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DAZ - Unabhängige Internetzeitung für Politik und Kultur
Donnerstag, 06.12.2018 - Jahrgang 10 - www.daz-augsburg.de

Friedensforschung in der Friedensstadt

Die Arbeitsgemeinschaft für Friedens- und Konfliktforschung residiert seit knapp eineinhalb Jahren in Augsburg

Von Frank Heindl

Der Politikwissenschaftler Prof. Dr. Christoph Weller.

Der Politikwissenschaftler Prof. Dr. Christoph Weller


Der Friedensforscher Dieter Senghaas hätte am Mittwoch in der Stadtbücherei sprechen sollen. Organisiert hatten den Vortrag das Friedensbüro und die Arbeitsgemeinschaft für Friedens- und Konfliktforschung (AFK), die seit 2010 ihren Sitz an der Universität Augsburg hat. Grund genug, dachte man sich bei der Stadt, die AFK einmal der Presse näher vorzustellen. Senghaas konnte wegen Krankheit nicht kommen, beim Pressetermin blieb’s trotzdem: Schließlich ist Kulturreferent Peter Grab stolz auf die Ansiedlung der AFK – unter anderem soll die Organisation helfen, das Profil der „Friedensstadt“ zu schärfen.

Ein weiterer Grund, die Geschäftsstelle der AKF nach Augsburg zu holen, dürfte für die Stadt das Argument gewesen sein: hohes Renommee, niedrige Kosten. Tatsächlich sind Nachwuchswissenschaftler beliebte Opfer von Selbst- und Fremdausbeutung. Und so macht die Politologin Pia Popal den Job der Geschäftsführerin eines deutschlandweit bekannten Instituts quasi nebenbei, während sie an ihrer Dissertation arbeitet. Dem Augsburger Friedensbüro kostet das 9000 Euro im Jahr, die Uni legt nochmal denselben Betrag drauf.

Für die AKF ist das trotzdem ein Fortschritt: „Eine professionelle Geschäftsstelle hatte die AFK vorher nie“, sagt Prof. Dr. Christoph Weller, Inhaber des Augsburger Lehrstuhls für Politikwissenschaft, Friedens- und Konfliktforschung und zweiter Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft. Die Aufbauzeit sei vorüber, verkündet Weller, nun beginne für die AFK eine neue Projektphase. Zu den derzeit fünf Arbeitskreisen des Vereins sollen neue kommen, einer beispielsweise zum Thema Migration. Statt der bisher jährlich erscheinenden „AKF-Friedensschriften“, in denen Vorträge und Ergebnisse der jährlichen Kolloquien zusammengefasst werden, wird es zukünftig eine zweimal jährlich erscheinende Fachzeitschrift geben, die höchsten wissenschaftlichen Ansprüchen genügen soll. Unter anderem werden Beiträge für die Zeitschrift im so genannten „double blind“-Verfahren geprüft: Der Verfasser weiß nicht (und wird nie erfahren), wer seine Arbeit prüft, der Prüfer nicht, von wem die Arbeit stammt. Weller selbst ist einer der Herausgeber der Zeitschrift und würde die Redaktion gerne nach Augsburg holen. Was dafür noch fehlt ist, ist leicht zu erraten: das Geld.

Aus etablierten Gesellschaftskritikern wurden Wissenschaftler

Ein „großes Projekt der gebündelten Friedensforschung“, so Weller, wird noch im laufenden Jahr erscheinen: ein Sammelband über 40 Jahre Friedens- und Konfliktforschung. Denn das Forschungsfeld hat mittlerweile eine bedeutende und bedeutsame Geschichte: Während die Protagonisten der Gründerzeit wie der besagte Dieter Senghaas noch stark angefeindete Kritiker waren, die außerhalb staatlicher Organisationen agierten und sich vor allem gegen Bündnispolitik, Auf- und Nachrüstung in der wiedererstarkten Bundesrepublik wandten, ist die moderne Friedensforschung eine wissenschaftlich verankerte „Tochter“ der Politikwissenschaften geworden – an vielen Unis ist sie aus diesem Grund ein Teilaspekt der Politologie im Fach „Internationale Beziehungen“ (siehe auch das untenstehende DAZ-Interview mit Professor Weller).

Der Sammelband, der 40 Jahre Friedensforschung analysiert, passt sehr gut zu Wellers Forschungsanliegen für die nächsten Jahre: Er möchte sich vor allem um die Geschichte der Friedensforschung kümmern, will wissenschaftlich nachvollziehen, wie sich deren „Transfer von der Politik hin zur Wissenschaft“ vollzogen hat – eine auch soziologische Fragestellung, zu der der erkrankte Dieter Senghaas, wie Weller bedauernd anmerkt, viel hätte erzählen können. Ein weiteres wichtiges Merkmal der AFK: Der seit 1991 jährlich vergebene Christiane-Rajewsky-Preis zur Nachwuchsförderung. In diesem Jahr erhält ihn die Wiener Politologin Claudia Brunner für ihre Dissertation zum Thema „Sinnformel Selbstmordattentat.“ Die Arbeit belegt kritisch eine Orientierung der Terrorismusforschung am Ziel der Terrorbekämpfung – eine „starke Verengung des Blickwinkels“, wie Weller anmerkt.

Ein Nachlassarchiv für die Zukunft der Friedensforschung

Weiteres Projekt Wellers: Er möchte Platz und wissenschaftliche Kapazitäten schaffen, um in Augsburg ein Archiv der Friedens- und Konfliktforschung anzulegen. Die Begründer der Friedensforschung seien derzeit um die 70 Jahre alt – es handle sich um „eine Generation, die in den nächsten 20 Jahren sterben wird.“ Vielen Nachlässen bedeutender Wissenschaftler drohe damit der Verlust. Weller würde gerne den Erben („die meist nicht wissen, wohin mit den vielen Büchern“) ein Archiv anbieten, das sich um diese Nachlässe kümmern könnte. Eine Fundgrube wäre solch eine Sammlung zweifelsohne auch für die derzeit rund 50 Masterstudenten, die sein Lehrstuhl betreut – und damit auch eine Investition in die Zukunft – nicht nur der Augsburger – Friedensforschung. Aber auch ein weiterer Mosaikstein im Plan der Stadt Augsburg, ihr Profil als „Friedensstadt“ weiter zu schärfen, wie Kulturreferent Peter Grab anmerkt: Zu dieser „Dachmarke“ gehöre durchaus auch die Wissenschaft, speziell die von der Friedens- und Konfliktforschung.

» Lehrstuhl für Politikwissenschaft, Friedens- und Konfliktforschung in Augsburg

» Die komplett überarbeitete Homepage der Arbeitsgemeinschaft Friedens- und Konfliktforschung



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