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Dienstag, 04.12.2018 - Jahrgang 10 - www.daz-augsburg.de

FCA: Gladbach könnte der passende Gegner sein

Warum gegen Gladbach ein Sieg im Bereich des Möglichen liegt

Von Siegfried Zagler

Niemand weiß genau, wie viele Zuschauer am 15. August 1973 im Münchner Olympiastadion das Zweitligaspiel zwischen dem TSV 1860 München und dem FC Augsburg verfolgten. Vorsichtige Schätzungen gehen von 80.000 aus, vermutlich waren es deutlich mehr. In manchen Berichten ist gar von 90.000 die Rede. Es war ein lauer Sommerabend, als in Augsburg das Fußballfieber ausbrach und sich geschätzte 50.000 FCA-Zugewandte spontan dazu entschlossen, ihrer Haller-Begeisterung nachzugehen. Ob nun 10.000 oder 20.000 Menschen mit oder ohne Eintrittskarten das Stadion stürmen sollten, blieb ebenfalls ungeklärt. Das unglaubliche Fußballspiel, das heute den inoffiziellen Zweitliga-Zuschauerrekord hält, ging 1:1 aus. Helmut Haller spielte seine erste Saison beim FCA und war damals ein Weltstar des Fußballsports. Von Haller waren an diesem denkwürdigen Abend drei, vier technische Aktionen zu sehen, die man in in dieser Perfektion – Beckenbauer hin, Beckenbauer her – in München noch nicht gesehen hatte. Der FCA war mit Haller megasexy und hätte alle Möglichkeiten gehabt, zu einer Zeit als sich der Profifußball in Deutschland gerade zu entwickeln begann, eine feste Größe auf der Landkarte der Bundesliga zu werden. Es sollte anders kommen.

Als sich 27 Jahre später, am letzten Spieltag der Zweitliga-Saison 2009/10 im Berliner Olympiastadion 77.116 Zuschauer einfanden, um die Begegnung Hertha BSC Berlin vs. FC Augsburg zu sehen, standen beide Teams als Bundesliga-Aufsteiger bereits fest. Der FCA war längst aus seinem 23-jährigen Tiefschlaf erwacht und spielte bereits die vierte Saison in der zweiten Liga. Die Zuschauerzahl dieses Spiels gilt heute als offizielle Zahl für den Zuschauerrekord eines Zweitliga-Spiels, womit der FCA wohl für die Ewigkeit als der Verein in die Geschichte des deutschen Fußballs eingeht, der einen inoffiziellen und einen offiziellen Zweitliga-Zuschauerrekorde hält.

In allen sechs Bundesligaspielzeiten, die nach diesem Aufstieg folgen sollten, wurde der FCA als Hauptverdächtiger für den Abstieg verhandelt. Das ist auch in dieser Saison so, worüber sich in Augsburg niemand aufregt. Schließlich befindet sich der FCA saisonübergreifend in einer Torflaute, die nicht unbedingt Anlass zum Optimismus gibt: In den letzten fünf Pflichtspielen erzielte der FCA zwei Tore. Das sind 0,4 Tore pro Spiel. Bliebe es bei dieser Quote, würde der FCA mit 14 geschossenen Toren seine siebte Bundesligasaison beenden und als Absteiger Tasmania Berlin (10 Punkte 15:108 Tore) als schlechtesten Absteiger aller Zeiten übertreffen. Soweit wird es wohl nicht kommen, doch ob der FCA mit seinem aktuellen Kader „absolut bundesligatauglich“ ist, wie FCA-Trainer Manuel Baum zu wissen glaubt, wird nicht nur seitens der DAZ bezweifelt. Tasmania Berlin ist auch Inhaber eines anderen Negativrekordes, der wohl auch für die Ewigkeit bestimmt ist: 827 Zuschauer sahen in der Saison 1965/66 im Berliner Olympiastadion die Partie zwischen Tasmania und Borussia Mönchengladbach.

Womit wir in der Jetztzeit sind. In wenigen Stunden kreuzen in der WWK Arena, die nicht ausverkauft sein wird, der FC Augsburg und Borussia Mönchengladbach die Klingen. Wollte man für dieses Spiel diverse Statistiken bemühen, käme man vorschnell zu einer Prognose, die den FCA als Favorit notiert. Das Auftaktspiel gewannen die Gladbacher zwar im emotionsgeladenen Derby gegen Köln, doch gerade dieser Sieg bedient eine Serie, die für den FCA spricht: Zwei Siege zum Auftakt gelangen den Fohlen in 49 Spielzeiten in der Bundesliga nur fünf Mal, zuletzt 1995/96. Die nächste pro-FCA-Serie: Seit die Augsburger dem Oberhaus angehören, haben die Gladbacher am Lech noch nicht gewonnen. Drei Siege, drei Unentschieden stehen für den FCA in der Heimspiel-Bilanz gegen Gladbach zu Buche. Kein anderes Bundesligateam hat eine schlechtere Augsburg-Bilanz als die Hecking-Schützlinge.

Was sonst noch für den FCA spricht? Wenig! Das sieht selbst FCA-Trainer Baum nicht anders: „Die Borussia hat eine extrem gute Spielanlage, sie sind sehr beweglich und haben Top-Qualität. Sie gehört für mich in dieser Saison zu den sechs besten Mannschaften in der Bundesliga. Wir sind zum jetzigen Stand weiter als im letzten Jahr, das hat das HSV-Spiel gezeigt. Wir wollen es jetzt über’s Kollektiv lösen.“ Wenn man das „Kollektiv“ als Lösung anführt, dann heißt das in die Normalsprache übersetzt: „Wir sind krasser Außenseiter, aber im Fußball kann man das wettmachen.“ Gladbachs Trainer Dieter Hecking geht die Partie mit breiter Brust an: „Wir sind gut drauf“, so Hecking, der auch gegen den FCA auf die spielerischen Qualitäten seiner Mannschaft baut. Das könnte die Siegchance des FCA erhöhen, falls die Augsburger ihre Vorsätze auch auf den Platz bringen sollten, nämlich den Gegner früh attackieren, um bei Balleroberung mit mehr Wucht und Willen als in Hamburg den Abschluss zu erzwingen.

Während Gladbach einen perfekten Saisonauftakt vorzuweisen hat, muss sich der FCA gegen eine Mini-Krise stemmen. Immerhin bleibt dem FCA ein hochmotivierter Bobadilla erspart: „Dem FCA war es sehr wichtig, dass ihr früherer Publikumsliebling nicht im ersten Heimspiel gegen sie aufläuft. Wir haben diesem Wunsch entsprochen“, so Borussias Sportdirektor Max Eberl auf der Homepage der Gladbacher. Raúl Bobadilla hatte kurz vor dem Saisonstart völlig überraschend einen Zweijahresvertrag bei der Borussia unterschrieben. Sollte der FCA heute – Statistik hin, Statistik her – sang- und klanglos gegen entfesselte Gladbacher untergehen, wird das Baum-Wort der „Bundesligatauglichkeit“ weiter zu hinterfragen sein. Möglicherweise ist aber gerade Borussia Mönchengladbach der passende Gegner für den FCA. Ein Sieg gegen die Fohlen liegt natürlich – wie gegen jeden anderen Bundesligagegner – im Bereich des Möglichen. Schließlich spielt man in der gleichen Liga.



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