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Donnerstag, 05.08.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

G – Eine Stadt sucht „Randalierer“

Der Fritz Lang-Klassiker von 1931 „M- Eine Stadt sucht einen Mörder“ mit Peter Lorre als Kindermörder, dem der aufgebrachte Pöbel auf den Fersen ist, kann heute noch durch seine präzise Gesellschaftsbeschreibung und seine kontrastreichen Schwarz-Weiß-Bilder überzeugen. Eine Serie von Anschlägen auf menschliche Skulpturen sorgt seit einigen Tagen in Gersthofen für eine aufgebrachte Atmosphäre.

Von Siegfried Zagler



Im Oktober 2015 feiert die Stadthalle Gersthofen ihr 20jähriges Jubiläum mit einem Programm, bei dem auch bekanntere Namen wie Haindling, Gerhard Polt, Deborah Sasson sowie die Münchner Philharmoniker vorkommen. Mit der Ausstellung „Alltagsmenschen“ von Christel Lechner verlässt das Kulturamt Gersthofen die Spielstätte. Eine kleine Serie von Kunstzerstörung hat diese Ausstellung in die Schlagzeilen gebracht, was in erster Linie Gersthofens Bürgermeisters Michael Wörle geschuldet ist, der die Täter in einem öffentlichen Anschreiben beschimpfte.

Drei der 22 „Alltagsmenschen“ wurden von Unbekannten zerstört, indem man ihnen den Kopf abschlug oder sie in der Mitte auseinander schlug. Gersthofens Kulturreferent Helmut Gieber will die Ausstellung, die sich in der Innenstadt verteilt, fortführen. „Wenn wir die Skulpturen einhausen oder in geschlossene Räume brächten, würden wir vor diesen Randalierern kapitulieren.“ Bürgermeister Wörle beschimpfte und beleidigte zwischenzeitlich die unbekannten Täter auf seiner Facebookseite mit folgendem Posting: „Liebe Vollidioten und Asoziale! Wenn Ihr glaubt, dass die erneute Zerstörung einer unserer Figuren der Ausstellung “Alltagsmenschen” cool sei, muss ich euch enttäuschen. Diese Aktionen sind sinnlos, niveaulos und einfach nur primitiv. Zumal könnt Ihr Euch der Tat nicht brüsten. Denn bei einer Belohnung von 1.000 € könnt ihr es nicht mal den Kumpels erzählen. Ihr “Vollpfosten”.“

Ein Stadtrat verdoppelte das Kopfgeld auf 2.000 Euro. Das Bürgermeisterposting erhielt auf Facebook über 130 „Gefällt mir“ Angaben und wurde mit drastischen Kommentaren unterstützt: „Für solche Fälle von Hirnlosigkeit gehört die Prügelstrafe wieder eingeführt.“ Weit weniger zimperlich sieht das ein anderer User: “Kopf ab” mit solchen Idioten – hoffe, das die bald geschnappt werden.“ Neben den zahlreichen Bravi in Sachen Bürgermeisterjargon („ Das ist die einzige Sprache, die solche Subjekte verstehen!“), gibt es auch eine zarte Andeutung zur Selbstjustiz: „Genau die Sprache die diese Vollpfosten auch verstehen werden und glaubt uns, wir Bürger sind jetzt noch mehr wachsam euch zu bekommen.“ Bürgermeister Wörle sieht darin offenbar nichts Verwerfliches: „Wir werden uns am Montag intern abstimmen, wie wir weiter damit umgehen werden. Wer etwas weiß oder gesehen hat, sollte sich vertraulich an die Polizei wenden oder direkt im Rathaus melden. Hoffentlich finden wir die Täter!“