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Mittwoch, 20.10.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

FCA: Reuter könnte sich auch selbst freistellen

Warum die Verpflichtung Dirk Schusters ein Fehler war und sein Rauswurf zu begrüßen ist



Kommentar von Siegfried Zagler

Erstes Heimspiel gegen Dortmund

Auswärtsspiel gegen Dortmund


Auch vor dem Bundesligaspiel des FCA am heutigen Dienstag in Dortmund (20 Uhr) wirkt die offizielle Begründung zum Rauswurf von Dirk Schuster wenig glaubwürdig. Vielmehr drängt sich nach dem unsäglichen Theater mit Markus Weinzierl zum zweiten Mal der Eindruck auf, dass der FCA ein taktisches Verhältnis zur Wahrheit pflegt. Doch lassen wir an dieser Stelle die Spekulationen und Gerüchte beiseite, die sich seit Schusters Rauswurf wie Mehltau um diesen Vorgang legen. Auch wenn einiges davon plausibler wirkt als die offizielle Erklärung des Managers, sollte man dem FCA nicht aus einem Bauchgefühl heraus unterstellen, dass er die Unwahrheit sagt.

Auch wenn es schwer fällt: Nehmen wir doch einfach an, dass es keine Verfehlungen Schusters gibt und er nicht vom FCA mit einer vorgeschobenen Begründung geschützt wird. „Schwer fallen“ deshalb, weil man den besten Fall annehmen muss, nämlich dass Stefan Reuter nichts als die Wahrheit sagt. Wäre die FCA-Version aber tatsächlich in der Hauptsache zutreffend, müsste man zuerst festhalten, dass dem Duo Reuter/Hofmann mit der Verpflichtung Schusters ein gewaltiger Fehler unterlaufen ist.

Kein Allerweltsfehler, wie sie stets geschehen, wenn hinter einer Trainerverpflichtung keine entwickelte Philosophie, keine Spielkultur steht, in die sich ein neuer Trainer zu fügen hat, sondern ein schwerwiegender Fehler, denn immerhin hatte der FCA eine Art Philosophie. Bescheidenheit mag eine angenehme Tugend sein, aber als Gestaltungsprinzip führt sie in den Wald. Und dennoch wurde Schuster unter der Zukunftsprämisse der Bescheidenheit verpflichtet. Ein falsches Motto, das sich von der Genese des bayerisch-schwäbischen Bundesligisten ableiten lässt. Der FCA ist mit der Vision eines schrulligen und unberechenbaren Monarchen (Seinsch) und einem Management von vorgestern (Rettig) in die Bundesliga eingezogen und konnte dort die ersten Jahre wie durch ein Wunder überleben. Seinsch und Rettig investierten nur das Nötigste in die Struktur des FCA und setzten alles auf das Label „Überlebenskampf Bundesliga“. Dann das zweite Wunder. Das Zweitligaaufgebot des FCA entwickelte erstaunliche Bundesligatauglichkeit, dann kamen Spieler wie Ostrzolek, Hahn, Klavan, Hitz und Bobadilla nach Augsburg.

Der FCA gehörte plötzlich zur Grundausstattung der Bundesliga, ohne dass jemand genauer begriffen hätte, wie es dazu kommen konnte. Augsburg stellte eine starke Bundesligamannschaft, spielte Europa League, erzielte hohe Transferüberschüsse und einen Sack voll Fernsehgelder. Doch ausgerechnet in der vergangenen Transferperiode, in der dem FCA erstmalig ausreichend Mittel zu einer qualitativ deutlichen Verstärkung der Mannschaft zur Verfügung standen, kam genau das Gegenteil zustande: Der FCA verlor Qualität. Und Dirk Schuster formte aus diesen merkwürdigen Verhältnissen eine Ergebnisversprechung. Zur Erinnerung: Schuster wurde aus einem laufenden Vertrag herausgekauft. Die Höhe der Ablösesumme soll sich bei zirka einer Million Euro eingependelt haben und Schuster wurde mit einem Dreijahresvertrag ausstaffiert. Der FCA wollte ihn unbedingt haben. „Stolz wie Bolle“ waren die Klub-Verantwortlichen, als sie den „Trainer des Jahres“ als neuen FCA-Trainer präsentierten. Und Schuster hat geliefert, was man mit seiner Verpflichtung seitens des FCA zum heiligen Motto erklärt hatte: bescheidenen Nichtabstiegsfußball. Ein Programm, das in Mannschaftsaufstellung und Taktik umgesetzt wurde – und trotz gravierender Spielerausfälle sogar funktionieren sollte.

