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Sonntag, 05.12.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

FCA: schmeichelhaftes Remis gegen Union Berlin

Im vierten Spiel der vierten Saison in der Zweiten Bundesliga kam der FCA in seinem zweiten Heimspiel in der impuls arena zu einem glücklichen 1:1 Unentschieden und enttäuschte die 19.034 Zuschauer – sofern sie nicht zu den rund 800 Union Fans gehörten – mit einem insgesamt grottenschlechten Kick. Jos Luhukays Team zeigte am gestrigen Sonntag eine schwache Mannschaftsleistung und konnte sich glücklich schätzen, dass die spielerisch überlegenen Köpenicker nur einen Punkt aus Augsburg nach Berlin mitnahmen.

Man könnte Luhukay seine Anfangsformation vorhalten und die schwache erste Hälfe damit erklären, dass der FCA-Trainer Marcel Ndjeng, der in Bielefeld über rechts das FCA-Konterspiel beschleunigte, auf die linke Seite stellte. Ndjeng und Traore harmonierten jedoch nicht, und über links ging vom FCA in der ersten Halbzeit nicht die geringste Gefahr aus. Als Ndjeng in der zweiten Halbzeit wieder rechts spielte, wurde das Spiel nach vorne aber auch nicht druckvoller.

Mit zehn Mann mutiger Fußball nach vorne

Imre Szabics war – wie immer – hoch motiviert, fand aber – wie fast immer – keine Bande zur Mannschaft. Szabics wirkt wie ein Fremdkörper im Angriff des FCA, bekommt wenig Bälle und leistet insgesamt für die Mannschaft zu wenig. Für ihn kam in der 60. Minute (zu spät) Sandor Torghelle, der in der 70. Minute mit einer unglaublich rücksichtlosen Grätsche tief in des Gegners Hälfte (im vollen Lauf mit gestrecktem und hohem Bein von der Seite in Ball und Gegenspieler gesprungen) nach der Roten Karte bettelte, aber nur die Gelbe bekam. Eine schwer verständliche Fehlentscheidung der Unparteiischen. Drei Minuten später eine sogenannte Konzessions-Entscheidung des Schiedsrichters Christian Dingert: Der überragende Kenan Sahin düpierte Ndjeng, hängte sich ein und markierte den Sterbenden Schwan, bekam den Freistoß, was den bereits gelbbelasteten Kapitän Uwe Möhrle dergestalt in Rage brachte, dass er Herrn Dingert keine Wahl ließ: Gelbrot wegen unlauteren Reklamierens!

Der FCA lag zu diesem Zeitpunkt mit 0:1 im Rückstand. Möhrle hat mit dieser unklugen Aktion eindrucksvoll belegt, dass man sich als Kapitän ohne Rücksicht auf eigene Meriten zuweilen in den Dienst der Mannschaft zu stellen hat: Nach Möhrles Hinausstellung löste Luhukay die Viererkette auf und der FCA begann mit zehn Mann mutigen Fußball nach vorne zu spielen.

Union wie bei einem Heimspiel

Der Ausgleich fiel nach einer feinen Einzelleistung von Tobias Werner, der zwei Berliner düpierte und glücklich abschloss. Gästetorwart Jan Glinker zeigte sich bei dem haltbaren Ball nicht von seiner besten Seite. Glinkers Gegenüber, Simon Jentzsch schon eher, er hielt den FCA mit starken Paraden und gutem Stellungsspiel im Rennen. Ohne die starke Leistung Jentzschs wäre der FCA vermutlich chancenlos gewesen. Die Union-Profis Kenan Sahin, John Jairo Mosquera und Macchambes Younga-Mouhani wirbelten Richtung FCA-Tor ballsicher und trickreich das Spielgerät im Fünf-Minuten-Takt in den Strafraum. Die Defensivabteilung des FCA wurde bei fast jedem Angriff der Gäste unter Druck gesetzt und stand wohl aus diesem Grund im Lauf des Spiels immer tiefer.

Kenan Sahin sorgte in der 60. Minute mit einem fußballerischen Highlight für die Berliner Führung. Sahin narrte mit seinem Solo die komplette FCA-Abwehr und schloss sicher ab. Gefühlt war Sahin eine Minute im Ballbesitz und sorgte für einen jener grandiosen Momente, die sich unauslöschlich ins Langzeitgedächtnis jedes Fußballfan brennen. Sahins famoser Auftritt mobilisierte bei den 800 Union-Fans die letzten Kräfte. Die „Eisernen“ aus Berlin dominierten größtenteils die Atmosphäre im Stadion. Die Berliner Mannschaft trat dementsprechend wie in einem Heimspiel auf. Die Köpenicker Fanschar gehört zum Urgestein der deutschen Fußballkultur und sie ist vermutlich wie keine andere Fangruppierung mit dem Herzen dabei. Seit drei Uhr morgens waren sie auf den Beinen und feierten ihre Mannschaft nach dem Schlusspfiff minutenlang mit dem Union-Klassiker: „Union Berlin, unsere Liebe unsere Mannschaft unser Stolz, unser Verein – Union Berlin …“. Den Union-Spielern konnte man ihre Gänsehaut und ihren Respekt gegenüber ihren Fans ansehen.

Union-Fans: Urgestein der deutschen Fußballkultur (Foto: Jürgen Zeßin)

Eine offene Form der Vergangenheitsbewältigung

Die Köpenicker Anhänger galten in der DDR als besonders regimekritisch, bei Freistößen skandierten sie zu Tausenden „Die Mauer muss weg!“. Die Alte Försterei, das Stadion der „Eisernen“, war lange Zeit vor den Montagsdemonstrationen Trutzburg gegen die von der Stasi geförderten Vereine und der einzige Ort innerhalb der DDR, wo öffentlich Stimmung gegen das Regime laut wurde.

Die Aufrichtigkeit und Authentizität des Ostberliners Klubs wurde allerdings vergangene Woche schwer erschüttert. Der Spiegel hatte den Aufsichtsratvorsitzenden des dubiosen Union-Sponsors ISP als ehemaligen „Führungsoffizier des DDR Ministeriums für Staatssicherheit“ entlarvt. Union kündigte dem Sponsor, der jährlich 2 Millionen Euro (!) einbringen sollte, den Vertrag. In Augsburg trugen die Berliner Spieler Trikots mit einem roten Balken über der Brust, der die Sponsoraufschrift „verhüllte“. Diesmal keine Regimekritik, sondern eine offene Form der Vergangenheitsbewältigung. „Hätten die Union-Chefs nicht so schnell und eindeutig reagiert, hätten wir Feuer unters Dach gelegt“, so ein Union-Fan zur DAZ, die wissen wollte, wie es denn nun „finanztechnisch“ weitergehe. „Hör mir mit der Kohle auf, dat Geld juckt zwar, aber hier ist Ende.“

Der Hauptmann von Köpenick hätte große Freude an dem Höhenflug der Underdogs aus dem Osten der Hauptstadt gehabt. Die bescheidene Leistung der FCA-Truppe – gemessen an den eigenen Anspüchen – gehört zu den ewigen Mysterien, die den Fußball so interessant machen. „Man kann eben immer nur so gut spielen, wie es der Gegner zulässt“, diese alte Weisheit aus dem Hause Happel sollte man für dieses Spiel aus der Mottenkiste holen und gelten lassen, denn schließlich wollen wir Jos Luhukays Wort, dass sich seine „Mannschaft gefestigt hat“, nicht schon nach einer Woche als Plattitüde bezeichnen.