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Freitag, 24.09.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

FCA: Vom Bergwerk zum Opernball und wieder zurück



Stellen Sie sich vor, Sie haben die beste Loge. Sie ziehen Ihren Smoking an und gehen mit Ihrer Frau, die sich sündhaft teuer herausgeputzt hat, auf den Wiener Opernball. Sie verbringen dort eine rauschende Nacht und gehen am anderen Tag arbeiten – mit Presslufthammer in einen Bergwerkstollen. Schließen Sie die Augen und stellen Sie sich dabei vor, was Sie auf dem Opernball empfinden. Versuchen Sie emotional mit Ihrer Vorstellungsgabe zu erforschen, wie Sie sich im stickigen  Bergwerk wiederfinden. So können Sie vielleicht erahnen, wie es derzeit den Fußballprofis des FC Augsburg geht, die sich am heutigen Donnerstag in der WWK-Arena (21.05 Uhr) mit AZ Alkmaar in der Europa League duellieren und sich nur wenige Tage später mit Werder Bremen einen Überlebenskampf im Keller der Fußballbundesliga liefern müssen.

Von Siegfried Zagler

Keine Frage, dass das Spiel am Sonntag gegen Bremen (17.30 Uhr WWK-Arena) wichtiger ist, als die Kür auf dem internationalen Parkett. Dennoch sind Kategorisierungen wie “Pflicht und Kür” fehl am Platz! In der Europa League kann man in dieser Saison viel Geld verdienen: Das Startgeld für die Gruppenphase wurde von 1,3 Millionen Euro in 2014/2015 auf 2,4 Millionen Euro erhöht. – 360.000 Euro gibt es pro Sieg in der Gruppenphase, 120.000 Euro für ein Unentschieden. Für den Gruppensieger gibt es einen Bonus von 500.000 Euro, der Zweite bekommt noch 250.000 Euro. In der K.O.-Phase gäbe es dann richtig fette Beute: 750.000 Euro für das Erreichen des Achtelfinales, eine Millionen Euro für das Viertelfinale, 1,5 für das Halbfinale, 3,5 für den Verlierer des Finales und 6,5 für den Sieger. Bestenfalls kann ein Verein alleine durch die festgelegte Prämien 15,31 Millionen Euro verdienen. In etwa mit dieser Summe hat der FC Augsburg seinen Etat für die erste Bundesligasaison gebildet.

Tabelle nach der 3. Runde

Tabelle nach der 3. Runde


Um so verwunderlicher ist es, dass es dem FC Augsburg nicht gelingt, in der Gruppenphase der Europa League ein ausverkauftes Haus zu vermelden. Nur 23.000 Zuschauer wollten Partizan Belgrad sehen und an einem warmen Herbsttag wie heute, dürften die Verantwortlichen des FCA ebenfalls zufrieden sein, wenn knapp über 20.000 Zuschauer kommen. Drei Heimspiele pro Woche will der sparsame Schwabe wohl „mentalitätsmäßig“ nicht gänzlich verarbeiten – könnte man anführen, wenn die Heimspiele der Bundesliga ausverkauft gewesen wären. Waren sie aber nicht.

Mit dem AZ Alkmaar ist heute Abend eine Mannschaft in Augsburg zu Gast, die derzeit in einer „Minikrise“ steckt: Kein Sieg in den vergangenen vier Pflichtspielen: drei Niederlagen, ein Remis. Zuletzt verlor man das Heimspiel egen den NEC Nijmegen mit 2:4. Trotzdem sind die Sorgen von Alkmaar-Trainer John van den Brom nicht annähernd so groß wie die von FCA-Trainer Markus Weinzierl. Zwischen Alkmaar und dem Abstieg aus der holländischen Liga eins steht eine Welt, zwischen dem FCA und dem Abstieg in die zweite Bundesliga steht nichts als die Hoffnung, dass es ab Sonntag besser wird und in der Rückrunde Fahrt aufgenommen wird. Der FCA steht nämlich mit nur 6 Punkten am Tabellenende.

Vorfreude auf\'s Spiel: Alkmaar-Fans in der Augsburger Innenstadt

Vorfreude auf\'s Spiel: Alkmaar-Fans in der Augsburger Innenstadt


Zirka 1.000 Fans aus Alkmaar streifen derzeit am Donnerstagnachmittag friedlich durch die Innenstadt und belegen – wie auch die FCA-Fans in Alkmaar, dass der Fußball auch außerhalb der vier Eckfahnen sinnstiftend sein kann. Sportlich ist Folgendes zu vermerken: Bisher tat sich der FCA gegen Mannschaften, die hoch stehen und mit schnellen Stürmern ausgestattet sind, die mit hohem Tempo und Ball Richtung FCA-Strafraum sprinten können, sehr schwer. Bilbao, Belgrad, Hoffenheim und Dortmund ließen mit ihren talentierten Angriffsspielern die Augsburger allzu oft alt aussehen. Alkmaar hat eine junge und zielstrebig agierende Mannschaft, deren Schwäche darin besteht, dass sie ihrem hohen Tempo kräftemäßig zwischendurch Tribut zollen muss und sich deshalb pro Spiel ein bis zwei Auszeiten leistet. In Alkmaar gewann der FC Augsburg mit viel Glück und Marwin Hitz mit 1:0. Heute Abend würde ein Sieg eine weitere 360.000-Euro-Überweisung auslösen und ein Weiterkommen ermöglichen.