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Sonntag, 24.10.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

Fühlbare Farbströme

Erwin Holzhauser im Holbeinhaus

Von Frank Heindl

Zu den Prinzipien des Augsburger Kunstvereins gehört, dass in seinen Ausstellungsräumen im Holbeinhaus keine Augsburger Künstler präsentiert werden. Nur einmal im Jahr darf die Stadt Augsburg als Veranstalter dieses Prinzip durchbrechen – diesmal mit dem Bobinger Künstler Erwin Holzhauser.

„Abstrakter Bogen“: Mit diesem Bild wurde die Holzhauser-Ausstellung angekündigt – es ist in seinen klaren, sehr deutlich rechteckigen Strukturen keineswegs typisch für die größtenteils weitaus dynamischeren Bilder der Ausstellung.

„Abstrakter Bogen“: Mit diesem Bild wurde die Holzhauser-Ausstellung angekündigt – es ist in seinen klaren, sehr deutlich rechteckigen Strukturen keineswegs typisch für die größtenteils weitaus dynamischeren Bilder der Ausstellung.


Holzhauser, der in diesem Jahr 75 wird, ist gelernter Textilgraveur, war Musterzeichner bei der NAK Augsburg und hat die Freie Kunstschule Augsburg besucht. Nach langen Jahren als Chefdesigner in Textildruckereien hat er sich 1985 selbstständig gemacht, hat seit den 90er-Jahren Sommerakademien besucht und Meisterkurse bei Helmut Middendorf und Peter Casagrande absolviert und ist seit 1998 in zahlreichen Ausstellungen in Schwaben und über die Region hinaus vertreten.

Als „überwiegend abstrakt“ charakterisiert der Maler selbst seine im Kunstverein ausgestellten Arbeiten – und in diesem Aspekt unterscheiden sie sich deutlich von Middendorf und Casagrande. Thomas Elsen, Stellvertretender Direktor der Augsburger Kunstsammlungen, stellte denn auch in seinem einleitenden Vortrag fest, der Einfluss dieser „künstlerischen Begleiter“ scheine bei Holzhauser durch, doch habe er sich einen eigenen Stil erhalten. Eine sehr junge Malerei sei das, hinter der man auf den ersten Blick keineswegs einen 75-Jährigen Künstler vermuten würde, das Werk strahle „Wucht, Energie, Dynamik“ aus, der „stark expressive, gestische Duktus“ sei eine Mischung aus „Spontaneität und Komposition“.

In der Tat arbeitet Holzhauser beeindruckend emotional, die meisten der meist großformatigen Bilder ziehen den Beschauer sofort in ihren Bann. Vor allem die im ersten Saal gehängten Werke „Flügel“, „Horizont“ und „Duo“ wirken regelrecht suggestiv. Die Gemälde, im Zusammenhang betrachtet, scheinen sich zu „öffnen“, vom dominierenden Schwarz und Grau zu einem immer stärker hervortretenden weißen Hintergrund. „Farbfelder, Farbklänge, Farbräume“ nennt Elsen die Aufteilung der Arbeiten über die Räume des Holbeinhauses: Vom im ersten Raum vorherrschenden Schwarz geht es zu Rot, zu Ocker, zu Grün.

Neben der kräftigen Farbgebung zeichnen sich die Bilder aber auch durch Reminiszenzen an Holzhausers textile und handwerkliche Vergangenheit aus: Viele Arbeiten bedienen sich der Collagetechnik, oft ist Wellpappe aufgeklebt und übermalt, oft sind auch textile Materialien unter und in der dichten Farbe erkennbar, einmal ist ein Stück Karton mit asiatischen Schriftzeichen regelrecht in die Farbe geklebt, Farbschlieren ziehen sich wie Adern durch die Bilder. Immer wieder überkommt den Betrachter das Bedürfnis, diese Arbeiten „anzufassen“, die Strukturen zu fühlen, sie auch taktil zu „erfassen“ und zu erspüren – doch auch ohne Berührung kann man diese Dreidimensionaliutät geradezu fühlen.

„Aufsatz“ heißt ein Bild, das eine weitere Eigenart demonstriert, aus der Holzhausers Wirkung resultiert: In die fast statisch wirkende untere Hälfte dieser Arbeit brechen von oben massive Farbströme herein – Ausdruck der unglaublich kraftvollen Dynamik, die in all seinen Bildern herrscht.

Die Ausstellung im Holbeinhaus, Vorderer Lech 20, dauert noch bis zum 2. Mai 2011. Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag, 11 bis 17 Uhr.