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Samstag, 04.04.2020 - Jahrgang 12 - www.daz-augsburg.de

BRECHTFESTIVAL

Festival: Brecht im Bild

In der Filmreihe zum Brechtfestival zeigt das Liliom Brechts letzten Urlaubstag kurz vor seinem Tod

Von Halrun Reinholz

Filmplakat aus dem Jahr 2000

Auch beim diesjährigen Brechtfestival tritt der unermüdliche Leiter des Brecht-Kreises Dr. Michael Friedrichs in Erscheinung, um Brecht in all seinen vielen Facetten darzustellen. Im historischen Ambiente des Liliom-Kinos zeigte eine Filmreihe Brecht in drei verschiedenen Produktionen: Erstens als Drehbuchautor bei dem Fritz-Lang-Film „Hangmen also Die“ aus dem Jahr 1943. Zweitens als Hauptperson in Jan Schüttes fiktionaler Filmerzählung über den letzten Urlaubstag der Brechts in Buckow im Sommer 1956. Und schließlich als Regisseur bei der 1950 entstandenen Inszenierung des Stückes „Der Hofmeister“ von Jakob Michael Reinhold Lenz, die mit großem Aufwand minutiös fotografisch dokumentiert worden ist. 

Nach einem Konzept von Tom Kühnel und Jürgen Kuttner sind diese Fotos von Schauspielern des Deutschen Theaters live synchronisiert worden.

Jan Schüttes „Abschied – Brechts letzter Sommer“ aus dem Jahr 2000 erzählt den letzten Urlaubstag Brechts im Ferienhaus in Buckow und liefert gleichzeitig ein vielschichtiges Bild der Beziehungsgeflechte rund um Brecht, der von Josef Bierbichler etwas bayrisch-behäbig dargestellt wird. „Jan Schütte hatte bei der Besetzung die geradezu geniale Idee, Sepp Bierbichler den Brecht spielen zu lassen. Auf den ersten Blick sieht er zu massiv aus, seine körperliche Präsenz wirkt stärker als die intellektuelle: Aber gerade damit wird die Widersprüchlichkeit dieses Mannes noch gravierender, lässt seine Krankheit ihn stets etwas eingebildet und allürenhaft aussehen – und macht es der Umgebung leichter, Brechts Gesundheitszustand zu ignorieren. Bierbichlers optische Unähnlichkeit bewahrt den Film zudem vor jenem Imitations-Effekt, der so viele ‚biopics‘ unterschwellig immer ein wenig zum Kuriosum macht.“ So die Süddeutsche Zeitung nach der Premiere im September 2000.

Monica Bleibtreu ist eine überzeugende Verkörperung von Helene Weigel, die in dem Ferienhaus das Regiment führt. Denn anwesend sind außer der Tochter Barbara (verkörpert von Birgit Minnichmayr) auch etliches weibliches Begleitpersonal des großen Brecht – die in die Jahre gekommene und alkoholabhängige Ruth Berlau (Margit Rogall), die treue „Sekretärin“ Elisabeth Hauptmann (Elfriede Irrall), die junge Schauspielerin Käthe Reichel (Jeannette Hain) und die hübsche Isot Kilian (Rena Zednikova) und ihr Mann, der politische Rebell Wolfgang Harich, der „in Abstimmung mit Moskau“ die Absetzung von Walter Ulbricht plant und mit Brecht über dessen politische Feigheit diskutiert. 

Im übrigen teilt er jedoch viel mit dem Dichter, auch seine Frau, „da bin ich vollkommen unbürgerlich“, wie er bekennt. Die menschlich-erotischen Konstellationen konterkarieren die politischen und Brecht wird zunehmend kranker, sein Herzleiden wird nur wenige Tage nach seiner Rückkehr nach Berlin zum Tod führen. 

So wirkt der Film wie eine Bestandsaufnahme, ein Vermächtnis. Nicht zuletzt auch durch einen Brückenschlag in seine Jugend, der über den Kunstgriff einer Gruppe junger Pioniere erfolgt, die den „Genossen Brecht“ mit einem Gedicht erfreuen: Erinnerung an die Marie A. „Weinst du?“, fragt die junge Schauspielerin Käthe erstaunt. „Mir ist nur was ins Aug gekommen“, wehrt er ab.

In seiner Einführung erinnert Michael Friedrichs daran, in welchem Zeitgeist der Film entstanden ist. Nach der Wende, als man dachte, die Konflikte zwischen den Blöcken seien, wie diese selbst, für immer verschwunden. Der hohe Symbolgehalt des Films entrückt ihn aber auch der Realität. Barbara Brecht-Schall verwehrte sich seinerzeit dagegen, dass dieses gesamte „Personal“ gleichzeitig in Buckow gewesen sein soll. An Birgit Minnichmayr als ihr „alter Ego“ ließ sie zudem kein gutes Haar.

Und Werner Hecht, der Biograf Brechts, kritisierte ebenfalls die konstruierte Person Brecht, den er von Bierbichler schlecht verkörpert sah. Wie auch immer, der Film mit hochkarätiger Besetzung zeigte den Festivalbesuchern über Brecht und sein Begleitpersonal ein Stimmungsbild der DDR am Vorabend der Revolution in Ungarn, das Persönliches und Politisches wirksam verwebt