Der FC Augsburg erarbeitete sich unter Schuster ohne bundesligataugliche Offensivstrategie Punkt um Punkt, spielte einen trostlosen und rückwärtsgewandten Betonfußball, während die Aufsteiger Freiburg und Leipzig dynamischen Angriffsfußball zelebrierten und dabei nicht nur erfolgreicher als die Augsburger zu Werke gingen, sondern auch noch ein Spektakel  boten.

Nagelsmann in Hoffenheim, Streich in Freiburg, Hasenhüttl in Leipzig, Kovac in Frankfurt, Stöger in Köln, Dardai in Berlin und schließlich Schmidt in Mainz verkörpern gewachsene Konzepte, die tief in die Jugendarbeit hineinreichen und Wertschöpfungssysteme abbilden, die zu einer sportlich wertvollen Dynamisierung der Bundesliga führten. Traditionsvereine wie Nürnberg, Kaiserslautern, Düsseldorf, Hannover, Stuttgart, St. Pauli u.v.m. scheinen nicht verstanden zu haben, dass man auch im schnelllebigen Triumphgedöns des Spitzenfußballs über das Tagesgeschäft und den Tabellenstand hinaus planen muss.

Und der FCA?

Im Nachwuchsbereich ist in Augsburg in den letzten Jahren viel Positives geschehen. Im Profibereich arbeitet sich das Management am Tabellenstand ab: Die Mannschaft ist überaltert und von den Neuzugängen konnte bisher keiner ernsthaft überzeugen. Inzwischen lässt sich sogar die ketzerische Behauptung aufstellen, dass die meisten Neuverpflichtungen, die auf das Konto von Stefan Reuter gehen, einen kompletten Kader bilden könnten, der Schwierigkeiten hätte, sich in der Zweiten Liga zu halten. Dennoch konnte kein einziger Spieler aus dem eigenen Nachwuchsbereich bisher beim FCA in der Bundesliga Tritt fassen.

Im sechsten Jahr der Zugehörigkeit zu einer der stärksten Fußballligen in Europa, stellt sich für den FC Augsburg erstmalig die Frage, wie es weitergehen soll. Einfach irgendwie ein glückliches Händchen haben und immer darauf hoffen, dass man sich irgendwie in der ersten Liga halten kann, kann kein Konzept sein. Eine Wertschöpfung, wie sie zum Beispiel in Freiburg und anderen Klubs betrieben wird, dagegen schon. Fußball ist ein Ergebnissport, aber auch ein Spiel. Und nur dort, wo Fußball auch gespielt wird, entfacht er Begeisterung und entwickelt jene Aura, die einem Verein und seinem Publikum eine Identität geben. Das Spiel ist es, das zum Ergebnis führen sollte, nicht das Ergebnis zum Spiel. Man kann es mit Huub Stevens halten („Die Null muss stehen“) oder mit Schiller:„Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Worts Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“

Stefan Reuter steht seit Mittwoch unter genauer Beobachtung. Denn er ist es (zusammen mit Klaus Hofmann), der übernacht für den FCA eine neue Spielauffassung proklamiert hat. Damit hat Reuter indirekt erklärt, dass der Ergebnisfußball, den er in der Schlussphase mit Weinzierl und in dieser Saison mit Schuster zur FCA-Losung erhoben hat, nicht mehr zum FCA-Prinzip gehört. Damit hat Stefan Reuter sein bisheriges Schaffen selbst ad absurdum geführt. Wäre Reuter ein Denker, hätte er sich auch selbst freistellen können.