und möglicherweise für Widerstand.